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Medienkolumne "Abspann": Vativision:Biblischer Stream

Pope Francis attends the weekly general audience at the Vatican

2020 soll der Vatikan mit eigenem Streamingdienst starten: "Vativision".

(Foto: Yara Nardi/Reuters)

Der Vatikan hat bald seinen eigenen Streamingdienst. Das ist nur konsequent: Schließlich kann die katholische Kirche dafür eine ihrer Kernkompetenzen nutzen.

Zwischen den Jahren nennt man eine Zeit, die es gar nicht gibt. Aber da der Mensch sich nun mal sehr nach einer Auszeit sehnt, hat er die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr metaphysisch vollkommen illegal "zwischen den Jahren" genannt. Anderseits: Lockert so ein kalendarischer Blödsinn diese festlichen Tage nicht wunderbar auf? Und ist ein fiktiver Zeitraum nicht bestens dafür geeignet, über Dinge nachzudenken, die selbst noch fiktiv sind? Zum Beispiel der neue Streaming-Dienst des Vatikan: Vativision, der 2020 starten soll.

Vativision - das Netflix für Katholiken, wie Branchendienste gerne schreiben - ist für das Frühjahr angekündigt. Feststeht, dass dieser Dienst am Nächsten sich an Zuschauer christlichen Glaubens auf der ganzen Welt richten wird. Das ist keine Überraschung, aber eine große Aufgabe. Andererseits macht die Katholische Kirche seit vielen Jahrhunderten nichts anderes, als rund um die Uhr ein weltumspannendes Programm zu vermarkten, das ist ihre Kernkompetenz. So gesehen ist sie allen anderen ebenfalls um ein weltweites Publikum buhlenden Anbietern haus-, kirchen- und himmelhoch überlegen. Sie hat ein Profil, das für 1,3 Milliarden potenzielle Nutzer sofort verständlich ist.

Wird Vativision den bei Netflix laufenden Papst-Film erwerben?

Italienische Medien haben berichtet, dass beim "Streaming on Demand" Serien, Filme und Dokumentarfilme zu sehen sein werden. Also das, was bei allen anderen Streamingdiensten auch angeboten wird. Vativision wird in Bergamo produziert werden, von einer Firma, mit der der Vatikan bereits seit längerem bei Dokus zusammengearbeitet hat. Vativision wird in einer Zeit starten, in welcher der Streaming-Markt so umkämpft ist wie nie zuvor. Amazon Prime ist jetzt sogar in die Champions-League eingestiegen. Immer häufiger tauchen Streamingplattformen auf, deren Namen klingen, als seien sie nur für eine Serie gegründet worden.

Da fragt man sich, wann geht Tchibo mit Bohnenvision an den Start? Wann bietet die SPD ihren Streamingdienst Juso-Prime an? Sie könnte sich bei der Katholischen Kirche abgucken, wie man dem Mitgliederschwund entgegenstreamt. Und wird Vativision den bei Netflix laufenden Film Die zwei Päpste erwerben? Ach, alberne Zwischen-den-Jahren-Träumerei. Für alle, die sich schon mal eingrooven wollen: Bibel-TV bietet längst Yesflix. Bei den Serien und Filmen geht es liebevoll, positiv, christlich zu. Die Welt ist schön, Probleme sind lösbar, wenn man das Richtige glaubt, das Richtige streamt. Auch wenn alles nur fiktiv ist.

© SZ vom 28.12.2019
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