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US-Pay-TV am Scheideweg:Kulissen für 20 Millionen Dollar

Dass die großen Namen sich bei HBO so wohl fühlen, liegt nicht nur am großzügigen Serienformat und den kompromisslosen Qualitätsstandards, sondern auch am Geld. Während Arthouse-Projekte es im zunehmend risikoscheuen Hollywood immer schwerer haben, gibt HBO für Serien immer mehr aus. Die erste Episode von Boardwalk Empire, für das eine 300 Meter lange Kulisse in Brooklyn aufgebaut wurde, kostete 20 Millionen Dollar.

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Auch "The Sopranos" war ein riesiger Erfolg. Erstmals wurde die Serie von 1999 bis 2007 ausgestrahlt und wurde mit 21 Emmys und fünf Golden Globes ausgezeichnet.

(Foto: REUTERS)

Trotzdem all dem ist HBO kein Zuschussgeschäft. Im letzten Jahr soll der Sender ein Viertel der Profite seiner Muttergesellschaft Time Warner erwirtschaftet haben. Doch wie lange die guten Zeiten anhalten, will niemand prophezeien. Das Monopol im Pay-TV-Sektor hat HBO vor langem verloren, als Showtime, Starz und Encore sein Modell kopierten. Es machte einen fatalen Fehler, als es die Erfolgsserie Mad Men ablehnte, die dann auf dem werbefinanzierten Sender AMC für Furore sorgte. Seitdem hat AMC mit Breaking Bad, dem so trostlosen wie brillanten Drama um einen krebskranken Drogenkocher noch nachgelegt und ist nun als kostenlose Alternative zu HBO fest etabliert. Schwerer wiegen jedoch Veränderungen, die mit dem Seriengeschäft nichts zu tun haben.

Den größten Teil des täglichen Programms machen bei HBO immer noch die Spielfilme aus, die hier ein knappes Jahr nach dem Kinostart zu sehen sind. Vor ein paar Jahren noch war das für viele Grund genug, die monatliche Gebühr zu zahlen. Heute jedoch lassen sich dieselben Filme auch anderswo sehen, und das oft billiger. Amazon oder Hulu werden mit ihren Streaming-Diensten trotz noch bescheidener Bildqualität immer mehr zur ernstzunehmenden Alternative zu DVD und Fernsehen. Nachhaltiger wird wohl Apple die amerikanische Fernsehbranche aufmischen wenn nächstes Jahr wie erwartet sein iTV auf den Markt kommt - was auch immer sich am Ende dahinter verbirgt.

Und dann ist da Netflix, der vorerst größte Konkurrent. Der DVD-Service mit gut 20 Millionen Abonnenten will weg von den berühmten roten Umschlägen, in denen er seine Leihfilme verschickte. Für nur acht Dollar monatlich können Netflix-Abonnenten im Netz so viele Filme ansehen, wie sie wollen. Noch ist das DVD-Angebot ungleich reichhaltiger, doch dank des Portos, das Netflix durch Streaming spart, dürfte sich das bald ändern. Nun will Netflix auch eigenen Content produzieren: Nächstes Jahr soll mit dem Politdrama House of Cards, der Adaption einer BBC-Miniserie von 1990, die erste Eigenproduktion starten. David Fincher (The Social Network), soll Regie führen, Kevin Spacey die Hauptrolle spielen. Bis zu 100 Millionen Dollar soll Netflix dafür geboten haben. HBO und AMC konnten nicht mithalten.

Dramatische Veränderungen überall, doch HBO funktioniert noch immer wie vor 40 Jahren. Noch immer ist es an die Kabelprovider und ihre aufgeblähten und überteuerten Programmpakte gekettet. Man stelle sich einen Supermarkt vor, verglich es der Economist treffend, in dem das eine Produkt, das man kaufen will, nur zu haben ist, wenn man auch alle anderen nimmt. In Krisenzeiten macht das HBO anfällig. 35 Prozent der Abonnenten stammen aus unteren Einkommensschichten.

Die Infrastruktur für HBOs Befreiung ist schon da: Im vorigen Jahr startete HBO Go, ein Web-Portal, das zur Zeit 600 Stunden Programm bietet. Mobil-Apps folgten. Doch die Loslösung von den Kabelfirmen ist komplizierter als die Scheidung einer Prominentenehe. Im infrastrukturell abgeschlagenen Amerika fehlt es vielen an Bandbreite, um Filme stotterfrei im Netz sehen zu können. Und Zuschauer dazu zu bewegen, für Online-Content zu bezahlen, ist schwer. Bisher ist das Angebot nur für Abonnenten zu haben, für die also, die es gerade nicht brauchen. Doch früher oder später wird der Moment kommen, da HBO realisiert, dass es das Kabel nicht mehr braucht, weil es das Internet schon gibt.

© SZ vom 29.11.2011/rela/pak
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