#verafake bei Böhmermann:"Warum machst du so'n Dreck?"

Eine besondere Rolle fällt bei solchen Sendungen übrigens jenen Gestalten zu, deren Aufgabe es ist, die arglosen Kandidaten ans mediale Messer zu liefern. Die Ansagerin Inka Bause kann beispielsweise sehr schön unschuldig lächeln, wenn bei Bauer sucht Frau paarungswillige Agronomen zu Dorfdeppen deklassiert werden, die in einer Welt ohne Gummistiefel komplett verloren wären. Geht man nach dem Bild, das solche Sendungen von einem Berufsstand zeichnen, dann sind deutsche Bauern zwar in der Lage, einen Traktor zu führen. Ihr eigenes Leben kriegen sie aber irgendwie nicht auf die Reihe.

All das konnte man wissen. Immer schon. Vor fünf Jahren hat etwa Tim Mälzer in einer Talkshow die Schwiegertochter gesucht-Ansagerin Vera Int-Veen mit einer eindeutigen Frage konfrontiert. "Warum machst du so'n Dreck?", fragte er. Kann man bei Youtube nachschauen. Man kann dort auch sehen, wie Int-Veen sich empört zeigt, wie sie sich als Menschenfreundin aufspielt und sich Pontius-Pilatus-mäßig auf das Wahlrecht ihrer "Schützlinge" beruft. Mehr musste man schon damals nicht sehen, um mehr zu wissen.

Schwiegertochter gesucht war nie das unschuldige Vergnügen, als das es manche zelebrierten, um sich eine Stunde lang ein wenig guilty pleasure zu leisten. Schwiegertochter gesucht war immer genau der Dreck, nach dem die Sendung aussah.

Vera Int-Veen - einschlägig berüchtigt

Es verwundert also nicht, dass ausgerechnet Int-Veen und ihr Schwiegertochter gesucht im Mittelpunkt von #verafake stehen. Die Dame ist einschlägig berüchtigt. Man findet im Netz leicht Clips, die zeigen, wie sie bei einem anderen Format die Kamera auf Menschen hetzt, die sehr offensichtlich nicht gefilmt werden wollen. "Hinterher, Leute, hophophop, bewegt euch", scheucht sie da ihr Team. Muss man mehr wissen?

Ja doch, man wüsste gerne, mit welchem Gefühl Vera Int-Veen morgens in den Spiegel schaut. Man wüsste auch gerne, wie Senderverantwortliche ihren Familien erklären, was sie Int-Veen so alles durchgehen lassen.

Vielleicht könnte man bei der Gelegenheit ja gleich auch noch ein paar Wortwärter auf die aktuelle Empörungswelle schicken. Die könnten dort anprangern, was in diesen Sendungen der deutschen Sprache angetan wird. Wie da nämlich sogenannte Moderatoren regelmäßig in eine Art Alliterationstourette ausbrechen, das ist mit verbaler Vergewaltigung unschuldiger Buchstaben noch viel zu harmlos klassifiziert ist. Aber um Qualität geht es ja ohnehin nicht. Es geht um die gezielt narkotische Wirkung solcher Sendungen.

Bitterböse? Bitterböse!

Wenn da vom einsamen Eisenbahnfreund, vom attraktiven Andersliebenden oder vom kundigen Konditor gefaselt wird, soll das natürlich Niedlichkeit simulieren. Schaut her, lautet die banale Botschaft, wer so lieblich lamentiert, kann nicht bitterböse sein. Auch wir im putzigen Produzententeam leben mit elenden Einschränkungen.

Das kann man unterschreiben, muss allerdings dringend einen Zusatz anfügen: Ja, ihr lebt mit Einschränkungen, aber ganz anders, als ihr das wahrhaben wollt.

© SZ.de/jobr
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