Nachruf:Der Tausendsassa

Schauspieler Volker Lechtenbrink

Volker Lechtenbrink (1944-2021).

(Foto: Uwe Zucchi/dpa)

Volker Lechtenbrink, Schauspieler, Sänger, Moderator - sein Antrieb schien für ein Leben nicht auszureichen.

Von Martin Zips

Wer die Achtundsechziger begreifen wollte, der war bei diesem Künstler gut aufgehoben. Als "egozentrisch" bezeichnete sich Volker Lechtenbrink einmal, als "pazifistisch" und "lebenshungrig". Von Gustaf Gründgens war er als Zehnjähriger nach dem Auftritt in einem Weihnachtsstück auf seine schauspielerische Begabung angesprochen worden. Und mit 14 besetzte ihn Bernhard Wicki im später Oscar-nominierten deutschen Kriegsdrama Die Brücke als kindlichen Soldaten Klaus. Aber Lechtenbrink war in seinem Leben auch Schlagersänger, Regisseur und Intendant der Festspiele von Bad Hersfeld sowie des Hamburger Ernst-Deutsch-Theaters. Er nahm so ziemlich alles mit.

Mal war er die Urlaubsvertretung von Frank Elstner bei Radio Luxemburg, dann spielte er den König Lear oder tanzte mit Hippies an den Stränden von Ibiza, wenn er nicht gerade eine Gastrolle im Derrick oder bei Rosamunde Pilcher übernahm oder Wahlkampf für Willy Brandt machte. In der noch jungen Bundesrepublik floh der im Badeort Cranz in Ostpreußen im Jahr 1944 geborene Sohn eines Kaufmanns vor dem Wehrdienst. Er haute zu seinem Kollegen Günter Pfitzmann nach West-Berlin ab, der in Wickis Antikriegsfilm den Unteroffizier Heilmann gespielt hatte. Und schließlich wurde Lechtenbrink von einer Medizinerin für untauglich erklärt. Die Ärztin hatte den damals 19-Jährigen am Abend zuvor in Tolstois Stück "Die Macht der Finsternis" als tragischen Kriegsdienstverweigerer auf der Bühne gesehen. Das hatte sie derart beeindruckt, dass sie keine Fragen mehr stellte.

Bei aller künstlerischen Begabung: Sein Antrieb war stets auch ein politischer

Ein einziges Leben schien diesem Mann, der fünf Mal verheiratet war (zuletzt mit einer Heilpraktikerin), und auch mit früheren Beziehungen immer guten Kontakt pflegte, nicht zu genügen. Sein Antrieb dürfte, bei aller Begabung und seinem frühen Interesse an Theater und Radio, stets auch ein politischer gewesen sein: Nie wieder Krieg! Denn der hatte Millionen Tod und Verderben gebracht und seine Familie - alles keine Künstler - die Heimat gekostet. Nie wieder Armut! Denn nichts hätte Volker Lechtenbrink lieber gehabt als ein paar Geschwister, was seinen nach 1945 in Bremen und Hamburg gelandeten Flüchtlingseltern aber als wirtschaftlich zu riskant erschien. Und nie wieder irgendwelchen gefährlichen Hetzern das Steuer überlassen, sondern lieber gemeinsam feiern gehen.

Und so schlug er ganz gerne mal über die Stränge, der Lechtenbrink. Seine Stimme war schon früh vom Whiskey- und Zigarettenkonsum derart lädiert, dass er oft als Sprecher eingesetzt wurde, zum Beispiel als Synchronstimme von Hollywood-Größen wie Dennis Quaid oder Kris Kristofferson, dessen Lieder er auch auf Deutsch vernudelte. Doch wer schon als Jugendlicher derart kantige Gesichtszüge trug, wie sie von Caravaggio stammen könnten, wer seine Haut regelmäßig (das erzählte Lechtenbrink ganz offen) im Solarium bräunte, und wer es sogar schaffte, einen Weltstar wie Anthony Quinn in seine kleine deutsche Personality-Show zu locken (was Lechtenbrink nur gelang, weil Quinn ein großer Fan des Antikriegsfilms Die Brücke war), der darf letztlich auch mal Lieder singen wie "Leben so, wie ich es mag/Leben spüren, Tag für Tag/Das heißt immer wieder fragen./Das heißt wagen, nicht nur klagen." Ja, so einer darf auch ruhig mal Werbung für Malzkaffee machen oder in die Kamera brummen: "Vergessen wir nie: ,Danke' heißt ,Merci'." Diesen Werbespruch, so meinte er, habe er sogar erfunden.

Ein skeptischer Humor und die Angst vor Vereinnahmung gehörten zur Familientradition

Von seinem Großvater, einem Finanzbeamten, wurde Volker Lechtenbrink als Kind jedenfalls "Piefke" genannt. Dieser Humor hatte Tradition in seiner bürgerlichen, aber politisch und weltanschaulich völlig undogmatischen Familie. Immer schön skeptisch bleiben und sich von keiner Seite vereinnahmen lassen. Gell, Piefke? Und so wurde Lechtenbrink zu einem glücklichen Menschen. Das könne aber auch damit zusammenhängen, dass er seine Lebensziele nie besonders hoch gesteckt habe, meinte er einmal. Vielleicht lag es auch ein bisschen an den vielen geduldigen Frauen an seiner Seite.

Nirgendwo wurde Lechtenbrink jedenfalls begeisterter gefeiert als auf den Hamburger Bühnen. Gut, dass er die Stadt der Insel Ibiza am Ende doch vorzog. Konnte man zwischen St. Pauli und Blankenese seine inneren Widersprüche nicht besonders gut ausleben? "Theater ist das Medium, was mich als Egozentriker am meisten befriedigt", so fasste er es mal zusammen.

Nun ist Volker Lechtenbrink an den Folgen einer langen, schweren Krankheit im Alter von 77 Jahren gestorben, im Kreise seiner Familie. Erst im August hatte man ihn während einer Feier im Hamburger Ernst-Deutsch-Theater für sein Lebenswerk geehrt. Und zwar mit dem Gustaf-Gründgens-Preis.

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