Waffengesetze in den USA Parkland-Überlebender zwingt Werbekunden zum Boykott von Fox News

Die Moderatorin Laura Ingraham (links) machte sich in einem Tweet über den Aktivisten David Hogg (rechts) lustig.

(Foto: REUTERS)

Die konservative Moderatorin Laura Ingraham verhöhnt den Schüler David Hogg in einem Tweet. Doch dieser zeigt, dass er bei Social Media viel mächtiger ist.

Von Julian Dörr

Mittwochabend. Ein Teenager twittert eine Liste mit zwölf Unternehmen. Er will zu einem Boykott auffordern und bittet die Firmen, ihn zu unterstützen. Bittet sie, ihre Werbespots aus der Sendung The Ingraham Angle zurückzuziehen. Es geht um eine Talkshow des konservativen Senders Fox News, moderiert von Laura Ingraham. Keine 36 Stunden später sind neun von zwölf Unternehmen dem Aufruf gefolgt. Darunter der Weltkonzern Nestlé, das Videoportal Hulu und die Tourismuswebseite TripAdvisor.

Mit nur einem Tweet hat ein Teenager einen erfolgreichen Boykott gegen einen der größten TV-Sender der USA ausgelöst.

Nun muss man erwähnen, dass dieser Tweet gerade mehr ist als ein Tweet. Weil auch dieser Teenager gerade mehr ist als ein Teenager. David Hogg ist einer der Überlebenden des Anschlags an der Marjory Stoneman Douglas High School in Parkland, Florida, mit 17 Toten. Neben Emma González zählt er zu den bekanntesten Gesichtern der "Never Again"-Bewegung, die sich für strengere Waffengesetze in den USA einsetzt. David Hogg ist ein Aktivist. Manche nennen ihn "Stimme einer Generation".

Doch warum genau ruft ein junger Aktivist zum Werbe-Boykott einer Talkshow auf? Hinter diesem Aufruf steckt die Geschichte einer Eskalation, die mit einer Banalität beginnt und sich dann zu einer politischen Debatte ausweitet.

Und an diesem Beispiel wird erneut klar, wie sehr sich die Kräfteverhältnisse im öffentlichen Diskurs mittlerweile verschoben haben und dass sich Unternehmen in den USA immer mehr zum "Wächter der Werte" entwickeln und auch in hochpolitischen Fragen Stellung beziehen. Nach dem Parkland-Massaker beendeten mehrere Firmen, etwa Banken und Autovermietungen, ihre Zusammenarbeit mit der NRA-Waffenlobby, weil sie einen Image-Schaden fürchteten.

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Zurück zur Attacke der konservativen Ikone Laura Ingraham. Am Mittwochmorgen veröffentlicht die populäre Talkshow-Moderatorin einen Tweet, in dem sie sich über David Hogg und seine gescheiterten College-Bewerbungen lustig machte: "David Hogg Rejected By Four Colleges To Which He Applied and whines about it."

Ingraham wies ihre mehr als zwei Millionen Follower auf einen Artikel der konservativen Nachrichtenseite Daily Wire hin. Darin wird ein Gespräch zwischen Hogg und dem Boulevardmedium TMZ zitiert. Vier unterschiedliche kalifornische Universitäten hätten seine Bewerbungen abgelehnt, sagt Hogg: "Es ist in letzter Zeit in dieser Hinsicht nicht so gut gelaufen für mich und andere Mitglieder unserer Bewegung."

Der 17 Jahre alte Hogg reagiert auf diesen ziemlich geschmacklosen Tweet auf ziemlich souveräne Weise. Er recherchiert die zwölf größten Werbekunden von The Ingraham Angle, sammelt sie in einer Liste und teilt sie auf Twitter mit seinen beinahe 700 000 Followern.

"Ich bin nicht das Thema hier. Das Thema muss Waffengewalt in den USA sein"

Seine Strategie hat Erfolg: Schon nach wenigen Stunden melden sich die ersten Firmen und kündigen an, dass sie ihre Werbeanzeigen zurückziehen werden. Am Donnerstagnachmittag entschuldigt sich Laura Ingraham öffentlich auf Twitter. Damit hätte die Sache beendet sein können.

Doch nicht mit David Hogg. In einem CNN-Interview nennt er Ingrahams Entschuldigung "heuchlerisch"; sie habe nur Angst vor den Verlusten. Auf die Frage der CNN-Moderatorin, was er denn von seiner gesellschaftlichen Macht halte, antwortet Hogg: "Ich finde es großartig, dass sich amerikanische Großkonzerne hinter mich und meine Freunde stellen. Wenn du einen von uns angreifst, dann greifst du alle von uns an."

In dem kurzen Gespräch fordert Hogg die Zuschauer außerdem dazu auf, sich nicht vom "echten" Diskurs ablenken zu lassen. "Ich bin nicht das Thema hier. Das Thema muss Waffengewalt in den USA sein. Sie [Laura Ingraham, Anm. d. Red.] versucht davon abzulenken. Und das hasse ich." Erst vor einer Woche hatte Hogg in einer Rede beim "March for our Lives" vor Hunderttausenden in Washington strengere Waffengesetze gefordert.

Ablenken, diskreditieren. Das ist eine oft erfolgreiche Taktik von Laura Ingraham. So versucht sie, aus ihrer Sicht politisch unerwünschte Meinungen zu entkräften. Kürzlich hat sie die beiden NBA-Stars LeBron James und Kevin Durant öffentlich gerügt, nachdem diese Präsident Trump als Rassisten bezeichnet hatten.

Ingraham sprach ihnen die zuerst die Fähigkeit ab, am gesellschaftlichen Diskurs teilzuhaben ("Behaltet eure politischen Kommentare für euch. Haltet die Klappe und dribbelt."), bevor sie die beiden Basketballspieler zu einer "echten" Diskussionsrunde in ihrer Sendung einlud. So ging Ingraham nun auch mit Hogg um. Erst verhöhnte sie den jungen Aktivisten, dann lud sie ihn als Teil ihrer Entschuldigung zu einem Gespräch ein.

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Doch dazu wird es zumindest in naher Zukunft nicht kommen. Laura Ingraham verkündet am Freitag, dass sie in der kommenden Woche Urlaub nehmen werde. Ihre Sendung soll indes weiterlaufen, geführt von Gast-Moderatoren. Auch das ist ein klassisches Muster beim Sender Fox News.

Im vergangenen Jahr verabschiedete sich Bill O'Reilly in einen "Urlaub". Die New York Times hatte zuvor berichtet, dass der Moderator fünf Frauen, die ihm sexuelle Übergriffe vorwarfen, über Jahre hinweg insgesamt 13 Millionen Dollar Schweigegeld gezahlt hatte. Auch damals wurde zum Boykott von Fox News aufgerufen. Mehr als 50 Werbekunden von The O'Reilly Factor sprangen ab, am Ende verlor der Moderator seinen Job (nicht ohne jedoch mindestens 25 Millionen Dollar Abfindung kassiert zu haben).

Dass Laura Ingraham ihre Sendung aufgeben muss, ist unwahrscheinlich. Die 53-Jährige ist glühende Trump-Anhängerin und äußerst beliebt beim konservativen Fox-Publikum; zudem läuft ihre Sendung erst seit Oktober 2017.

Die Ereignisse der vergangenen Tage zeigen aber deutlich, wie sehr sich das Machtverhältnis zwischen traditionellen Medien, international agierenden Unternehmen und einflussreichen und sendungsbewussten Einzelpersonen verschoben hat. Und die NRA hat erneut zu spüren bekommen, dass die Parkland-Teenager für die Waffenlobby viel gefährlicher sind als es die Politiker je waren.

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