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"Tagesschau":Und sie bewegt sich doch

Tagesschau; Judith Rakers

Sehnsucht der Zuschauer nach Berechenbarkeit in Form und Gesichtern: "Tagesschau"-Sprecherin Judith Rakers.

(Foto: NDR/Holde Schneider)

"Bei uns ist jeder Versprecher eine Katastrophe": Bis zu zehn Millionen Menschen sehen täglich die "Tagesschau". Die einen erinnert das Nachrichtenformat an Nordkorea, für andere ist es gutes Fernsehen. Eine Erkundung in Hamburg.

Zwölf Minuten nach dem Wetter ist alles vorbei. Die Redaktionsräume haben sich geleert wie nach einem Feueralarm. Es ist 20.27 Uhr, Haus 18 auf dem Gelände des NDR in Hamburg. Die ganze Aufgeregtheit der Nachrichtenfabrik hat sich bereits verzogen wie Rauch.

Jan Hofer, 61, steht im Halbdunkel eines Newsrooms nach Feierabend, perfekt frisiert, mit einem Krawattenknoten so schön wie aus dem Lexikon der schönsten Krawattenknoten. Er ist etwas kleiner, als man vermuten würde, wenn man nur den halben Hofer aus der Tagesschau kennt. Gerade lächelt er zufrieden einer pannenfreien Sendung hinterher: "Alles normal."

Pannenfreiheit ist die Regel bei der Tagesschau, eine Selbstverständlichkeit, von der sich ein Nachrichtensprecher wie Jan Hofer gelegentlich wünschen würde, dass sie als nicht ganz so selbstverständlich wahrgenommen wird. "Wenn ich sehe, wie viele Fehler sich zum Beispiel Tageszeitungen erlauben können", sagt er und lässt den Satz erstmal halbfertig stehen, um dann fortzufahren: "Bei uns ist jeder Versprecher eine Katastrophe." Wenn er nur "Taliban" falsch betone, nämlich auf der ersten Silbe, könne er sicher sein, dass ihm die Zuschauer das mitteilen würden. Und wenn er, wie neulich im Heute Journal des ZDF geschehen, in der Tagesschau eine Falschmeldung vorlesen würde, "wäre das ein Skandal", glaubt Hofer. Beim Zweiten würde da einfach drüber weg gesehen.

Klebers "Anfängerfehler"

Ganz so war es nicht. Die falsche Nachricht im ZDF handelte von angeblich herausgeschnittenen Bildern aus einem Video, das die CSU auf dem Parteitag gezeigt hat. Der als Steuerbetrüger verdächtigte Uli Hoeneß, Präsident des FC Bayern München, sei kurzfristig herausgeschnitten worden, hatte Heute Journal-Moderator Claus Kleber verkündet. Tags darauf hat er sich entschuldigt, weil es nicht stimmte. "Ein Anfängerfehler", gab Kleber zu.

Es war nicht der einzige Anfängerfehler des ZDF-Ankermannes, ein zweiter unterlief ihm wenig später in einer baden-württembergischen Kleinstadt. Bei der Tagesschau in Hamburg gehen sie heute davon aus, dass Kleber einfach nicht damit gerechnet hatte, dass das, was er vor 900 Zuhörern im Waiblinger Bürgerzentrum erzählen würde, irgend jemand außerhalb Waiblingens mitbekommen könnte. "Frei, mit manchmal fast assoziativ wirkendem Schwung" habe Kleber auf Einladung der Kreissparkasse über den Klimawandel gesprochen, notierte die Waiblinger Kreiszeitung, und anschließend mit Fernsehjournalistin Astrid Frohloff auch über die Tagesschau. Ein kurzes Protokoll.

Frohloff: Er, Kleber, habe vor kurzem (in einem Interview der Zeit) "etwas ganz Gemeines" gesagt, nämlich, dass das Konzept der Tagesschau Mühe haben werde, zu überleben, weil diese Art von Nachrichten am ehesten vom Internet ersetzt werden könne: "Wie haben Sie das gemeint?"

Rollkoffer der Nachrichtenwelt

Kleber: "Da bin ich möglicherweise verkürzt zitiert worden. Die Tagesschau ist weiterhin der Goldstandard in diesem Bereich. Aber ich sage auch, das trockene Nachrichtenablesen gibt es heute nur noch um 20 Uhr und im koreanischen Fernsehen." Später fiel Kleber noch Gemeineres ein. Auf den Hinweis der ARD-Kollegin Frohloff (Kontraste, Klartext), die Tagesschau würden bis zu zehn Millionen Menschen täglich sehen, das Heute Journal aber nur drei Millionen, erwiderte Kleber: Er müsse neidlos anerkennen, dass es Produkte gebe, "die aus sich heraus gut sind und bei denen das Alter der Konsumenten keine Rolle spielt. Rollkoffer zum Beispiel seien früher etwas für Senioren gewesen, heute gelten sie als schick und praktisch." Kaum jemand habe keinen Rollkoffer.

Die Tagesschau als Rollkoffer der Nachrichtenwelt? In Hamburg rätseln sie, was Kleber trieb. Klebers gemailte Entschuldigungen seien eher kryptisch gewesen als erhellend. Auf den NDR-Fluren wird als häufigstens Motiv "Neid" angeführt. Im Jahresmittel zeigen 33 Prozent der eingeschalteten Fernsehgeräte um 20 Uhr die Tagesschau, wobei die nicht nur im Ersten, sondern inzwischen in fast allen Dritten läuft und sogar im Radio, auf NDR Info. Und das, ohne sich dauernd neu zu erfinden. Sitzen um diese Zeit nur Gewohnheitstiere vor der Glotze? Ist es, wie Jens Riewa vermutet, die Sehnsucht "nach Berechenbarkeit in Form und Gesichtern"?