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Sitcom-Revival:Einmal heile Welt, bitte

The Unicorn

Witwer auf der Suche nach einem Platz im Leben: Wade Felton (Walton Goggins) in The Unicorn.

(Foto: CBS)

Das Genre der Familien-Sitcom erlebt derzeit eine Renaissance, ein Beispiel ist "The Unicorn". Die Stärke dieser Serien? Ihre Harmlosigkeit.

Von Jürgen Schmieder

Es gibt eine Szene in der Sitcom The Unicorn, in der ein verwitweter Mittvierziger versucht, die Beziehung zu einer flüchtigen Bekannten per SMS zu beenden; sie antwortet, dass er sich doch melden solle, falls er Lust auf Sex verspüre. Der Witz entsteht dadurch, dass andere Mittvierziger um ihn herum sitzen und sich fragen, ob das wirklich so läuft heutzutage beim Kennenlernen, Daten und Schlussmachen - und die Teenager-Tochter diese Gruppe Erwachsener anstarrt, wie man im Zoo einen Affen anstarrt, der sich einen Finger in den Hintern steckt.

The Unicorn läuft seit Anfang April bei Sky One, es geht um den Witwer Wade Felton (Walton Goggins), der nach dem Tod seiner Frau feststellt, dass er auf dem Datingmarkt ein so genanntes Einhorn ist - kein Betrüger, kein Scharlatan, kein Rumvögler. Umgeben von neurotischen, selbstverliebten Midlife-Crisis-Trotteln, sucht er ehrlich nach einer Begleiterin. Und er stellt sich dabei so töricht an, wie sich wohl jeder anstellen würde, dessen letzte erste Verabredung 20 Jahre zurückliegt. Das ist witzig, auch wenn die Idee freilich nicht neu ist. Vielmehr steht The Unicorn für eine Form der US-amerikanischen Familienserie, die gerade eine Renaissance erlebt.

Das Genre der so genannten "Dead-Mom-Sitcom", also des Witwers auf der Suche nach einem Platz im Leben, begann in den Sechzigerjahren mit My Three Sons und erlebte in den Achtzigern seine Blüte mit Serien wie Full House, Who's the Boss und Blossom. Es war das Gegenstück zu den Heile-Welt-Familien-Sitcoms wie Home Improvement, Family Matters oder Everybody Loves Raymond, in denen es häufig darum geht, dass der Patriarch versucht, mit einer durchgeknallten Idee seine Hausfrau-Ehefrau zu übertölpeln - und man als Zuschauer zwar lachte, aber irgendwie befremdet.

Familien-Sitcoms waren nie Überzeichnungen, sondern meist Wunschvorstellungen eines heilen Amerikas, einer intakten Familie mit netten Nachbarn und hilfsbereiten Freunden; selbst bei der Persiflage Married... with Children hält die Familie am Ende meist zusammen, Konflikte werden innerhalb einer Episode gelöst. Die Zuschauer gingen danach ins Bett im zwar irrigen, aber wohligen Glauben, dass das eigene Leben nicht so schlimm ist, wenn nur die Familie zusammenbleibt. Es half auch, wenn Singles wie Charlie in Two and a Half Men als misogyne Trunkenbolde gezeichnet werden, die sich in Wahrheit nichts sehnlicher wünschen als einen Lebenspartner, den sie übertölpeln können. Die Sendungen waren Produkte einer Zeit, in denen der Vater über die Fernbedienung Herr des einzigen Bildschirms im Haus war, und es verwundert wenig, dass diese Sitcoms mit dem Siegeszug der Streamingportale an Einschaltquoten und damit popkultureller Relevanz verloren. Wen interessieren absurde Abenteuer fiktiver Familien, wenn es spannende Politik-Thriller wie House of Cards, Fantasy-Spektakel wie Game of Thrones oder dystopische Zukunftsvisionen wie Westworld gibt?

Die Serien sind keine überkandidelten oder moralisierenden Wunschvorstellungen mehr

Das Sitcom-Familienbild (Ehepaar, Kinder, Haustier, Haus) ist nicht mehr die einzig akzeptable Lebensform. Auch dieses Bild begann bereits in den Siebzigern zu bröckeln, doch es dauerte, bis sich die Sitcom-Autoren auf den immensen gesellschaftlich Wandel einstellten. Es gibt nun Sitcoms wie Mom und Better Things über alleinerziehende Mütter, über Transgender wie Transparent, homosexuelle Paare mit adoptierten Kindern wie Modern Family oder über Paare, die sich gerade scheiden lassen wie in Divorce.

Was die erfolgreichen Serien eint: Es sind keine überkandidelten oder moralisierenden Wunschvorstellungen mehr, sondern viel näher dran an dem, was der Zuschauer aus seinem eigenen Leben kennt - wie eben in The Unicorn. Protagonist Wade ist weder Held noch Tölpel, sondern genau so, wie man sich einen vorstellt, der nach dem Tod seiner Frau das Leben mit zwei Töchtern auf die Reihe bekommen will. Seine Freunde sind keine Harlekine, die immer dann auftauchen, wenn die Handlung in Schwung kommen soll - sie sind ehrlich besorgt und verhalten sich so, wie sich Freunde nun mal verhalten, auch wenn das hin und wieder sehr peinlich ist.

"It's funny because it's true", sagen die Amerikaner zu solchen Witzen. Es ist lustig, weil es wahr ist. The Unicorn ist so eine Sitcom, und es ist wohltuend, dass die Serie sehr harmlos bleibt und keine gesamtgesellschaftlichen Analysen oder skandalisierenden Handlungen probiert. Es ist manchmal gar nicht mal so schlimm, wenn man sich auf die Couch setzt, eine halbe Stunde lang lacht und danach ins Bett geht im zwar irrigen, aber wohligen Glauben, dass das eigene Leben nicht so schlimm ist.

© SZ vom 20.04.2020/tmh

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