US-Serien im deutschen Fernsehen Ungeduldiges Publikum, ängstliche Produzenten

Ist das Dialogbuch vom Sender abgenommen, bleiben zweieinhalb Tage für die Vertonung einer ganzen Episode von 45 Minuten Länge. Zweieinhalb Tage, in denen es gelingen muss, alle beteiligten Sprecher ins Studio zu bringen - jeden einzeln, denn dass Schauspieler, die einen Dialog sprechen, sich dabei am Mikrofon auch gegenüberstehen könnten, ist bei dieser Arbeitsweise nicht mehr drin.

Parallel zur Vertonung wird geschnitten und gemischt. Anschließend muss die Episode auch noch redaktionell abgenommen, technisch geprüft und eben der Freiwilligen Selbstkontrolle vorgelegt werden. Da bleibt keinerlei Puffer, wenn einmal etwas schiefgehen sollte. Darauf, dass ein Sprecher die Herbsterkältung auskuriert, kann nicht gewartet werden. Von "enormen Risiken" spricht Bernd Kupke. Bei der bisher knappsten Produktion kam die sendefertige Episode vier Stunden vor Ausstrahlung bei Fox an. Warum nur tut man sich dieses nervenaufreibende Tempo an?

Der Druck zur Hochgeschwindigkeitsproduktion kommt von zwei Seiten. Zum einen von den Zuschauern, die sich längst globalisiert haben: Sobald neue Episoden einer Serie in den USA im Fernsehen gelaufen sind, finden auch deutsche Fans sie irgendwo im Netz. Der deutsche Lizenznehmer muss also zeitlich so dicht wie möglich am Sendetermin des Originals bleiben, da mit jedem Tag sein potenzielles Publikum schrumpft - jedenfalls dann, wenn er es noch zum Bezahlen bewegen möchte.

Dreifach gesicherte Videos

Dass das zum Husarenritt wird, liegt wiederum am Druck aus der anderen Richtung - von den amerikanischen Produzenten. Den Synchronstudios frühzeitig das Material oder die Bücher zukommen zu lassen, ist dort undenkbar. Zu groß ist die Angst vor Lecks und Piraterie; davor, dass Informationen über Handlungsverläufe oder gar Drehmaterial vorzeitig nach außen dringen könnten.

Dreifach gesichert ist darum das Video, das vor Viktor Neumann über den Monitor flimmert. Erstens ist es so qualitätsreduziert, dass es nicht sendefähig wäre - und die Arbeit des Dialogautors noch erschwert. Dann läuft in regelmäßigen Abständen ein roter Balken durchs Bild. Und schließlich trägt es auch noch ein Wasserzeichen mit dem Namen des Synchronstudios, sodass die undichte Stelle sofort ermittelt werden könnte.

Die Episoden der aktuellen Staffel von The Walking Dead sollte Bernd Kupke eigentlich sogar mit geschwärztem Bild erhalten, bei dem nur die Münder ausgespart blieben. Sofern der Schauspieler nicht gerade durch einen Baum verdeckt war - dann kam die Stimme einfach aus dem Nichts. "Da habe ich gesagt, das machen wir nicht", sagt Kupke. Es wäre unmöglich gewesen, von Schauspielern Material synchronisieren zu lassen, bei dem man nicht mal erkennen kann, was in einer Szene tatsächlich geschieht.

Untertitel wollen nur wenige sehen

Dass in Deutschland bei der Synchronisation nicht einfach vom Blatt abgelesen wird, ist in den USA wohl nicht jedem klar - oder schlicht egal. "Die Amerikaner behandeln das stiefmütterlich", meint Hans-Jürgen Wolf an seinem Regietisch. Immerhin, die Weigerung hatte Erfolg. Am Ende schickte Hollywood doch Bilder, auf denen man tatsächlich etwas sehen kann.

Aber ist all der Aufwand überhaupt noch zeitgemäß, wenn es doch allen - Produzenten, Sendern, Fans - vor allem ums Tempo geht? Man solle doch Originale mit Untertiteln senden, fordern viele US-Serienenthusiasten seit Langem. In diesem Sommer konnte Fox die Probe aufs Exempel machen. Zu spät traf die BBC-Serie Doctor Who ein, um mit der Synchronisierung noch rechtzeitig fertig zu werden. Also sendete Fox mit Untertiteln. Statt der durchschnittlich 75 000 Zuschauer, die man mit den auf Deutsch gesendeten Staffeln erreicht hatte, sahen jetzt nur noch 17 000 Menschen zu. Gar so weit trägt die Liebe zum Originalton dann offenbar doch nicht.