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Die US-Wahl bei Fox News:Da wird er böse sein

Fox News war in der Wahlnacht für seine Verhältnis erstaunlich unkrawallig. Illustration: SZ Grafik

Der Trump-treue Sender Fox News hat vor allen anderen verkündet, dass der Staat Arizona an Biden gehe. Warum?

Von Kathleen Hildebrand

Es war ein Uhr nachts New Yorker Zeit, und Präsident Trump hatte gerade angekündigt, dass er "bald" eine Stellungnahme zum unklaren Ausgang der Wahl abgeben würde. Es war für Fox-News-Verhältnisse eine erstaunlich wenig krawallige Nacht. Der rechts-populistische Kommentator Tucker Carlson hatte ein bisschen gezündelt, aber sonst bewegte sich alles im journalistischen Rahmen. Bis jetzt. Nun war die Stimmung im Fox-News-Studio gedämpft. Nicht unbedingt aus Enttäuschung, sondern eher: aus Angst. Die Fox News-Moderatorin Martha MacCallum, blaues Kleid, sehr blondes Haar, rückte ihre Papiere zurecht. Sie sprach etwas leiser als sonst, als sie sagte: "Ich nehme an, der Präsident wird die Arizona-Entscheidung ansprechen."

Oh ja, das würde er.

Anders als alle anderen Sender und Webseiten hatte ausgerechnet Fox News schon um halb eins verkündet, dass Arizona an Joe Biden gehe. Endgültig. Mit gelbem Häkchen. Mit Virginia war es Stunden zuvor ganz ähnlich gewesen. Trumps Wahlkampfteam war entsetzt. Chefstratege Jason Miller twitterte, dass noch eine Million Stimmen in dem Bundesstaat nicht ausgezählt seien. Fox News wolle "deren Stimmen ungültig machen".

Das ist natürlich Quatsch. So weit geht auch die Macht des meist gesehenen Nachrichtensenders der USA nicht. Aber außergewöhnlich war es schon, was die Statistiker von Fox News da getan hatten - zumal auf Trumps Haus-und-Hof-Sender. Bidens Vorsprung in Arizona lag am späten Abend zwar bei etwa 200 000 Stimmen, aber eine Million weitere standen tatsächlich noch aus. Arnon Mishkin, der Chef des Datenteams von Fox News, musste sich deshalb live erklären: Die nicht ausgezählten Stimmen, sagte er, stammten vor allem aus Maricopa County. Dort liegt die Großstadt Phoenix, wo Biden deutlich führe. Außerdem seien hauptsächlich Briefwahl-Stimmen noch nicht ausgezählt - und die gingen allen Einschätzungen zufolge in der Mehrheit ebenfalls an die Demokraten. Mishkin, eichhörnchenbraunes Haar, randlose Brille, klang sehr überzeugt: Wenn das Trump-Team behaupte, dass sie diese Stimmen bekämen, "dann ist das nicht wahr". Es tue ihm leid, sagte Mishkin auch noch, "aber der Präsident wird nicht genug Stimmen bekommen, um Bidens Vorsprung in Arizona auszugleichen."

In der Wahlnacht regieren hinter den Kulissen des Senders nicht die üblichen Verdächtigen

Was war da los? Wieso gab gerade der sonst so Trump-treue Sender, scheinbar ohne Not, so früh einen ganzen Staat für den Präsidenten verloren? Das linksliberale CNN und das linke MSNBC taten das schließlich selbst Stunden später noch nicht. Um das unerwartete Verhalten zu verstehen, lohnt ein Blick hinter die Kulissen.

In der Wahlnacht regieren dort nämlich nicht die rechten Einheizer Sean Hannity, Laura Ingraham und Tucker Carlson, sondern der sogenannte Decision Desk. In diesem "Entscheidungsressort", das jeder große Sender hat, rechnen Statistiker den ganzen Abend anhand von Umfragen und anderen Parametern aus, welcher Kandidat in jedem einzelnen Bundesstaat siegen wird. Das kann schon feststehen, lange bevor der Großteil der Stimmen ausgezählt ist.

Bei Fox News ist Arnon Mishkin seit 2008 Chef des Decision Desk. Mishkins Team ist eine der wenigen Einheiten im Sender, die bislang immun waren gegen die Trumpifizierung.

Mishkin ist Demokrat. Er ist außerdem nicht bei Fox News angestellt, sondern arbeitet als Berater. Er ist also unabhängiger als andere Fox-Mitarbeiter. Ein paar Wochen vor der Wahl hat die New York Times mit ihm gesprochen. Er sagte: "Bei dieser Wahl wird niemand den Finger auf die Waage legen, auf keine der beiden Seiten." Hinzu kommt, dass die Machtstrukturen bei Fox laut der New York Times momentan erstaunlich unklar sind. Wollte der Präsident also verlangen, dass Fox News den Sieg anerkennt, den er vorzeitig bekannt gegeben hat: Er wüsste nicht, wen er anrufen soll. Gefragt, wem er unterstellt sei, musste Arnon Mishkin erst überlegen, wer seine Spesenrechnungen unterschreibt.

Zusätzlich tobt laut Medienberichten bei Fox News gerade ein Kampf zwischen den um Objektivität bemühten Reportern - und den Meinungsmachern. Dass der Sender nicht mehr der rechte Monolith ist, für den man ihn gemeinhin hält, zeigte auch die sofortige Kritik der Kommentatoren Dana Perino und Juan Williams an Trumps Behauptung auf Twitter, die Demokraten wollten die Wahl "stehlen". Diese Ausdrucksweise sei "sehr aggressiv", sagte Williams. "Von Joe Biden haben wir so etwas nicht gehört." Perino, die unter George W. Bush Pressesprecherin war, sagte, "da wäre ich auf die Bremse getreten."

Und Trumps Reaktion auf die Arizona-Berichterstattung bei Fox? Sie war still, aber deutlich. In seiner Rede morgens um halb drei New Yorker Zeit sagte er: "Somebody declared that it's a victory for Biden." Irgendjemand habe den Staat seinem Konkurrenten zugeschlagen.

© SZ/biaz
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