Videoplattform "Journalismus ohne Risiko gibt es nicht."

Die Deutsche Welle startet einen Youtube-Kanal für Türkei - mit aufwendigem Coummunity-Management. Intendant Peter Limbourg über die Pläne.

Von HANS HOFF

Rund vier Millionen Views erreichten in diesem Jahr die für die Türkei gedachten Videos der Deutschen Welle (DW) bei YouTube pro Monat. Das ist ein stattlicher Wert, aber einer, der durchaus zu steigern wäre. Um das zu schaffen, hat sich der deutsche Auslandssender nun mit Partnern aus England, Frankreich und den USA zusammengetan und gemeinsam mit der BBC, France 24 und der Voice Of America zum Wochenbeginn einen neuen Kanal auf YouTube gestartet. Der heißt +90, genau wie die Ländervorwahl für die Türkei.

Ein "großes gegenseitiges Informationsbedürfnis" zwischen Deutschland und der Türkei sieht Deutsche-Welle-Intendant Peter Limbourg.

(Foto: imago/Martin Müller)

DW-Intendant Peter Limbourg hofft, dass mit +90 auch andere Zuschauer angesprochen werden. "Wir denken, dass wir mit dem neuen Angebot gezielt an jüngere Nutzer herankommen", sagt er. Mit +90 will Limbourg das bestehende YouTube-Angebot, das bislang eher nachrichtlich orientiert ist und so bleiben soll, ergänzen.

Bisher hat der bestehende DW-YouTube-Kanal für die Türkei rund 200 000 Abonnenten, was aber als eine eher relative Größe anzusehen ist. Abonnenten sind zwar eine wichtige Bezugsgröße, aber niemand weiß, ob sie den Kanal, den sie mit einem Kanal abonniert haben, auch wirklich nutzen. Limbourg will die neuen Nutzer deshalb auch mit Unterhaltendem ködern. "Wir setzen auf längere Beiträge, auf Erklärstücke, die durchaus auch 15 Minuten dauern dürfen", sagt er und betont, dass man auf dem Clipkanal keine Billigware verramschen will: "Bei YouTube müssen sie Hochglanz anbieten", erklärt er.

Die Notwendigkeit, die Aktivitäten der Auslandssender gerade für die Türkei zu verstärken, ergibt sich für Limbourg nicht nur aus der aktuell prekären Lage der Meinungsfreiheit in der Türkei. "Wir haben so viele Verbindungen dorthin, und es gibt da ein großes gegenseitiges Informationsbedürfnis." Koordiniert wird das Projekt, bei dem die internationalen Partner selbstständig ihre Beiträge einstellen, von der Deutschen Welle, wo man auch ein Auge auf die Social-Media-Einbindung werfen will. Dass Nutzer, denen die Inhalte nicht passen, gezielt die Kommentarspalten fluten - dieser Gefahr möchte man vorbeugen. "Wir werden einiges aufwenden fürs Community-Management." Bewusst ist sich Limbourg, dass die Regierung in der Türkei weiß, wie man Massen gegen unliebsame Beiträge mobilisiert. "Mit dem Risiko müssen wir leben, aber wir müssen schauen, dass wir es angemessen moderieren", erklärt Limbourg, der indes Kritik aus bestimmten Kreisen gewohnt ist. Es gehöre zum täglichen Geschäft, "dass unser Angebot bei der jeweiligen Regierung nicht immer willkommen ist. Journalismus ohne Risiko gibt es nicht."

Was aber wird, wenn die Türkei YouTube komplett abschaltet, weil sich dort zu viele kritische Beiträge finden? Limbourg glaubt nicht, dass die Gefahr bestehe. "Wenn man YouTube abschaltet, schaltet man es für alle ab", erklärt er und schließt auch die Möglichkeit aus, dass YouTube auf Druck der Regierung einzelne Videos sperrt. Fragt man den Intendanten, wie der Erfolg des Projekts bemessen wird, bleibt er vage. "Wir glauben, dass wir eine relevante Nutzerzahl erreichen." Langfristig schließt er auch einen Kanal mit durchlaufendem linearem Programm nicht aus. "Das ist eine Option, die wir anstreben. Das erfordert aber mehr Mittel."