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Varoufakis in den Medien:"Man wollte nicht, dass ich gehört werde"

Schnell nach oben, schnell nach unten - und immer noch da: Yanis Varoufakis.

(Foto: Louisa Gouliamaki/afp)

Varoufakis - war das nicht der Mann mit ohne Stinkefinger, der in der griechischen Politik keine Rolle mehr spielt? Ungeachtet dessen füllt er nach wie vor die Schlagzeilen. Aktuell verkündet er seine Liebe zu Deutschland.

Von Ruth Schneeberger

Varoufakis zieht immer. Das gilt auch nach seinem persönlichen Grexit, seinem Ausstieg aus der Politik als griechischer Finanzminister. Kaum ein Medium in Deutschland, das seit seinem gemeinsamen Antritt mit Ministerpräsident Alexis Tsipras Ende Januar nicht vor allem ihn thematisiert hätte: Varoufakis geißelt dies, Varoufakis favorisiert das, Varoufakis zeigt Deutschland den Stinkefinger oder auch nicht, wird bei Günther Jauch schlecht behandelt oder auch nicht.

Erst seit der Mann mit dem Charakterkopf keinen politischen Posten mehr inne hat, beschäftigen sich deutsche Medien ausführlicher mit dem verbliebenen Tsipras.

"Meine Worte haben die deutsche Öffentlichkeit nicht erreicht"

Doch Yanis Varoufakis ist damit nicht am Ende. Gerade erschien sein Buch "Time For Change - Wie ich meiner Tochter die Wirtschaft erkläre" auf Deutsch im Hanser Verlag. Jetzt wurden Varoufakis' angebliche Geheimpläne bekannt, wie er mit Hilfe eines befreundeten Professors aus Kindertagen, der über Hackerfähigkeiten verfügt, den Grexit schon vor Beginn seiner Amtszeit habe vorbereiten wollen.

Am Dienstag titelte Zeit Online in Hinblick auf ein Interview, das im Zeit-Magazin am Donnerstag erscheinen wird: "Meine Worte haben die deutsche Öffentlichkeit nicht erreicht."

Dabei haben äußerst viele von Varoufakis' Worten die deutsche Öffentlichkeit erreicht. Nur offenbar in seinen Augen und Ohren die falschen: In Wirklichkeit sei er ein Deutschland-Liebhaber.

"Während der griechischen Militärdiktatur bin ich praktisch mit dem Radioprogramm der Deutschen Welle aufgewachsen. Das war eine Stimme der Freiheit." Für seine Eltern sei Deutschland eine spirituelle Heimat gewesen, seine Mutter sei ausgebildete Deutschlehrerin, die Sommerferien seiner Jugend habe er in den deutschen und österreichischen Alpen verbracht. "Es gibt noch einen Familienfilm, in dem ich mit Freunden fließend Deutsch spreche."

Warum also dieses Missverständnis? "Die Medien haben mich von Anfang an als diesen Verrückten hingestellt, der den Deutschen ans Geld will", sagt er im Interview mit der Zeit. Das sei für ihn eine der größten Enttäuschungen seiner Amtszeit. Gezielt hätten Medien ihn diskreditiert: "Man wollte nicht, dass ich gehört werde. Ich wurde als gefährlicher Dummkopf dargestellt." Über sich selbst sagt er nun: "Ich bin ein Außenseiter. Aber manchmal können nur Außenseiter wirklich erkennen, was schiefläuft, weil sie den nötigen Abstand haben."

Varoufakis vs Eurogruppe

Und er greift noch einmal inhaltlich an: "Die Währungsunion wird von einem undurchsichtigen Gremium regiert, das niemandem Rechenschaft schuldig ist und dessen Sitzungen nicht protokolliert werden. Meiner Ansicht nach ist das ein Anschlag auf die Demokratie. (...) Es ist ein Desaster, was Europa in dieser Runde angetan wird."

In der Tat haben sich die deutschen Medien in der gesamten Griechenland-Krise nicht immer korrekt verhalten. Viele unterschwellige bis ganz offen gezeigte Ressentiments gegenüber der angeblich nachlässigen griechischen Mentalität beeinflussen nach wie vor auch die politische Debatte.

Umso mehr stürzten sich die Medien auf den Mann, der all dies Lügen zu strafen schien und dennoch prachtvoll verkörperte: einen vor Selbstbewusstsein strotzenden Macher-Typen, Wirtschaftswissenschaftler mit rhetorischen Fähigkeiten und Ausstrahlung. Sie stürzten sich damit auch auf einen Mann, der auf den ersten Blick das Gegenteil der hiesigen Politiker verkörperte. Die stets zurückhaltende Merkel und auch der noch so scharf schießende Schäuble wirken wie gemächliche Langweiler gegenüber dem politisch bis dahin unverbrauchten 54-Jährigen.

Wie war das nun mit dem Stinkefinger?

Der sich selten festlegen lässt, wie auch jetzt wieder in Bezug auf die Stinkefinger-Frage, die die deutschen Medien in überforderte Schnappatmung verfallen ließ und einem Komiker wie Jan Böhmermann deshalb die große Stunde bescherte: Hat Varoufakis nun den Deutschen den Stinkefinger gezeigt oder nicht? In dem Interview gibt er die ultimative janusköpfige Antwort: "Ich weiß es nicht mehr genau, aber ich kann es mir nicht vorstellen. Jemandem den Mittelfinger zu zeigen, ist nicht meine Art. Ich habe drei Leute gefragt, die damals dabei waren. Einer hat gesagt, ich habe den Finger gezeigt, die beiden anderen meinten, ich habe es nicht getan."

Dem Kollegen Tsipras und anderen europäischen Politikern wurde Varoufakis im Eifer des Gefechts zu viel des Guten. Unter anderem deshalb, weil er den Gläubigern Griechenlands "Terrorismus" vorwarf. Die deutschen Medien hingegen können von Varoufakis kaum genug bekommen. Auch in dieser Redaktion wird angeregt darüber diskutiert, ob die Jugendreisen und Musikvorlieben des Varoufakis noch ein Thema des öffentlichen Interesses sind oder nicht.

Immerhin, ein erhellender Satz fällt noch in dem Interview: Nina Hagen sei die Heldin seiner Jugend gewesen, erklärt er. Auf die Nachfrage der Journalisten, ob es ihn nicht störe, dass sie jetzt ziemlich abgedreht sei, sagt Varoufakis: "Das ist doch gut so!" Genau für diese Einstellung lieben ihn die einen - und hassen ihn die anderen: für seine Leidenschaft zur Unvernunft.

© SZ.de/rus/pak/ghe/gba

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