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US-Wahl bei CNN:Großes Amerikanisches Welttheater

Viel Gelassenheit: die CNN-Berichterstattung in der Wahlnacht. Illustration: SZ Grafik

CNN übt sich in der Wahlnacht in Zurückhaltung und Zahlen-Jonglage. Bis Trump vom gestohlenen Sieg spricht.

Von Willi Winkler

Mindestens zwei Mal ließ sich der Moderator Jake Tapper von Rick Santorum für seine Zurückhaltung loben. Der ehemalige republikanische Präsidentschaftskandidat bestätigte dem eher ins gegnerische Lager tendierenden Nachrichtensender CNN bereitwillig, dass sie bei drei Viertel der ausgezählten Stimmen und einem Vorsprung von sechseinhalb Prozentpunkten Joe Biden trotzdem nicht in Arizona zum Sieger über Donald Trump ausgerufen hatten. Ausgerechnet Fox News, dem bisherigen Mieter im Weißen Haus sonst schoßhundtreu ergeben, verbreitete voreilig einen Sieg über Trump im Rentnerstaat Arizona, während CNN lieber abwartete.

Diese Gelassenheit war vor allem das Werk zweier CNN-Veteranen, des nicht unbedingt komischen Duos Wolf Blitzer und John King, das sich seit mehreren Golfkriegen die Bälle zuspielt. Während Blitzer im Studio heiser wie von einem kiesigen Schlachtfeld berichtet, rattert King mit wahrer Todesverachtung Prognosen, Hochrechnungen und erreichte Wahlmännerstimmen bis hinter das Komma herunter, rundet sechs- und siebenstellige Ergebnisse, nicht ohne jeweils hinzuzufügen, dass er das Ergebnis keineswegs verfälscht, sondern bloß nutzerfreundlich gerundet habe.

Dieses Schauspiel des Zahlen-Rastellis wird nur noch von seiner Geschicklichkeit an der "Magic Wall" übertroffen, der Zauberwand, auf der King sich mit seinem Finger an umkämpfte Bundesstaaten herantastet und sich drohnengleich auf Bezirke wie Bucks County in Pennsylvania oder DeKalb in Georgia stürzt, als wollte er sie chirurgisch bombardieren. Er bleibt dann aber doch ganz friedlich und jongliert schon wieder mit Vergleichszahlen von 2016 und der labilen Demografie dort.

Kriege mögen andere führen, Blitzer und King führen lieber ihr Schauspiel fort

Das alles geschieht sacht volkspädagogisch, sodass niemand, der zwischendurch das Kind zum dritten Mal in den Schlaf gesungen hat, etwas verpasst hätte. Kriege mögen andere führen, Blitzer und King spielen lieber ihr Großes Amerikanisches Welttheater. So extemporiert King zum Begriff des swing state, referiert, warum und wann welche Bundesstaaten an die jeweils andere Partei gefallen sind und weshalb kein Republikaner Präsident werden kann, wenn er in Ohio nicht gewinnt. Immer wieder erläutert King, welchen Einfluss die Einwohner- und vor allem Wohnstruktur auf das Wahlverhalten hat, betreibt rasch eine Mikroanalyse des Cuyahoga County am Südufer des Eriesees und entschuldigt sich gleichzeitig bei den Zuschauern dafür, dass er sich so extensiv mit diesem Ohio beschäftigt.

Ohio und Florida, das ebenfalls über hochinteressante Bezirke verfügt, scheinen ganz früh ganz schnell an Joe Biden zu gehen. North Carolina womöglich auch, und dann, sagt der Aufklärer an seiner Wundertafel, "wird Trump nicht mehr gewinnen". Das klingt ein bisschen nach Parteinahme, aber King komplimentiert den Präsidenten sofort für dessen Wahlkampf, in dem er noch bis zum Vortag Anhänger mobilisiert hat. Joe Biden wird für sein gutes Abschneiden an der Urne ebenfalls mit Lob bedacht, aber wie ein unaufmerksamer Schüler gleich mehrmals für seine Underperformance im Miami-Dade County ganz im Süden Floridas getadelt. Den Laien würde das nicht weiter beschäftigen, Biden hat auch hier ein respektables Ergebnis eingefahren, aber King weist wieder und wieder darauf hin, dass Hillary Clinton vor vier Jahren im gleichen Bezirk erheblich besser abgeschnitten und trotzdem die Wahl verloren hat.

Der Fachmann macht bestimmt nichts falsch, wenn er vor voreiligen Schlüssen warnt, eine nachmitternächtliche Überdosis "Geduld und Kaffee" empfiehlt und dringend anrät, alle Ergebnisse "kontextuell" zu sehen. Auch hier lässt King seine Zuschauer nicht im Fremdwörterwald stehen, sondern spult zur Erklärung zum 103. Mal die Gemengelage aus Briefwahl-, Frühwähler- und direkt am Wahltagsdienstag abgegebenen Stimmen herunter, die das Auszählen so langwierig macht, und vergisst die zusätzliche Beeinträchtigung durch das Virus nicht.

Nachdem ein etwas wackliger Biden, der Florida und Ohio wieder verloren hat, seinen Anhängern versichert hat, sie befänden sich auf der Siegerstraße, zeigt sich endlich auch Donald Trump, ganz fleckig vor unterdrückter Wut. Inzwischen ist es in Deutschland acht Uhr früh durch, die ersten Laubbläser sind unterwegs, und Trump haspelt, als wäre er ein nachlässiger Kopist von John King, zum Jubel seiner unmaskierten Anhänger Bundesstaaten und Abstimmungsergebnisse mit Prozentvorsprung herunter und schwadroniert nicht furchtbar überraschend davon, dass ihm der Sieg gestohlen werde. Erst jetzt gibt der Moderator Tapper jede Zurückhaltung auf und hält dem Präsidenten im Akkord mit Rick Santorum dieses unwürdige Verhalten vor. John King steuert derweil wieder seine Wahlbezirke in Pennsylvania und Michigan an.

© SZ/tyc/biaz
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