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Verhandlung gegen Oscar Pistorius:Die Gerichts-Show

Oscar Pistorius

Oscar Pistorius vor Gericht am 20. Februar 2013.

(Foto: AFP)

Anfang März beginnt in Südafrika der Prozess gegen den Sportler Oscar Pistorius, der vor einem Jahr seine Freundin erschoss. Das Land bereitet sich auf ein Medienspektakel vor - mit einem eigenen TV-Sender.

Gut zwei Monate ist es erst her, dass Südafrika in Anwesenheit von internationaler Prominenz und Presse seinen ehemaligen Präsidenten Nelson Mandela beerdigen musste, jetzt bereitet sich das Land auf das nächste, völlig andere Mediengroßereignis vor.

Am 3. März beginnt der Prozess gegen Oscar Pistorius, den beinamputierten Leistungssportler, der vor gut einem Jahr seine Freundin Reeva Steenkamp durch die geschlossene Badezimmertür hindurch erschossen hat. Im Mittelpunkt steht seitdem die Frage: Hat er sie vorsätzlich ermordet, wie die Staatsanwaltschaft beweisen will, oder war es fahrlässige Tötung, in der irrigen Annahme, im Bad verstecke sich ein bewaffneter Einbrecher?

Wie auch immer das Urteil ausfallen wird, für Südafrikas Medien hat der Fall Pistorius bereits eine neue Zeitrechnung gebracht. In der Redaktion der Wochenzeitung Mail & Guardian teilen sie seit dem Datum der Tat - dem 15. Februar 2013 - Ereignisse in "BMP" oder "AMP" ein: "Before Mount Pistorius" oder "After Mount Pistorius". Vor oder nach jenem extrem steilen Gipfel, den die Nachricht in den Zugriffsstatistiken der News-Websites erzeugte.

Damals, schreibt ein Kommentator von Mail & Guardian, "wurden wir zur Boulevard-Nation". In Pistorius' Straße im Villenviertel Waterkloof in Pretoria parkten dicht an dicht die Übertragungswagen, Fotografen kampierten neben ihren Motorrädern, die Medien dieser Welt bombardierten die Pressesprecherin der Pistorius-Familie, Janine Hills, mit bis zu 2000 E-Mails täglich, und die gab sich völlig überrumpelt: "Keiner von uns hatte einen Schimmer, wie berühmt Oscar Pistorius in aller Welt tatsächlich war."

Diesem gewaltigen Dürsten nach Details soll nun ein eigener Fernsehsender Rechnung tragen. Einen Tag vor Prozessbeginn, am 2. März, will der südafrikanische Kabelanbieter Multi-Choice mit einem Kanal auf Sendung gehen, der rund um die Uhr vom Fall des gefallenen Helden berichten wird: Man werde "Insider-Informationen zum aufsehenerregendsten und umstrittensten Thema der jüngeren südafrikanischen Geschichte liefern".

"Ein paar Worte aus meinem Herzen"

Den Kanal rund um die Uhr zu bespielen und dabei allzu ausgiebige Wiederholungen zu vermeiden, dürfte eine Herausforderung werden: Das Gericht hat noch nicht endgültig entschieden, inwieweit Fernsehaufnahmen während des Verfahrens zugelassen werden, und der Angeklagte und seine Familie gaben sich zuletzt weiterhin wenig auskunftsfreudig.

In seiner ersten Twitter-Mitteilung seit dem Tag der Tat verwies Pistorius am vergangenen Freitag auf "ein paar Worte aus meinem Herzen" auf seiner Website. Ihn "verzehre" der Schmerz angesichts des "verheerenden Unfalls", erklärt er dort; den "Verlust von Reeva und das Trauma jenes Tages werde ich für den Rest meines Lebens in mir tragen".

Eventueller News-Knappheit beugen die Macher des 24-Stunden-Kanals vor, indem sie neben der aktuellen Berichterstattung ausführliche Experteninterviews und Dokumentationen planen. Schwierige Recherchen ist das Team jedenfalls gewohnt: Es besteht aus den Produzenten einer wöchentlichen Investigativ-Sendung.

Zwei Monate nach Prozessbeginn wird in Südafrika übrigens gewählt, zum ersten Mal seit dem Tod Nelson Mandelas. Präsident Jacob Zuma dürfte jedes Spektakel um Oscar Pistorius höchst willkommen sein. Es könnte ein wenig von den massiven Korruptionsvorwürfen gegen ihn ablenken.

© SZ vom 18.02.2014/mkoh

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