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Kolumne "Unser Beitrag":Eine Wahlsendung, die Wegschalten unmöglich macht

Unser Beitrag
(Foto: Steffen Mackert)

Was die Öffentlich-Rechtlichen senden. Diesmal mit einer knallharten Moderation von Birgitta Weber.

Von Lina Wölfel

Seit Beginn der Pandemie fühlt sich jeder Abend irgendwie wie ein Sonntagabend an. Problematisch ist das vor allem für den Sonntagabend, der dadurch seine gemütlich entschleunigende Funktion innerhalb der Woche verliert und stumpfsinnig und langweilig wird. Man fragt sich, ob 17 Uhr zu früh ist, um Abendbrot zu essen, und ob es vertretbar ist, um 21 Uhr ins Bett zu gehen. Dieser Sonntagabend hatte alles, was es braucht, um genau so zäh zu werden, hätte es nicht die gut fünfstündige Wahlsendung auf Tagesschau.de gegeben. Und vor allem die knallharte Moderation von Birgitta Weber.

Fünf Stunden Wahlsendung klingen erst mal wenig spannend. Und auch dramaturgisch eher nicht überraschend. Der Höhepunkt kommt mit den ersten Prognosen um 18 Uhr. Danach wird es schnell langweilig, wenn man nicht auf Tortendiagramme und die gleichen Lob- und Ausreden der immer gleichen Politikerinnen und Politiker steht. Eine Liveschalte nach der anderen, die einen feiern, die anderen schauen trübe drein, hinterher wird bei Anne Will und in Elefantenrunden über die Ursachen diskutiert. Gestern Abend war das anders.

Gestern Abend übernahm Birgitta Weber die Moderation der Spitzenkandidatenrunde zur Landtagswahl in Rheinland Pfalz und unterband jedes Politgeschwafel, sofort. Ihre Art, "aber offenbar", "Na ja, die Zugewinne waren ja eher minimal" und "Sie müssen sich doch eingestehen" zu sagen, war erfrischend süffisant. Geschickt stellte sie Nachfragen, womöglich schneller als ihr Schatten.

Als Gerd Schreiner von der CDU, die ein "historisch schlechtes Ergebnis" erzielte, in Floskeln abdriftete: "Das ist ja schön für Sie, aber bei fünf bis sechs Prozenten Verlust, da müssen Sie sich doch fragen, wo die Fehler liegen?" Schreiner: "Wir haben die richtigen Themen gesetzt. Wir hatten tolle Kandidatinnen und Kandidaten, das kann man nicht bestreiten." Hat auch niemand. Lustig, wie leicht sich Politiker provozieren lassen, einfach weil man ihnen Phrasen wie "Das war ein klarer Personenwahlkampf" oder "Die Corona-Krise hat es uns schwer gemacht" nicht durchgehen lässt. Und schon sind fünf Stunden rum.

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© SZ/hert
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