US-Serie "House of Cards" Schrecken mehrerer Schülergenerationen

Mit seiner Friedrich Schiller nachempfundenen Didaktik wurde der Stückeschreiber Brecht seit den Sechzigern zum Schrecken mehrerer Schülergenerationen; ob sich mit seiner Lehr-Dramatik das Los der Menschheit oder wenigstens die Lage im Gymnasium verbessert hat, darf trotzdem bezweifelt werden. Dennoch war Brechts Wirken keineswegs vergebens. Denn wie sonst wäre sein plötzliches Auftauchen in House of Cards zu erklären?

Spacey heißt in der Serie Frank und mit Nachnamen lustigerweise wie eine einstmals berühmte Schreibmaschine: Underwood. Seine Gattin, die nicht weniger ehrgeizig und ebenso rücksichtslos ist, steht ihm bei seinem Rachefeldzug frauhaft zur Seite. Drum sagt ihr Mann auch: "Ich liebe sie mehr, als Haie Blut lieben." Den halbwegs Gebildeten mag die Konstellation an Lady Macbeth erinnern, dieser Intrigantenstadel ist aber reinstes Brecht-Fernsehen, wie es Augsburgs nach Leopold Mozart größter Sohn leider nicht mehr erleben durfte.

Bekanntlich war Brecht nach seiner Rückkehr aus dem Exil dazu verdammt, am Berliner Ensemble unter liebender Aufsicht der Partei seine Stücke in langweilige Muster-Inszenierungen zu überführen. Als er 1956 starb, gab es in Westdeutschland das Fernsehen erst seit vier Jahren. Wie hätte das öffentlich-rechtliche System schon damals von einem Werk wie House of Cards profitiert, das brutalstmöglich die Mechanismen der Politik offenlegt! Kevin Spacey verströmt mehr Machthunger als Gerhard Schröder und Franz Josef Strauß zusammen, und er stellt sich dabei wesentlich geschickter an als selbst Angela Merkel.

Fernsehen Filme schauen, bis der Arzt kommt
US-Serie "House of Cards"

Filme schauen, bis der Arzt kommt

Die US-Serie "House of Cards" reagiert auf ein neues Zuschauerverhalten: Das Publikum zieht sich Serien immer öfter in Marathonsitzungen rein. Deshalb wird das Intrigendrama in den USA nur noch per Stream ausgestrahlt, wodurch gleich die nächste Sendung zur Verfügung steht - mit gigantischem Erfolg. Hollywood ist alarmiert.   Von Peter Richter, New York

Ohne Scheu vor dem Klischee zeigt House of Cards die Hauptstadt Washington als Schlangen- und Mördergrube. Spacey sitzt zwar im Serien-Logo im Stil des Lincoln-Denkmals da, aber er entlarvt die dem Stammvater der Bürgerrechtsbewegung so heilige Republik als mafiotischen Club von Gangstern. Das Ganze wird von einem finsteren Helden erzählt, der die Zuschauer zu Komplizen seiner Schweinereien macht. Underwood ist kein heiliger Johann der Schlachthöfe, sondern ein moderner Mackie Messer. Niemand käme mehr auf die Idee, hier romantisch zu glotzen, und sinnfälliger ist der V-Effekt nie eingesetzt worden. Wenn jetzt noch einer auf offener Szene das Lied vom Haifisch und seinen Zähnen anstimmte, wäre das neue Lehrstück vollkommen.

Der arme Lohnschreiber B.B. hatte in Hollywood allen Grund zur Klage. "Jeden Morgen, mein Brot zu verdienen/Fahre ich zum Markt, wo Lügen gekauft werden./Hoffnungsvoll/Reihe ich mich ein unter die Verkäufer", jammerte der unterbeschäftigte Lehrer in seinen Elegien aus Hollywood. Doch an dem von seinen Lehren inspirierten House of Cards hätte er seine helle Freude gehabt.