Die Sendung gestern blieb relativ ruhig. Eine Bodybuilderin löste nach langem Grübeln eine Matheaufgabe, ein Mann flog in den Matsch, weil er beim Quiz keine fünf Konsonanten aufzählen konnte. Hier ein bisschen Verrat, da ein bisschen Intrige. Zwar bezeichnete man wie gewohnt die gegnerischen Pärchen als "Dreck", "Abschaum" oder "Fotzen", aber diesmal vor allem im Selbstgespräch oder im Interview, seltener in der persönlichen Anrede. Tränen gab es natürlich, Wut auch, aber keinen völligen Zusammenbruch. Es war nicht immer so friedlich im Sommerhaus der Stars auf RTL. In dieser Staffel hatten sich die Kandidaten schon betrunken und im anschließenden Streit ins Gesicht gespuckt, bei einem Spiel schlug ein Bewohner einen anderen vermeintlich absichtlich nieder, ein kurzer Krankenhausaufenthalt war nötig. Die Folge vor einer Woche zeigte übles Mobbing, das schließlich in einem Brüllkonzert mit niedersten Beleidigungen gipfelte. Bei der Niedersächsischen Landesmedienanstalt gingen bisher einschließlich der zehnten Folge 21 Beschwerden ein, sie prüft die Sendung.
Die Protagonistinnen und Protagonisten von Das Sommerhaus der Stars - Kampf der Promipaare muss man nicht kennen. Prominenz definiert RTL auf seine Art: Jemand ist schon einmal in einer anderen Reality-TV-Show aufgetreten oder produziert auf Youtube irgendein Reality-Drama in Eigenregie. Auch wenn im Grunde egal ist, wer sich da im Fernsehen zankt, ist das Phänomen Trash-TV nicht ganz zu vernachlässigen. Mit Donald Trump konnte so etwas wie ein Trash-TV-Star ja sogar US-Präsident werden. Die in der Casting-Show The Apprentice und beim Wrestling entwickelte Rhetorik ist seit vier Jahren die Sprache seiner Politik. Wenn aber schon normale Nachrichten und Wahlkampf wie schlechtes Skandalfernsehen klingen, wie will dann echtes Trash-TV sich davon noch unterscheiden, um interessant zu bleiben? Bei der aktuellen Sommerhaus-Staffel versucht RTL offenbar, die Krawallschraube weiterzudrehen.
Twitter-Kommentatoren halten den Umgang der Bewohner im aktuellen Sommerhaus unter aller Kanone, wenn nicht sogar die Menschenwürde verletzend. Und das will etwas heißen! Bei aller berechtigten Kritik, dass die Sendung das Gegenteil eines anständigen Miteinanders zeigt, verwundert die Empörung darüber dennoch. Denn Trash-TV-Formate werden nicht geschaut, obwohl sie respektlos sind und Grenzen des Anstands verletzen, sondern gerade deswegen. Natürlich ist das Sommerhaus ein moderner Pranger. Der entscheidende Unterschied zur mittelalterlichen Strafe ist, dass die Beteiligten sich freiwillig zur Schau stellen, dass sie bezahlt werden und in der fünften Staffel Sommerhaus eigentlich wissen müssten, worauf sie sich einlassen. Ein Schutzbedürfnis für die Teilnehmer beim Zuschauer zu wecken, ist auch irgendwie Teil des Konzepts. Trash-TV ermöglicht seinem Publikum, auf die gezeigten Menschen herabzuschauen. Das beinhaltet auch, sie vor sich selbst schützen zu wollen.
Nun wird zwar der Ton schärfer, doch das Rezept hat sich kaum verändert: Der Sender castet Exhibitionisten, gerne verhaltensauffällige, vor allem müssen ihre Persönlichkeiten inkompatibel miteinander sein. Spannung entsteht durch den Konflikt. Wo der sich nicht von selbst einstellt, hilft die Produktion nach. Das kann relativ offen geschehen, durch die Wettbewerbssituation bei Spielen, außerdem fliegt jede Woche jemand raus. Manchmal ändert man auch während der Staffel die Spielregeln. Der dramatische Dreh der letzten Folge vom Sonntag war, dass ein absurder Nominierungsschutz, den sich die Paare erspielen, um sich vor Rauswurf zu schützen, genau so absurd wieder aberkannt wurde. Und auch ein Auszug muss dann nicht mehr endgültig bleiben, wenn es der Dramaturgie dient und RTL es so will.
Üblich ist in Reality-Formaten zudem versteckte Beeinflussung, die das TV-Publikum nie zu sehen bekommt. Die Produzenten kontrollieren den Raum, die Kameras und die Ausstrahlung. Sie haben folglich viele Möglichkeiten, die Protagonisten und Protagonistinnen zu beeinflussen, etwa, wenn sie diese zu Interviews beiseite nehmen. Suggestivfragen gelten in der Branche als gängiges Handwerkszeug. Was die Kameras einfangen, lässt sich im Schnitt beliebig montieren und weiter dramatisieren. Interessanterweise ist das auch die Verteidigungsstrategie einer Sommerhaus-Bewohnerin, die als besonders ausfällig und intrigant inszeniert wird: Alles schlecht geschnitten! Wie so eine Reality-Produktion gewünschte Reaktionen ihrer Darsteller provoziert, zeigte 2016 Jan Böhmermann, indem er für seine eigene Satire-Sendung Teilnehmer beim RTL-Format Schwiegertochter gesucht einschleuste.
Muss man sich trotzdem um das Wohl der sogenannten Stars sorgen? Zuständig für die Programmaufsicht bei RTL ist die Niedersächsische Landesmedienanstalt. Die wird die Sendung aber kaum moralisch bewerten, sondern juristisch prüfen. Dabei geht es in erster Linie um den Jugendschutz, wie eine Sprecherin auf Nachfrage mitteilt. Sollte hier ein Verstoß festgestellt werden, kann die Kommission für Jugendmedienschutz eine Sendezeitbeschränkung anordnen oder ein Bußgeld verhängen. Die Laiendarsteller im Improvisationstheater Sommerhaus werden so nicht geschützt. Nur ihre minderjährigen Zuschauer sollen in ihnen, laut Jugendschutzgesetz, kein Vorbild sehen. Wer ernsthaft Mitleid für die Sommerhaus-Bewohner empfindet, dem bleibt nur eines übrig: abschalten.
