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Verifizierung von Online-Content:Manipulierte Videos sexueller Übergriffe

Auch andere Sender wollen nicht auf die Quelle Internet verzichten. Beim ZDF begutachten zwei Fachleute Aufnahmen aus fragwürdigen Quellen. Bei Bedarf zieht die Mainzer Redaktion Experten hinzu. Die Nachrichtenredaktion von Pro Sieben Sat 1 berichtet, dass ihr häufiger manipulierte Videos angeboten werden. In einem Fall sollte ein Video angeblich sexuelle Übergriffe aus der Kölner Silvesternacht zeigen. Tatsächlich handelte es sich aber um Belästigungen junger Frauen auf dem Tahrir-Platz in Kairo. Auch bei RTL Aktuell hat man unliebsame Erfahrungen mit Falschmeldungen im Netz gemacht: "Nach einem Terroranschlag dauert es keine anderthalb Minuten, bis Bilder des angeblichen Tatorts oder Täters gepostet werden", sagt Redaktionsleiter Gerhard Kohlenbach. Insgesamt 15 Mitarbeiter sind dafür geschult, manipulierte Aufnahmen zu erkennen.

Um im hektischen Redaktionsalltag nicht der Versuchung schnell verfügbarer Bilder zu erliegen, folgt die Überprüfung bei der Tagesschau einem festen Muster. Zunächst ist ein kritischer Geist gefragt: Sind Uniformen oder Abzeichen von Menschen zu erkennen? Stimmen die Eindrücke mit Berichten anderer Quellen überein? Den Online-Detektiven hilft dabei beispielsweise das Portal Panoramio, das Fotos von Orten auf der ganzen Welt zeigt. So lassen sich markante Gebäude oder Berge im Hintergrund einordnen. "Wir versuchen außerdem immer, Kontakt mit den Urhebern aufzunehmen", sagt ARD-Mann Wegener. Ein Anruf bei Korrespondenten oder lokalen Informanten kann den Internet-Forensikern ebenfalls helfen.

Den Strom der Bilder noch schneller kanalisieren

Mit technischen Kniffen lässt sich oft herausfinden, ob Fotos nachträglich bearbeitet wurden. Per Rückwärtssuche auf Google kann man feststellen, ob ein angeblich neues Bild schon vorher im Internet aufgetaucht ist. Diese Funktion war nach dem Absturz der Germanwings-Maschine im Frühjahr 2015 sehr nützlich, als vermeintliche Aufnahmen der Unglücksmaschine das Netz fluteten. Die allermeisten waren Fakes und zeigten frühere Abstürze.

Um in akuten Krisensituationen den Strom der Bilder noch schneller zu kanalisieren, hat die ARD die Bildung eines Netzwerkes mit anderen europäischen Sendern forciert. Experten aus 20 Ländern tauschen sich nun per Whatsapp aus. Dabei profitieren die Journalisten von der Ortskenntnis der Redaktionen. "Für die französischen Kollegen war es ein Leichtes zu erkennen, ob angebliche Bilder vom Terroranschlag in Paris wirklich dort entstanden sind", sagt Wegener.

Doch Online-Teams, Rückwärtssuche und Metadaten-Analysen zum Trotz - nicht immer gelang es der Tagesschau, Fälschungen aufzuspüren. So zeigte das ukrainische Fernsehen vor gut zwei Jahren Bilder eines angeblich von Separatisten abgeschossenen ukrainischen Hubschraubers. Die Tagesschau übernahm die Darstellung. Tatsächlich waren es eingeschleuste Archivbilder aus Syrien. Über den Fehler wurde auf dem Tagesschau-Blog informiert.

Aus der Erfahrung hat man gelernt und ist noch vorsichtiger geworden. "Unser höchstes Gut ist die Glaubwürdigkeit. Im Zweifel entscheiden wir uns gegen die Veröffentlichung", sagt Tagesschau-Vize Nitsche. So geschah es auch im Fall des mutmaßlichen Chlorgas-Angriffs auf Aleppo. Zu unklar blieb, ob der chemische Kampfstoff wirklich eingesetzt wurde und selbst wenn, von welcher Seite. Und so müssen Michael Wegener und Kollegen manch einen Indizienprozess ungelöst einstellen.