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Hörspiel "Vom Wind verweht":Traum von einer gerechteren Gesellschaft

Hörspiel "Vom Wind verweht - Die Prissy-Edition"

Scarlett und Prissy: Zwei Frauen, die aufeinander angewiesen sind und doch in ganz unterschiedlichen Milieus um ihren Platz und ihre Würde kämpfen. Illustration: Hélène Baum-Owoyele/WDR

Debatte über Diversität: In einer Hörspielfassung interpretiert der WDR "Vom Wind verweht" vollkommen neu.

Von Stefan Fischer

Die Haupterzählung dieses Hörspiels handelt zur Zeit des Amerikanischen Bürgerkriegs sowie in den Jahren unmittelbar danach. Doch die 16 Folgen stürzen sich auch in einen gegenwärtigen Kulturkampf, in dem um Diversität gerungen und darüber gestritten wird, wer welche Literatur übersetzen und wer welche Rollen auf der Bühne, im Film oder eben im Radio spielen darf.

Das Hörspiel Vom Wind verweht - Die Prissy Edition, inszeniert von Jörg Schlüter und Judith Lorentz, bietet eine vollkommen neue Lesart jenes Stoffes, aus dem in den Dreißigerjahren Margaret Mitchell ihren Bestseller-Roman geschaffen hat und Victor Fleming einen Filmklassiker. Denn die Geschichte über die herrschende Gesellschaftsschicht der weißen Plantagenbesitzer in Georgia, die den Bürgerkrieg verliert und dadurch viele ihrer Privilegien bedroht sieht, wird erzählt aus der Perspektive von Prissy. Jener ursprünglichen Nebenfigur, die erst als Sklavin und später als Befreite im Haushalt der O'Haras lebt.

Die Verstocktheit, Tollpatschigkeit und auch Naivität dieser von Lea Draeger gespielten Figur wird hier interpretiert als eine Verweigerungshaltung. Als Versuch, sich der resoluten, emotional unterkühlten Hauptfigur Scarlett O'Hara (Lisa Hrdina) nicht vollkommen ausliefern zu müssen. Margaret Mitchells Roman ist jedoch nur eine Quelle des Hörspiels. Die junge afrodeutsche Schauspielerin und Autorin Amina Eisner hat einen zusätzlichen Erzählstrang erfunden, der in der deutschen Gegenwart spielt.

Prissys Nachfahren leben inzwischen in der Bundesrepublik, seit Lawrence hier als GI stationiert war. Ron Williams spielt mit seiner volltönenden Stimme diesen Mann, der wie seine beiden erwachsenen Enkeltöchter immer wieder mit dem Alltagsrassismus der Mehrheitsgesellschaft konfrontiert wird - und sich mit Celeste und Conny (Sithembile Menck, Anja Herden) streitet, wie sie darauf reagieren sollen. Der Alte beschwichtigt, die jungen Frauen setzen sich zur Wehr.

Im Verlauf dieser zweiten Geschichte tauchen Tagebücher auf von diversen Frauen der Familie. Das älteste stammt von Prissy, die damit einen Grundstein gelegt hat für eine Chronik aus schwarzer Perspektive. Erst durch diese Verschriftlichung der eigenen Erlebnisse bezeugen die Schwarzen ihre Geschichte, werden Teil der historischen Fortschreibung. In den Zeiten der Sklaverei war nicht einmal eine mündliche Tradierung gewährleistet, weil der skrupellose Menschenhandel Familien auseinandergerissen und damit auch Erinnerungslinien gekappt hat.

Wer erzählt? Was wird erzählt? Wem und wie? Das divers besetzte Hörspiel bricht alte Gewohnheiten auf - inhaltlich, aber auch durch die Auswahl der Beteiligten - und wird selbst Teil des Diskurses über Diversität. So lässt sich debattieren, ob es übergriffig ist oder aber in dieser Klarheit notwendig, wenn im Intro jeder Folge Martin Luther Kings "I have a dream"-Rede verwoben wird mit dem von Nina Simone gesungenen, für die Bürgerrechtsbewegung ikonischen "Strange Fruit".

Der WDR verlässt mit dieser Produktion bewusst das Milieu des kulturinteressierten Publikums. Vom Wind verweht - Die Prissy Edition wird nicht nur am angestammten Hörspiel-Sendeplatz auf WDR 3 ausgestrahlt, sondern auch in der Massenwelle WDR 4. Am Ende jeder Folge tritt eine Schauspielerin aus ihrer Rolle heraus und vor dieses Publikum, um einen eigenen Traum von einer gerechteren Gesellschaft zur Debatte zu stellen.

Vom Wind verweht - Die Prissy Edition, WDR 3, montags bis donnerstags täglich um 19.04 Uhr; WDR 4, montags bis donnerstags täglich um 20.04 Uhr . Als Download im WDR-Hörspiel-Speicher.

© SZ/cag
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