Vom Papierbedrucker zum Streaming-Lieferanten: Wenn es darum geht, die altehrwürdigen Zeitungsverlage des 19. und 20. Jahrhunderts vom analogen ins digitale Zeitalter zu überführen, marschiert die New York Times seit Jahren mit an der Spitze. Schon heute sind von den gut sechs Millionen Abonnenten, die das Blatt einschließlich ihrer zahlenden Koch- und Kreuzworträtselfreunde aufweist, mehr als fünf Millionen reine Digital- und Online-Kunden. Da erscheint es naheliegend, dass die Times jetzt den nächsten Schritt gehen und in großem Stil ins Filmgeschäft einsteigen will. Das renommierteste Medienhaus des Landes, so resümierte das Nachrichtenportal Axios bereits, "sieht langsam mehr aus wie ein Hollywood-Studio als wie eine traditionelle Zeitung".
Der Vergleich ist hübsch, allerdings nicht ganz treffend, denn die Times-Verantwortlichen denken mitnichten daran, Science-Fiction-Dramen fürs Kino zu drehen. Geplant sind vielmehr mehr ein gutes Dutzend Fernsehdokumentationen und -episoden, die in diesem Jahr teils bei Pay-TV-Sendern wie FX, teils über Streaming-Plattformen wie Netflix und Hulu ausgestrahlt werden sollen. Einige der Geschichten sind in schriftlicher Form schon in der Zeitung oder im New York Times Magazine erschienen.
Wie eine solche Doku aussehen kann, kann man bei Netflix bereits besichtigen: Hier läuft seit dem Wochenende Father Soldier Son (Vater Soldat Sohn), ein aufwendig gemachter Film, der über einen Zeitraum von zehn Jahren einen US-Soldaten und dessen Söhne begleitet, die den Vater zunächst als Superhelden verehren und ihn dann als traumatisierten, beinamputierten Afghanistan-Veteranen erleben. The 1619 Project, eine Serie von Text- und Foto-Essays zur Sklaverei, die bereits im Magazin der Zeitung erschienen ist und einen Pulitzer-Preis gewann, soll sogar in gleich mehreren Dokumentationen filmisch umgesetzt werden.
Ziel der Filmaktivitäten ist es einerseits, neue Erlösquellen zu erschließen, denn die Times leidet wie praktisch alle Zeitungen der Welt unter einem erheblichen Anzeigenschwund, der durch die Corona-Krise noch einmal verschärft wurde. Redaktion und Verlag sehen in dem neuen Angebot aber vor allem einen Weg, zusätzliche Leser zu gewinnen und langfristig an die eigene Marke zu binden. "Ziel der Times ist es, die Zahl der Digitalabonnenten bis zum Jahr 2025 auf zehn Millionen zu steigern", sagt ein Verlagssprecher. "Unser journalistisches Angebot jenseits unserer eigenen Plattformen zu präsentieren, ist dabei ein Weg, diese Zielgruppe zu erreichen."
Das Medium Fernsehen ist für die Times an sich nichts Neues. Schon seit 2018 arbeitet das Blatt mit dem Pay-Sender Travel Channel zusammen, der aus der Zeitungskolumne 36 Hours eine TV-Show gemacht hat. Bis vor wenigen Monaten lief bei FX und Hulu zudem die wöchentliche Doku-Serie The Weekly, eine Art Weiterentwicklung des erfolgreichen täglichen Podcasts The Daily, in der Journalisten der bedeutendsten US-Tageszeitung über ein aktuelles politisches oder kulturelles Ereignis berichten. Anfang Juli kündigten alle drei Partner an, die Serie unter dem Titel " The New York Times presents" fortzuführen.
Was über die zunächst vorgesehenen drei Filmdokumentationen und zehn Hulu-Episoden hinaus für dieses oder nächstes Jahr konkret geplant ist, lässt der Verlag noch ein wenig im Dunkeln. Axios zitierte einen Firmenvertreter mit den Worten, es seien zahlreiche weitere Projekte in Arbeit. Man habe aber gute Erfahrungen damit gemacht, möglichst wenig im Vorfeld zu verlautbaren, um sich von außen nicht zu sehr unter Druck setzen zu lassen. Lieblingsfernsehpartner hat die Times nach eigenem Bekunden nicht, es gehe vielmehr allein darum, für jedes einzelne Projekt die richtige Verbreitungsform zu finden: "Wir sind völlig plattformunabhängig", sagt Caitlin Roper, Leiterin der Entwicklungsredaktion beim New York Times Magazine. "Und darauf sind wir auch stolz."