"Goop":Wie Paltrow ihr Magazin verteidigt? Es handle sich nur um "Unterhaltung"

Es gibt viele Promis, die nebenher massig Geld verdienen: Der Boxer George Foreman hat mit dem Verkauf von Elektrogrills mehr eingenommen als im Ring, das Baby-Beauty-Unternehmen The Honest Company der Schauspielerin Jessica Alba wird mit knapp einer Milliarde Dollar bewertet. Goop ist auch nicht das erste Unternehmen, das wissenschaftlich eher fragwürdige Ratschläge erteilt. Der Tüftler Dave Asprey zum Beispiel knallt Butter und Kokosöl in Kaffee, nennt das "Bulletproof Coffee" und hat von Investoren bislang mehr als 28 Millionen Dollar eingesammelt.

Die Organisation Truth In Advertising (TIA) hat im vergangenen Jahr Beschwerde bei der kalifornischen Staatsanwaltschaft eingereicht. In mehr als 50 Artikeln würde Goop wissenschaftlich fragwürdige Behauptungen aufstellen und Produkte bewerben, deren Wirksamkeit nicht getestet sei - auch aus der eigenen Produktlinie. "Das ist nicht nur illegal, sondern ein irreführender Marketingtrick, die Unwissenheit der Leserinnen auszunutzen", sagte TIA-Chefin Bonnie Patten damals.

Goop verwies auf den Hinweis unter vielen Einträgen, dass diese nur der Unterhaltung dienen würden. Das Unternehmen führte ein Rating-System für die Artikel ein, von "wissenschaftlich getestet" über "spekulativ, aber vielversprechend" bis hin zu "nur zum Vergnügen". Das ist, als würde ein Nachrichtenportal bei Regen schreiben, dass es trocken sei - und sich mit dem Hinweis absichern, dass der Text der Unterhaltung diene und keine überprüfbaren Fakten enthalte. Vor einem Monat hat TIA erneut Beschwerde eingereicht.

Okay, mag man nun einfügen, Gwyneth Paltrow ist nun mal keine Journalistin, sondern Influencerin - doch so einfach ist das nicht. Seit September 2017 gibt es ein Print-Magazin von Goop, es erscheint alle drei Monate, auf der Titelseite der ersten Ausgabe war eine mit Schlamm bedeckte Paltrow zu sehen. In der New York Times ist nun zu lesen, dass die Partnerschaft mit Condé Nast beendet wurde, weil der Verlag auf journalistische Standards bestanden hätte. Das habe Paltrow nicht gefallen, die September-Ausgabe soll nun ohne Condé-Nast-Hilfe erscheinen.

"Sie denkt, dass der Verzicht auf Wissenschaft und Fakten gleichbedeutend ist damit, offen für neue Ideen zu sein", sagt Timothy Caulfield, Autor des Buches "Is Gwyneth Paltrow Wrong About Everything? When Celebrity Culture and Science Clash." "Das Gegenteil sollte der Fall sein: Wer unvoreingenommen ist, sucht Fakten, wertet sie aus, nutzt Studien und analysiert dann, was wahr sein könnte. Daran hat sie jedoch kein Interesse." Paltrow möge sich selbst nicht als Journalistin sehen, doch sie veröffentliche ein journalistisches Produkt und gestalte eine Website für knapp zwei Millionen Leserinnen mit Inhalten, die arg journalistisch klingen: "Das ist nicht nur hanebüchen, sondern gefährlich."

"Ich kann Aufmerksamkeit zu Geld machen", zitiert die "New York Times" Paltrow

Die Nutzerzahlen von Goop allerdings steigen, Kritiker werden von Paltrows Fans als "Hater" geschmäht, als missgünstige Neider. Paltrow selbst tut die Kritik ab als "kulturellen Aufschrei": Haters gonna hate, die Trolle motzen doch sowieso, aber sie sorgen für Aufmerksamkeit. Paltrow ist als Tochter einer Schauspielerin und eines TV-Produzenten hineingeboren worden in diese Welt, in der gilt: Die einzige schlechte Form der Publicity ist keine Publicity. "Ich kann Aufmerksamkeit zu Geld machen", zitierte die New York Times Paltrow bei einer Vorlesung an der Harvard University.

Paltrow verdient mit der Sucht der Leute nach Glück und Zufriedenheit Millionen Dollar - ob das Zeug nun hilft oder nicht, ist letztlich egal. Sie behauptet, bei ihr helfe es, mehr nicht. Sie guckt nicht raus und prüft, ob es regnet. Sie sitzt in ihrem Elfenbeinturm und schreibt, dass ihre Haut nach dem Einreiben mit Goop-Produkten nicht mehr ganz so trocken sei.

Es gibt Leute, die Paltrow fantastisch finden und all das, was auf Goop steht, für die Wahrheit halten. Der New York Times sagt sie über den Disput zwischen Goop und Condé Nast, und es ist so naiv wie berechnend: "Wir stellen doch niemals Behauptungen auf." Es ist die moderne Version des Pontius-Pilatus-Satzes: "Was ist Wahrheit?" Oh, Gwyneth.

© SZ vom 01.08.2018/khil
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