Vierteiliges Hörspiel:Schweigekartell

Für "Das schweigende Mädchen" hat Elfriede Jelinek den NSU-Prozess zu einem Jüngsten Gericht transformiert, indem sie Protokolle und Akten mit religiösen Motiven kombiniert.

Von Stefan Fischer

Im Anfang war das Wort: Die Schöpfungsgeschichte suggeriert, dass sich alles erzählen und erklären lässt. Ein Trugschluss. Manches lässt sich nicht erklären, anderes bleibt willentlich unerklärt. Mitunter fällt beides ineinander. Wie bei den NSU-Morden und dem Prozess gegen Beate Zschäpe. Bei der NSU war von Anfang an nur die Tat. Kein Wort, keine Erzählung der Täter, wie krude auch immer. Also auch keine Erklärungen. Oder, von Seiten der Strafverfolger, hanebüchen falsche. Im Prozess dann: mehr Schweigen als Worte.

Elfriede Jelinek transformiert den Prozess im vierteiligen Hörspiel Das schweigende Mädchen (Regie: Leonhard Koppelmann) zu einem Jüngsten Gericht. Sie kombiniert Protokolle und Ermittlungsakten mit religiösen und mythologischen Motiven. Das Terroristentrio stilisiert sie zu zwei toten Erlösern und der sie gebärenden Jungfrau - eine radikale Umdeutung der biblischen Heilsgeschichte.

Jelinek veranstaltet ein Tribunal, gerichtet gegen das Schweigen, Leugnen, Wegschauen. Am Beispiel einer grotesk fehlgeleiteten Schöpfungsfantasie der Terroristen, die sich eine neue Gesellschaft herbeimorden wollten. Das schweigende Mädchen ist weniger griffig als andere Jelinek-Texte. Die Wahrheit ist hier rätselhafter als etwa die über den Naziterror in Rechnitz. Selbst Gott blickt nicht immer durch.

Das schweigende Mädchen, Bayern 2, freitags, 21.03 Uhr.

© SZ vom 11.09.2015
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