Vorbereitungen zum Eurovision Song Contest:Menschenrechte mit Kartoffelsalat

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Roman Lob und sein Mentor Thomas D. essen in der deutschen Botschaft in Baku Würstchen. Dabei geht es auch um die Menschenrechte, aber nicht so sehr um deren Einhaltung in Aserbaidschan. Doch zur Musik: Wie sich ganz großer Mist anhört, zeigt sich bei einer Probe für das Finale.

Hans Hoff

Roman Lob und Thomas D. beim Eurovision Song Contest 2012

Roman Lob und sein Mentor Thomas D. sind inzwischen in Baku angekommen. Auf dem Programm unter anderem eine Würstcheneinladung in der deutschen Botschaft.

(Foto: dapd)

Für den deutschen Botschafter in Aserbaidschan ist der 23. Mai ein besonderer Tag. Behauptet er. Weil vor 63 Jahren das Grundgesetz in Kraft getreten ist, schmeißt Herbert Quelle sich im Garten seiner Residenz in die Brust. "Ich bin stolz darauf, diese Werte hier in Baku verteidigen zu dürfen", sagt er und gibt für seine zahlreich erschienenen Gäste den Dankbaren. Aber gefeiert wird an diesem Mittwoch nicht das Grundgesetz, sondern ein 21-jähriger Industriemechaniker aus Neustadt (Wied). Roman Lob macht ein freundliches Gesicht für den Herrn Botschafter. Eigentlich macht er sowieso immer ein freundliches Gesicht. Heute aber hat er sogar das karierte Hemd weggelassen. Für den Empfang trägt Roman helles Blau ohne Karo.

Natürlich singt er auch. Natürlich singt er wieder "Standing Still", jenes Lied, mit dem er am Samstag beim Finale des Eurovision Song Contest (ESC) mindestens in die Top Ten stürmen will. Doch diesmal ist es etwas Besonderes, denn am Piano sitzt der Herr Botschafter höchstpersönlich. "Das Ding geht nicht", sagt der, als die Tasten nicht tönen wollen. Aber dann wollen sie doch, und Quelle holpert ein bisschen den restlichen Akteuren hinterher. Er schleppt, sagen Musiker zu so einem. Aber weil Roman Lob "Standing Still" schon eine Million Mal geträllert hat, ist ihm wurscht, ob da einer an Verspätung leidet. Roman zieht das durch. Und das, obwohl seine Stimme ein bisschen angeschlagen klingt. Das schwül-warm-windige Wetter am Kaspischen Meer setzt auch dem Mützenträger zu. Die nächsten Tage muss er ohne viel Hully-Gully auskommen. Nur ein paar Interviews, die nicht weiter stressen, weil er da ohnehin immer dasselbe sagt. Stimme schonen ist angesagt.

"Viel Spaß beim Würstchen essen und Bier trinken", wünscht er noch. Dann versinkt er in der Menge jener, die sich bei Kartoffelsalat und Bratwürstchen vergnügen. Dafür spricht sein musikalischer Ziehvater. Thomas D. sagt, dass es beim ESC natürlich auch um Menschenrechte gehen soll und dass es damit bekanntlich in Baku nicht zum Besten bestellt ist. Aber wenn man ihm in Interviews schon direkt am Anfang immer nur mit Menschenrechten komme, dann verkenne man doch ein bisschen die Sachlage. Ein bisschen Roman und ESC müsse schon auch noch Platz haben.

Das mit den Menschenrechten interessiert die European Broadcasting Union (EBU) normalerweise nicht so sehr. Der Eurovision Song Contest sei eine unpolitische Veranstaltung, und aus der Politik halte man sich deshalb heraus, sagen die Veranstalter. Wer je versucht hat, mit feuchten Fingern ein nasses Stück Seife festzuhalten, kann ermessen, wie schwer es ist, einem EBU-Vertreter so etwas wie Kritik an den aserbaidschanischen Verhältnissen zu entlocken. Da mutet es fast wie ein Wunder an, wenn die ESC-Media-Chefin Annika Nyberg Frankenhaeuser nun betont, dass die Menschenrechte im Land nicht auf dem Stand seien, auf dem sie sein sollten. "Wir arbeiten an dem Problem auf lange Sicht", verspricht sie. "Es wird eine sehr langwierige Arbeit, und wir wollen ein Teil davon sein", fügt sie noch an.

Dann gibt ESC-Chef Jon Ola Sand bekannt, dass die alljährliche paneuropäische Liederei 2013 am 18. Mai stattfinden soll. Wo? Das ist noch unbekannt. Da muss am Samstag erst einmal jemand gewinnen und Ausrichter fürs nächste Jahr werden. Schwierig könnte es aussehen, gewönne Weißrussland. Die ARD hat schon vorbeugend verkündet, sie wolle dann nicht mitmachen. Von wegen lupenreiner Diktatur und so. Damit fiele für die EBU ein großer Zahler aus. Also bleibt die EBU lieber schwammig. "Wenn wir uns in der Situation befinden, müssen wir uns damit befassen", sagt Nyberg Frankenhaeuser.

Tatbestand der Körperverletzung

Die meint ohnehin, dass die Journalisten sich besser mit der Musik beim ESC befassen sollten. Oder zumindest mit dem, was man beim ESC als Musik verkauft. Die Probe zum zweiten Halbfinale gibt da einen ziemlich gruseligen Eindruck. Da sitze ich in der brandneuen Crystal Hall und notiere mir, wer von den 18 gerade probenden Künstlern denn nach meinem Ermessen rausfliegen soll. Am Ende stehen 13 Namen auf der Liste, und keiner hat Gnade verdient. In Wahrheit fliegen natürlich nur acht raus, also mindestens das, was Portugal, Bulgarien, Slowenien, Kroatien, Georgien, die Türkei und die Slowakei auf der Bühne bieten. Das fällt streng genommen nämlich unter den Tatbestand der Körperverletzung.

Auch die Holländerin Joan Franka, die mit Indianerschmuck und Umhängegitarre zum blauen langen Kleid fast schon originell wirkt, gehört musikalisch ganz schnell in die ewigen Jagdgründe. Aber so ist der ESC nun mal gestrickt. Das Motto lautet: Biete den Menschen ganz viel ganz großen Mist an und lass sie von dem ganz großen Mist ein bisschen was weg wählen, dann bleibt am Ende zwar immer noch ziemlich viel Mist übrig. Den aber mögen die Menschen dann, weil sie denken, sie hätten sich das selbst ausgesucht.

Wie sich ganz ganz ganz großer Mist anhört, zeigt sich bei der Probe fürs Halbfinale übrigens, als die Gewinner der letzten fünf Jahre als Pausenact auf die Bühne kommen und neben ihren Siegerliedern auch noch Abbas "Waterloo" gemeinsam zur Schlachtplatte verwursten. Ganz offenbar hat niemand es für nötig gehalten, seinen Text richtig zu lernen, und die in langem schwarzen Rock und weißer Bluse eher brav angetretene Lena guckt sehr unsicher um sich. Möglicherweise kann sie gerade nicht ausmachen, ob sie selbst falsch singt oder ob ihre Kollegen da den ultimativen Klangmist produzieren.

Baku, Baku, Aserbaidschan, dann wieder Baku

Man darf davon ausgehen, dass die Organisatoren das bis zum Donnerstagabend noch ein paarmal proben lassen. Auf dass die ganz große Blamage erspart bleibt. Zweifel sind indes angebracht, denn die Musik steht dieses Jahr beim ESC eher im Hintergrund. Vielmehr ist die ganze Veranstaltung angelegt als klingender Prospekt für Reisen nach Aserbaidschan. Zwischen den Titeln, wo in den vergangenen Jahren immer kleine Filmchen, so genannte Postkarten, charmant auf die Herkunft des Sängers aufmerksam machten, laufen in diesem Jahr nur Werbeclips für Baku. Einer nach dem anderen. Sehr ermüdend. Wenn keiner für Baku läuft, ist Aserbaidschan als Ganzes im Bild. Dann wieder Baku. Nochmal Baku. Und dann auch mal wieder Aserbaidschan.

Das trägt naturgemäß nicht gerade zu einer entspannten Atmosphäre bei und bleibt weit hinter dem geschmackvollen Auftreten zurück, das 2011 in Düsseldorf großes Ereignis wurde. Auch die riesige LED-Wand, die in Düsseldorf für offene Münder sorgte, ist in diesem Jahr nicht mehr der Hingucker. Zersplittert in etliche Fragmente hängt sie hinter und über der Bühne, doch sie verliert an Wirkung. Deutlich wird die Lust am Effekt übertrieben. Zu viel Blitz. Zu viel Glimmer. Zu viele Flächen.

Aber möglicherweise ist ja eine Lösung in Sicht. Bei der EBU hat man angesichts der ständig steigenden Kosten darüber nachgedacht, auch kleinere Konzepte für künftige Austragungsjahre möglich zu machen. "Es könnte Jahre geben, in denen der ESC auch kleiner ausfallen könnte", hat ESC-Chef Sand gesagt. Es wäre also an der Zeit, dass ein kleines Land, das sich nicht viel leisten kann, siegen würde, um das Wettrüsten einmal zu stoppen. Albanien würde sich da förmlich anbieten. Ist klein, ist nicht reich, hat aber ein Lied im Rennen, das gleichzeitig zur Wiederbelebung von Komapatienten wie auch zu deren erneuter Komatisierung taugt und damit komplett dem Geist des Trällerwettbewerbs entspricht. ESC ist halt erst richtig schön, wenn es ganz doll schmerzt. Insofern hat Baku doch eine Menge zu bieten.

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