US-Magazin:Hinter den Kulissen

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Der "Hollywood Reporter" war ein Branchenblatt der Unterhaltungsindustrie - dann wurde ein Entertainer Präsident. Die Strategie: politisieren, ohne zu polarisieren.

Von Jürgen Schmieder

Es gibt einen interessanten Nebenjob in Hollywood, weil die Sitze bei der Oscarverleihung niemals leer sein dürfen und bei der Ankunft des Stars auf dem roten Teppich gefälligst Aufregung herrschen muss. Es gibt Agenturen, die Leute damit locken, ein paar Minuten lang neben Emma Stone sitzen oder George Clooney erleben zu dürfen. Als Donald Trump im Juni 2015 verkündete, US-Präsident werden zu wollen, da bezahlte die Agentur Extra Mile Casting 50 Dollar pro Darsteller dafür, dass die, so hieß es in einer E-Mail, "T-Shirts tragen und Schilder halten und beim Anfeuern helfen". In den USA wird so was Astroturfing und Seatfilling genannt, in der Münchner Schickeria hieße so was wohl bezahlter Adabei.

Eine politische Renaissance: Das Magazin denunzierte einst Kreative als Kommunisten

The Hollywood Reporter (THR) veröffentlichte die Geschichte über die bezahlten Adabeis wenige Stunden nach der Veranstaltung auf seiner Internetseite, es war der Beginn einer politischen Renaissance für dieses Magazin, das es seit 1930 gibt und für die "Hollywood Blacklist" verantwortlich war: Gründer William Wilkerson veröffentlichte im Juli 1946 einen Text mit dem Titel "A Vote for Joe Stalin", in dem er Autoren wie Dalton Trumbo (Spartacus) und Howard Koch (War of the Worlds mit Orson Welles) als Kommunisten bezeichnete und wegen dem mindestens 14 Jahre lang Autoren, Schauspieler und Regisseure aufgrund ihrer vermeintlich kommunistischen Gesinnung keine Jobs mehr bekamen. Danach war THR eine Branchenzeitung in Hollywood, die Politik in Hollywood machte: Es gab Listen mit den mächtigsten Regisseuren, den umsatzstärksten Stars und 2011 auch eine mit Donald-Trump-Hassern. Porträts und Interviews waren meist wohlwollend, schließlich kämpfte THR mit Variety um die Deutungshoheit in der Unterhaltungsbranche und damit um Gesprächspartner. THR war die bedeutsamste Nachrichtenquelle in Hollywood, Mitte der Neunzigerjahre beschäftigte das Unternehmen mehr als 150 Redakteure.

In den vergangenen zwei Jahren hat sich das Magazin im Windschatten des erstaunlichen Erfolgs von Donald Trump zum politisch und gesellschaftlich relevanten Medienhaus entwickelt, das auf sämtlichen Plattformen Berichte veröffentlicht, die eben nicht nur in Los Angeles gelesen werden, sondern im ganzen Land. Zwei Monate nach der Adabei-Geschichte war Trump auf der Titelseite zu sehen, das erste ausführliche Interview als Präsidentschaftskandidat gab er THR (das als ziemlich weichgespült kritisiert wurde). Es folgten Porträts über Berater Steve Bannon und Enthüllungen im Skandal um den politischen Fox-News-Moderator Bill O'Reilly.

"Jeder in Los Angeles kann eine Geschichte über Trump erzählen", sagt Matthew Belloni. Er ist als Editorial Director verantwortlich für sämtliche Plattformen, es gibt keine Abgrenzung zwischen Print, Online, TV-Sendungen und eigenen Veranstaltungen - eine Geschichte wird dort veröffentlicht, wo es die Redaktion für sinnvoll erachtet: "Die Grenzen zwischen politischem Betrieb und der Unterhaltungsbranche verschwimmen. Es macht also Sinn für uns, über die Schnittstelle zu berichten." Die THR-Mitarbeiter hätten aufgrund von Trumps Vergangenheit in der Unterhaltungsbranche (er war Juror der Castingshow The Apprentice, war in Filmen wie Zoolander und Serien wie Sex and the City zu sehen und trat beim Wrestling auf) außerordentliche Kontakte zum inneren Zirkel des US-Präsidenten. Kontakte, die Konkurrenten in Washington nicht haben.

Es gibt bereits seit einigen Jahren ein Politikressort, der vom Onlinemagazin Politico gewechselte Autor Jeremy Barr berichtet seit Juni aus der Hauptstadt über die Schnittstellen zwischen Politik und Unterhaltung. In dieser Woche etwa gab es Berichte darüber, wie sich der Skandal um den Filmproduzenten Harvey Weinstein (er hatte mehrere Frauen sexuell belästigt) auf Spendenempfänger wie Hillary Clinton und Barack Obama auswirken könnte. Es ging um den wohl eher für die Medien inszenierten als politisch relevanten Besuch Trumps in Puerto Rico und auch um das Attentat in Las Vegas, an dem sich ablesen lässt, wie THR seine journalistische Rolle interpretiert.

Es gab keine Berichte über Umstände und Hintergründe des Massakers und auch keine politische Einordnung, es ging stets um die mediale Aufbereitung der Tragödie. Es gab einen Text dazu, dass sich viele Amerikaner nicht mehr Trost von Politikern, Philosophen oder religiösen Würdenträgern erhoffen, sondern bei Late-Night-Komikern wie Jimmy Kimmel, Seth Meyers und Stephen Colbert suchen.

Es gab heftige Reaktionen, der rechtsgerichtete Straßenkünstler Sabo etwa pflasterte Hollywood mit Plakaten zu, auf denen er Kimmel als Heulsuse bezeichnet.

Der "Hollywood Reporter" berichtet auch über die Fehde zwischen Trump und Tillerson

Überhaupt gibt es zahlreiche Trump-Fans, die fordern, dass sich ein Magazin wie The Hollywood Reporter gefälligst auf die Unterhaltungsindustrie konzentrieren solle - so wie sie fordern, dass Profisportler und Musiker während der Nationalhymne nicht protestieren, sondern sich um ihre Leistungen auf Bühne und Spielfeld kümmern sollen. So einfach ist das jedoch nicht, wenn so ein Attentat während eines Festivals für Countrymusik verübt wird oder wenn das US-Militär Millionen von Dollar pro Jahr dafür bezahlt, dass vor Partien Jagdbomber über die Stadien donnern.

In den USA wird derzeit jedes Thema politisiert, das irgendwie politisiert werden kann. THR sieht eine seiner Aufgaben darin, diese Entwicklung journalistisch zu begleiten. Zu Trump gibt es nun nicht mehr, wie noch im Jahr 2011, eine Liste mit Promis, die ihn nicht leiden können (Robert DeNiro etwa, Whoopi Goldberg oder Cher), sondern Berichte über die Fehde zwischen dem Präsidenten und seinem Außenminister Rex Tillerson, der Trump offenbar einen "Vollidioten" genannt hat. Die Strategie ist überaus erfolgreich: In den vergangenen zwölf Monaten ist die Zahl der Online-Leser um mehr als 50 Prozent auf 21,5 Millionen gestiegen. Rechnet man die Schwesterpublikation Billboard hinzu, kommt das Medienhaus auf 43,7 Millionen Unique User.

Das Magazin ist in diesem Jahr in der Kategorie "General Excellence" für den bedeutsamen National Magazine Award nominiert, den es in den vergangenen beiden Jahren bereits gewonnen hat. Die in diesem Jahr eingereichten Ausgaben enthalten unter anderem: ein Doppelinterview mit dem Politiker Bernie Sanders und dem schwarzen Regisseur Spike Lee sowie ein Porträt über die von Trump beschimpfte Journalistin Megyn Kelly. "Es ist eine schöne Anerkennung", sagt Belloni: "Es zeigt uns, dass wir diese Art der Berichterstattung ausweiten müssen."

Das ist die Strategie von THR: Sie politisieren, aber polarisieren nicht. Letztlich tut man niemandem weh. Porträts und Interviews sind nach wie vor meist wohlwollend. Wer was sagen will, der darf das tun. So berichtete THR erst einmal nüchtern über die Plakataktion von Sabo gegen Kimmel, danach schickte der Komiker dem Magazin ein Foto, wie er auf einer Parkbank mit einem dieser Plakate darauf sitzt und den Mittelfinger zeigt, ganz nebenbei durfte er zu Spenden für eine Organisation auffordern, die sich für strengere Waffengesetze einsetzt. Was einem spätestens in diesem Moment beim Lesen von THR bewusst wird, und es ist eine so banale wie gefährliche Feststellung: Politik ist in den USA nichts weiter als eine Sparte der Unterhaltungsbranche.

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