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US-Medien und Covid-19:Schonfrist durch Virus

vom Plain Dealer in Ohio, (c) Gianna Niewel

Die Redaktion der Tageszeitung Plain Dealer sieht aus wie ein Bunker.

(Foto: Gianna Niewel)
  • Bei der Tageszeitung The Plain Dealer in Cleveland wurden Ende März 22 von 40 Redakteuren entlassen.
  • Kurz darauf wurden die ersten Menschen in der Stadt positiv auf das Coronvirus getestet - die Kündigungen wurden um einen Monat verschoben.
  • Am Freitag soll die Belegschaft erfahren, wie es weitergeht.

Wenn eine Zeitung mehr als die Hälfte der Redaktion entlässt, was ist dann schlimmer: Gehen zu müssen oder bleiben zu dürfen? Und was ist, wenn die Entlassung dann um zwei Wochen verschoben wird, weil zwar nur wenige Menschen in Cleveland, Ohio, die 18 Dollar im Monat für das Zeitungsabo bezahlen wollen - viele sich aber für die Zahl der Corona-Infizierten interessieren?

Der Plain Dealer sieht aus wie ein Bunker. Dicke Wände, verdunkelte Fensterscheiben. Man fährt mit einem Aufzug in den ersten Stock, geht vorbei an einer Kantine, in der niemand mehr kocht, an der Druckerei, an einer riesigen USA-Flagge. Die Redaktion sitzt in einem Großraumbüro, wobei die meisten Redakteurinnen und Redakteure von zuhause aus arbeiten. Sie fahren nur an den Stadtrand von Cleveland, wenn es etwas zu besprechen gibt. In letzter Zeit gab es viel zu besprechen.

Am 1. März wurde Tim Warsinskey neuer Chefredakteur des Plain Dealers, er hatte schon als Junge die Zeitung ausgetragen, saß als Sportreporter im Baseball-Stadion, war zuletzt stellvertretender Chef. Nach einer Woche im Dienst, am 9. März, musste er die Redaktion noch einmal zusammenbitten. Diesmal gab es nichts zu feiern. Die Zeitung muss bis Ende März 22 Redakteurinnen und Redakteure entlassen. 22 von 40. Aber weil das die USA sind, sagte er nicht nur, wie leid ihm das tue, sondern auch, dass es irgendwie weitergehen würde. Keep going. Ein paar Stunden später wurden im Bundesstaat Ohio dann die ersten drei Menschen positiv auf Corona getestet. Keep going? Die Redaktion war schon wieder dabei.

Sogar die Washington Post wurde auf die Redaktion aufmerksam

Cleveland liegt im Nordosten der USA, am Ufer des Eriesees, durchs Wasser verläuft die Grenze zu Kanada. Im 19. Jahrhundert gründete John Rockefeller hier seine erste Erdölraffinerie, in der Stadt wurde produziert. Eisenbahnschienen, Dampfschiffe, Getriebe. Heute leben nur noch etwa 350 000 Menschen in der Stadt, viele Junge ziehen weg, viele Alte bleiben - und lesen den Plain Dealer.

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1969 veröffentlichte die Zeitung als erste in den USA Bilder des Kriegsfotografen Ron Haeberle. Die Überschrift: Massaker in Vietnam. Darunter das Foto eines Feldwegs in My Lai in schwarz-weiß. Neben dem Weg wuchern Gräser, auf der Erde aber liegen tote Vietnamesen, niedergeschossen von amerikanischen Soldaten. Es waren die Bilder eines Kriegsverbrechens. In den folgenden Jahren gewann der Plain Dealer zwei Mal den Pulitzer-Preis, zuletzt 2005, doch auch die Preise konnten nicht verhindern, dass die Auflage sank. Zuletzt wurden an den Wochentagen nur noch 120 000 Ausgaben gedruckt. Aber es ist die einzige Zeitung in Cleveland, und vielleicht hilft das, um zu verstehen, wieso sie gerade jetzt so wichtig ist.

In der Redaktion nahmen sie sich deshalb keine Zeit für ihre Enttäuschung, ihre Wut über die Kündigungen. Die Wirtschaftsredakteurin sprach mit Obdachlosen. Wie schützt man sich vor einer Seuche, wenn man nicht mal ein eigenes Bad hat, um sich die Hände zu waschen? Die Datenjournalistin erstellte Grafiken mit den neuesten Zahlen: 2902 Infizierte im Bundesstaat, 81 Tote, stark steigende Kurven. So groß war das Bemühen der Redaktion, dass selbst die Washington Post darauf aufmerksam wurde. "Die doppelte Krise" heißt der Text, es geht darum, wie gut sich der Plain Dealer an Corona abarbeitet.

Aber da war ja noch die Zeitungs-Krise. Und weil das Meistern der einen mit der anderen zusammenhängt, wurden die Kündigungen aufgeschoben, von Ende März bis Mitte April.

Reporterin Rachell Disell postete bei Facebook eine Faust, die eine Flamme hält. Sie schrieb über Advance Publications, dem Unternehmen gehören mehrere Lokalzeitungen in den USA, auch der Plain Dealer, sowie Magazine wie GQ und Vanity Fair. Der Umsatz lag Ende 2018 bei knapp zwei Milliarden Euro. Sie schrieb wie gut es ist zu wissen, dass sie zwei weitere Wochen Gehalt bekommt. Wie lächerlich kurz das ist. An diesem Freitag sollen sie erfahren, wer die Redaktion verlassen muss und wessen Vertrag weiterläuft.

Für die Washington Post ist der Plain Dealer dabei mehr als nur die nächste Lokalzeitung im Land, der es schlecht geht. Seit 2004 haben 2000 Redaktionen zwischen San Francisco und Philadelphia komplett dichtgemacht. In manchen Orten übernehmen Online-Portale die Berichterstattung, in manchen Start-Ups, auch Google investiert. Da schreiben dann Leute über einen Ort, die für den Job hergezogen sind und an den Wochenenden wegpendeln. Die Washington Post fragt gar nicht erst, ob das reicht, sie nimmt die Antwort vorweg. Nein. Und dass man für diese Erkenntnis keine Pandemie brauche.

© SZ vom 27.03.2020/tmh

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