Vergessene große Tat:Zweite Rettung

Die Kinder von Windermere

Wiedergewonnene Lebensfreude nach schweren Jahren.

(Foto: Helen Sloan Smpsp/ZDF)

Der ZDF-Film "Die Kinder von Windermere" erzählt die Geschichte von mehr als 700 jüdischen Kindern und Jugendlichen, die ihre Angehörigen im KZ verloren hatten. Ein Wohltäter holte sie nach England.

Von Joachim Käppner

Er ist nur 1,65 Meter groß, aber er stemmte Gewichte in die Luft, die andere Männer kaum hätten anheben können. Ben Helfgott, geboren 1929, war in den Fünfzigern ein Star in der britischen Sportwelt. Er holte vier Meistertitel im Gewichtheben und nahm an den Olympischen Spielen teil. Millionen Briten kannten seinen Namen. Aber seine Geschichte kannten nur wenige.

1945 hatte die Regierung Ihrer Majestät auf Betreiben des Wohltäters Leonard Montefiore 1000 jüdischen Kindern und Jugendlichen, die ihre Angehörigen in den Konzentrationslagern verloren hatten, die Aufnahme in das Vereinigte Königreich angeboten. Es kamen 732 junge Juden, die meisten aus Osteuropa. "Trotz aller Bemühungen konnten nicht einmal tausend überlebende Kinder ausfindig gemacht werden", sagte Ben Helfgott zu dieser Zahl. Er selbst gehörte zu ihnen. Er war in Polen geboren, die deutschen Besatzer ermordeten seine Familie, seinen Vater noch kurz vor der Befreiung.

Die ersten 300 Jungen und Mädchen aus Osteuropa fanden eine Übergangsheimat in einer Ferienidylle, am englischen Lake Windermere. Ein jüdischer Deutscher, der Psychologe Oscar Friedmann, versuchte in mühevoller Kleinarbeit, etwas Licht und Hoffnung in ihr Leben zurückzubringen, sie zumindest zu befähigen, mit den Traumata des Holocaust leben zu lernen. Die behutsame Therapie dort war ein Meilenstein in der Jugendpsychologie. Diese berührende Geschichte zeigt, zum Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee, an diesem Montag der ZDF-Fernsehfim Die Kinder von Windermere.

Es ist selbstredend schwer, solche Schicksale, eine solche Geschichte zu verfilmen, und der gute Wille, dies angemessen zu tun, lässt sich in jeder einzelnen Szene erkennen. Darin hat der Film seine bewegenden Momente: Die Kinder misstrauen anfangs allem und jedem, nachts schreien und stöhnen sie im Schlaf. Der unter der Regie von Michael Samuels entstandene Film versucht gar nicht erst, das Erlebte, Erduldete aus den Lagern in Bilder zu übersetzen, vielleicht ist das besser so, weil es dieses Drehbuch wohl heillos überfordert hätte. Er zeigt nicht das Grauen der Verfolgung, sondern das Weiterleben im Schatten des Grauens. "Unsere Kinder malen ihre Schmerzen, es ist, als hätten sie zu ihren glücklichen Erinnerungen keinen Zugang mehr", sagt einmal die Lehrerin, als die Schüler zeichnen.

Ein Nachteil ist der fürs öffentlich-rechtliche Fernsehen nicht untypische Charakter eines leicht hölzernen historischen Kammerspiels. Vor allem den jungen, wirklich motivierten Schauspielern ist zu verdanken, dass dieser Film nicht in eine Oberflächlichkeit abgleitet, die dem Schicksal der Kinder vom Lake Windermere nun wirklich nicht gerecht würde. Wer einen tieferen Einblick möchte: Ben Helfgott hat im Jahr 2000 einem Biografen sein Leben erzählt, der Titel des Buchs allein spricht davon, was in Windermere gelang: From Victim to Champion.

Die Kinder von Windermere, ZDF, Mo., 22.15 Uhr .

© SZ vom 27.01.2020
Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB