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Studie über Migration in den Medien:Hilfsbedürftig oder gefährlich

Wie werden Geflüchtete dargestellt, die über das Meer kommen? Als hilfsbedürftig oder als verantwortungslos?

(Foto: Bruno Thevenin/AP)

Medien berichten immer seltener und immer negativer über Geflüchtete. Das zeigt eine Studie der Universität Mainz, die Beiträge aus sechs deutschen Leitmedien analysiert hat.

Von Nina von Hardenberg

"Wir helfen", titelte die Bild am am 29. August 2015. Dazu zeigte sie auf der ersten Seite im Großformat erschöpfte, aber niedlich aussehende Kinder Geflüchteter. Auf den Seiten zwei und drei folgten Geschichten von zupackenden Deutschen, die Schokolade unter den Angekommenen verteilten oder gar ihre Zimmer für sie freiräumten. Lange her. Bild und andere Medien berichten zuletzt immer seltener und immer negativer über Asylbewerber. Das zeigt eine Studie der Universität Mainz, die in den Jahren 2016 bis 2020 5822 Beiträge aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Süddeutschen Zeitung, der Bild sowie den Nachrichtensendungen "Tagesschau", "ZDF heute" und von RTL ausgewertet hat.

Anstoß für die von der Stiftung Mercator geförderten Untersuchungen waren Umfragen von 2015, in denen eine Mehrheit der Befragten beklagte, die Medien berichteten zu unkritisch über Geflüchtete und die Asylpolitik der Regierung. Tatsächlich haben laut Studie mit Ausnahme der Bild auf dem Höhepunkt der Migration alle Medien ein deutlich positives Bild der Ankommenden gezeichnet. In den Folgejahren aber galt das für kein einziges Medium mehr. Vielmehr hätten zuletzt die untersuchten Zeitungen und Fernsehsender vor allem die Gefahren der Zuwanderung betont. Etwa jeder zehnte untersuchte Beitrag thematisiert Terrorismus und Flüchtlingskriminalität. Auch stellten die Medien das Verhältnis zwischen Geflüchteten und der einheimischen Bevölkerung als konfrontativ dar.

Berichte über den Alltag der Kinder Geflüchteter findet man selten

Als positive Berichterstattung über Flüchtlinge zählte die Studie Artikel und Beiträge, in denen die Menschen und ihre Motivationen positiv bewertet wurden. Bootflüchtlinge wurden dann etwa als mutig und tapfer dargestellt. In negativen Beiträgen wurde ihre Überfahrt als unvernünftig beschrieben. Am positivsten berichtete die Süddeutsche Zeitung. Am negativsten die Bild. Die beiden öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen wiederum hätten den Tenor ihrer Berichterstattung nahezu ins Gegenteil verkehrt, heißt es in der Studie: "Wurden hier 2015 fast nur positive Berichte über Geflüchtete gesendet, gehören beide nun zu den Medien mit der negativsten Darstellung."

Und wie sehen Geflüchtete in den Medien aus? Überwiegend werden Männer gezeigt. Dabei stimmt das keineswegs mehr mit der Asylstatistik überein. Kamen mit der großen Fluchtwelle vor allem junge Männer nach Deutschland, so wird derzeit am häufigsten für Kinder unter vier Jahren erstmals Asyl beantragt, sei es, weil sie einem Elternteil hinterherziehen durften oder weil sie hier geboren wurden. Berichte über den Alltag von Flüchtlingskindern aber fände man selten, sagte Marcus Maurer, Mainzer Publizistikprofessor und Mitautor der Studie.

Schaden und Konflikte nehmen in der Berichterstattung großen Raum ein

Warum liest und sieht man so wenig Mutmachendes über Geflüchtete? Marcus Maurer erklärt dies mit der Logik der Massenmedien. Diese folgten in ihrer Berichterstattung den aktuellen Ereignissen. Schaden und Konflikte nehmen großen Raum ein. Geflüchtete kamen deshalb vor allem vor, wenn sie vor dem Ertrinken gerettet wurden oder einen Terroranschlag verübt hatten. Oder als passive Objekte der Berichterstattung, wenn die Politik Änderungen der Asylpolitik beschloss. Der normale, vielleicht erfolgreich integrierte Flüchtling, bleibt in einer solchen Berichterstattung unsichtbar.

Mit ihren Geschichten über hilflose oder gefährliche Geflüchtete prägten die Medien aber möglicherweise ein negatives Bild beim Leser, wenn auch unabsichtlich. Zum Schluss schreiben die Autoren der Studie, welche Berichterstattung sie sich wünschen würden: mehr Artikel über Erfolgsgeschichten oder solche, die eine Lösung der Probleme zeigen.

© SZ/freu
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