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US-Serie "Rectify" auf Arte:Zum Tode verurteilt, zum Leben verdonnert

Daniel Holden (Aden Young) in der Serie Rectify

Willkommen zuhause: Daniel Holden (Aden Young) saß sein halbes Leben im Knast; jetzt ist er draußen.

(Foto: Arte/Blake Tyers)

Wie fühlt sich einer, der als Teenie unschuldig zum Tode verurteilt wurde und erst viele Jahre später wieder die Freiheit zu sehen bekommt? Die grandiose US-Serie "Rectify" vermittelt ein realistisches Bild von einer solchen Auferstehung.

Von Karoline Meta Beisel

Der Mann sieht aus wie von den Toten auferstanden. Blass und ausdruckslos steht er da in der Schleuse einer Haftanstalt, diesem Zwischenraum zwischen Freiheit und Gefangenschaft.

Ein Uniformierter reicht ihm einen Stapel Kleidung: Hose, Hemd, Schuhe. In den ersten Einstellungen sieht die Serie Rectify, die von Donnerstag an in drei Doppelfolgen auf Arte zu sehen ist, wie ein klassisches Gefängnisdrama aus. Aber dann stellt der Wärter diese Frage: "Wollen sie noch Eis in ihre Cola?"

Daniel Holden (Aden Young) ist nicht auf dem Weg in den Knast, sondern auf dem Weg nach draußen. Mit 18 wurde er wegen des Mordes an seiner Freundin zum Tode verurteilt. Jetzt, 19 Jahre später, wird er entlassen, weil es Zweifel an den Beweisen gibt. Auferstanden von den Toten, so falsch ist das Bild also gar nicht.

Das könnte nun eine Serie werden über einen Mann, der während seiner Haft so ziemlich alles verpasst hat, was sich in den vergangenen 19 Jahren auf dem Erdball zugetragen hat. Den 11. September und Youtube, Harry Potter und Lady Gaga. Oder eine Kriminalgeschichte à la True Detective, denn Daniel ist zwar frei, gilt aber weiterhin als Hauptverdächtiger.

Doch für Erfinder und Autor Ray McKinnon (den man als Schauspieler aus Sons of Anarchy oder Deadwood kennt), sind die Hauptfigur und ihr Schicksal nur Nebensache. Im Mittelpunkt steht die Frage, was Daniels Entlassung für den Rest seiner Welt bedeutet.

Die zweite Staffel lief in den USA schon, die dritte ist bestellt

Da ist Daniels verwitwete Mutter, die in dem schwitzigen Südstaatenkaff noch einmal geheiratet hat und von dem neuen Mann einen mittlerweile auch schon wieder fast erwachsenen Sohn hat. Die Schwester, die sich jahrelang um Daniels Freilassung bemüht hat (und um seinen gut aussehenden Anwalt) - und jetzt eine neue Aufgabe braucht. Der Stiefbruder, der um seinen Platz im Familienunternehmen fürchtet. Und natürlich die Polizisten, die Daniel damals ins Gefängnis brachten - und bei ihrer Sicht der Dinge bleiben wollen.

Im vergangenen Jahr hat der Sundance Channel, der inzwischen Sundance TV heißt, mit der grandiosen Mini-Serie Top of the Lake von "Das Piano"-Regisseurin Jane Campion auf sich aufmerksam gemacht. Jetzt legt der Kanal mit einer richtig guten, fortsetzungsfähigen Serie nach - die zweite Staffel von Rectify lief in den USA schon, eine dritte ist bestellt.

Der Erfolg dürfte auch darum nicht viele überrascht haben, weil die Produzenten Melissa Bernstein und Mark Johnson zuvor schon für die Crystal-Meth-Serie "Breaking Bad" verantwortlich waren.

Lob von einem, der weiß, um was geht

Einen Teenie, der unschuldig zum Tode verurteilt und erst nach Jahren wieder hinausgespuckt wurde in die Freiheit, hat es in den USA übrigens tatsächlich schon gegeben. Man darf annehmen, dass seine Geschichte die Serie zumindest beeinflusst hat: Damien Echols war 18 Jahre alt, als er als Teil der sogenannten "West Memphis Three" wegen Mordes an drei achtjährigen Jungen ins Gefängnis kam, und 36, als er wieder hinausdurfte.

McKinnons frühere Frau schrieb Echols Briefe, als der in der Todeszelle saß. Rectify sei eine überaus realistische Darstellung der ersten Tage in Freiheit, schrieb Echols in einer Besprechung. Weiter anschauen wolle er die Serie trotzdem nicht: "Für mich ist das nur eine Wiederholung."

Rectify, Arte, donnerstags in Doppelfolgen von 22.50 Uhr an.

© SZ vom 15.10.2015/pak

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