"Undercover Deutschland" auf RTL:Ganz kleine Wallraffs

"Undercover Deutschland"

Miriam Werning und Wolfram Kuhnigk recherchieren für RTL in Undercover Deutschland.

(Foto: RTL)

RTL will an den Erfolg von "Team Wallraff" anknüpfen und sich mit "Undercover Deutschland" journalistisch profilieren. Dafür müsste man aber erst mal die eigenen Zuseher ernst nehmen.

Eine TV-Kritik von Matthias Kohlmaier

RTL, das ist der Sender, wo gewöhnlich Bauern nach Frauen suchen oder der Bachelor aus einer Schar williger Damen die willigste herauspickt. Oder ab kommenden Mittwoch die Bachelorette aus einer Schar williger Herren, na, Sie wissen schon. Wenn der Chef dieses Senders ankündigt, man wolle sein journalistisches Profil schärfen, erwartete der geneigte Zuschauer bisher im besten Fall eine offenherzige Reportage über Brustimplantate.

Bei RTL hat das mit dem Schritt Richtung journalistische Relevanz kürzlich jedoch mit dem "Team Wallraff" sehr ordentlich funktioniert. In diese Richtung will der Kölner Sender mit der vierteiligen Reihe "Undercover Deutschland" weitergehen, diesmal allerdings ohne Unterstützung von Investigativ-Recke Günter Wallraff. Denn, wie die am neuen Projekt beteiligten Reporter in einem recht PR-lastigen Interview mit DWDL.de haben ausrichten lassen: "Wir sind unsere eigenen kleinen Wallraffs."

Und so haben die kleinen Wallraffs Miriam Werning und Wolfram Kuhnigk im Auftrag von RTL monatelang unter falscher Identität in der Pädophilen- sowie der Leihmutterszene Deutschlands ermittelt. Unappetitliche Themen sind das, Themen, die eine tiefergehende Recherche wert sind. Wenn ein Fernsehsender gleich zwei solch tiefer Jauchegruben mit journalistischen Mitteln trockenlegen will, wäre nicht nur eine Nettosendezeit von mehr als 45 Minuten notwendig. Man müsste die potenziellen Zuseher auch halbwegs ernst nehmen.

"Das glaub ich jetzt nicht!"

RTL jedoch drapiert seine Reporterin lieber in einer stylisch eingerichteten Wohnung und lässt sie mit Betroffenheitsmiene Dinge sagen wie "Das schockiert mich jetzt wirklich!" oder "Das glaub ich jetzt nicht!". Am Ende hat Miriam Werning herausgefunden, dass es wirklich Menschen gibt, die in Deutschland Babys verkaufen oder kaufen wollen. Die Reporterin, selbst schwanger, tätschelt ihren Bauch und sagt: "Wenn ich es nicht am eigenen Leib erfahren hätte, ..."

Die Recherche ihres männlichen Pendants ist etwas besser weil ernster gelungen. Dennoch konterkarieren die zwischen die Undercover-Recherchen geschnittenen Erklärungen ("Ein Prozent der männlichen Bevölkerung soll pädophil veranlagt sein. Das wäre einer von 100 Männern") die Relevanz des Themas auf stupideste Weise. Dass der Plot - durch die Recherche wurde angeblich ein Pädophilenring gesprengt - am Ende in wenige Minuten hinter einen Werbeblock gepresst wird, zeugt auch nicht eben von journalistischer Erzählkunst.

Aber es muss ja weitergehen im Programm. Handgestoppte zwei Sekunden, nachdem Männer, die den Missbrauch von Kindern eingestanden haben, in Handschellen abgeführt wurden, flötet Birgit Schrowange: "Hallo und herzlich willkommen bei Extra, am Tag nach dem großen Spiel!"

Anmerkung: Sinn und Maß der Recherche von Wolfram Kuhnigk in der Pädophilenszene sowie das Eingreifen der Polizei an deren Ende wurden bereits deutlich in Frage gestellt. Nachzulesen in einem zweiteiligen Artikel bei heise.de (Teil eins, Teil zwei).

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