US-Serie "Portlandia" Hau den Vogel drauf!

Wer würde sich in Deutschland trauen, eine Serie mit Charlotte Roche und Roger Willemsen in den Hauptrollen zu besetzen? Aber so würde "Portlandia" hierzulande funktionieren. Das Format ist der Überraschungserfolg unter den amerikanischen Serien - und parodiert die Independent-Szene.

Von Marco Maurer

Zwei Künstler Mitte Dreißig sind zu sehen. Am Ende eines jedes Satzes offenbaren sie - sie heißen Lisa und Bryce - ihr simples Kunstverständnis: "Put a bird on it!", also in etwa: "Hau einen Vogel drauf!" In den folgenden Szenen wird gezeigt, wie das hip angezogene Paar Taschen, Teekannen oder Lampen in einem Galeriegeschäft mit Vögelmotiven bestickt, bemalt, beklebt.

Das soll wohl den normalen neostädtischen Wahnsinn zeigen. Kurze Zeit später wird Bruce aber einen Vogel töten, der sich ins Geschäft verirrt hatte. Da ist es vorbei mit der Ornithologen-Kunst. Bruce leidet an einer Vogel-Allergie.

Das Sitcom-erzogene amerikanische Fernsehpublikum ahnt natürlich, dass hier Portland, Oregon abgebildet wird. Portlandia (IFC, Independent Film Channel) war 2011 ein Überraschungserfolg. Die New York Times erhob sie zur "Kult-Serie". Anfang Januar wird die zweite Staffel ausgestrahlt. Portlandia persifliert den Lebensstil junger Menschen zwischen den Neunziger und den Nuller-Jahren. Das Ganze ist deswegen in Portland angesiedelt, weil dort angeblich die Hipster am liebsten leben, die Gentrifizierer, Gutmenschen, die Vertreter der digitalen Boheme. "Portland ist die Stadt, in die junge Menschen ziehen, um sich zur Ruhe zu setzen", heißt es in der Serie.

Die Produzenten, Komiker Fred Armisen und Musikerin Carrie Brownstein, sind praktischerweise auch die Hauptdarsteller. Man sieht sie in kurzen Episoden in immer neuen Rollen: als feministisches Buchverkäuferpaar, als Rollenspiel-Nerds oder Independent-Musiker. Es geht um die wichtigen Fragen dieser Menschen, um ihren Lebensstil: Warum gibt es plötzlich so viele Discjockeys? War das Biohuhn glücklich?

Portlandia ist eine Hommage an die Indie-Kultur, die aber gleichzeitig auch verhöhnt wird. Carrie Brownstein stammt aus ihr, sie spielt in der Band Sleater Kinney: "Ich liebe diese Kultur, verstehe sie aber nicht immer", sagt sie. Sie und Armisen schlüpfen zumeist in billig aussehende Kostüme. Der Bart wird sichtbar aufgeklebt, das ist kein handwerklicher Makel, sondern ein Zitat an das Do-it-Yourself-Selbstverständnis (DIY) der Szene.

Der in Portlandia ausgebreitete Humor ist, auf deutsche Verhältnisse bezogen, nicht weit entfernt von dem Humor Anke Engelkes oder Bastian Pastewkas. Man müsste sie sich nur als Mitglieder einer experimentellen Rockband vorstellen. Dazu kommen sauberes Comedy-Handwerk, zugespitzte Dialoge, trockener Humor und Gaststars aus der Szene. In den neuen Episoden sollen die schauspielernde Regisseurin, Schriftstellerin und Musikerin Miranda July, Darsteller Jeff Goldblum und Eddie Vedder, Sänger von Pearl Jam, zu sehen sein.

Würde man so eine Serie in Deutschland produzieren, könnte man die beiden Hauptdarsteller eigentlich auch mit Charlotte Roche und Roger Willemsen besetzen. Aber wer traut sich das im deutschen Fernsehen?

In den USA sind gerade des Öfteren Aufkleber in hippen Bars zu finden. Auf denen steht: "Put a bird on it!"