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Umstrittene Fernsehserie:Böse Idylle

Dovolená v protektorátu, 6. díl

Ohne Playstation, dafür mit Gummistiefeln und Quetschkommode: Auch der kleine Jakub (l.) macht Urlaub im Protektorat.

(Foto: Rostislav Simek/Ceská televize)

Das tschechische Fernsehen erregt mit einer Reality-Show Aufsehen. "Urlaub im Protektorat" schickt eine Familie auf Zeitreise und stellt das Landleben mit deutschen Besatzern und Gestapo nach.

Es beginnt wie eine Landpartie ins Blaue. Wohin es geht, hat der öffentlich-rechtliche Fernsehsender Česká Televize der siebenköpfigen Familie aus Doksy in Nordböhmen nicht gesagt. "Ich denke, wir befinden uns in den Dreißigerjahren", sagt die 50-jährige Ivana, während sie vom historischen Autobus durchgeschüttelt wird. Die Fahrt führt sie mit ihrem Mann, ihren beiden Söhnen, ihren Eltern und ihrem erwachsenen Neffen nach Staré Hamry weit im Osten Tschechiens in das Beskiden-Gebirge. Es ist eine Sommeridylle mit Kühen und bestickten Bauerndeckchen. Und dann marschiert die deutsche Wehrmacht ein.

Urlaub im Protektorat heißt die achtteilige Serie, die seit Ende Mai läuft. Es ist das erste Living-History-Projekt im tschechischen Fernsehen. Es hat einen fröhlich-bunten Vorspann, zeigt sensationelle Landschaftsaufnahmen und wird nicht nur in Tschechien heiß diskutiert. Laut Regisseurin Zora Cejnková gibt es Überlegungen ausländischer Sender, die Serie einzukaufen.

Innerhalb von zwei Sommermonaten durchlief die Familie beim Dreh 2014 sechs Jahre Geschichte. In welche Zeit und welche Umstände es ging, erfuhren sie deshalb nicht, damit sie sich nicht zu sehr vorbereiten konnten. Kaum hat die Familie sich also daran gewöhnt, kein fließendes Wasser zu haben und Kühe zu melken, spricht schon Adolf Hitler aus dem Rundfunkgerät. Aus der Zeitung, die der Bürgermeister vorbeibringt, erfährt die Familie von der Besetzung des Landes duch die Deutschen. Später wird sie mit Widerstandskämpfern liebäugeln, die Gestapo wird das Bauernhaus durchsuchen und in Folge vier, die an diesem Dienstag ausgestrahlt wird, gibt es nach einem heimlichen Schlachtfest richtig Ärger mit der neuen Obrigkeit. Alles viel zu normal?

"Das Leben der ganz normalen Menschen ist ein vergessener Teil der Geschichte", erklärt Regisseurin Zora Cejnková im Telefongespräch. Die Geschichten, die sie von ihren Großeltern gehört hat, seien Anlass für ihre Serie gewesen. Ein Bruder ihres Großvaters wurde im Konzentrationslager Mauthausen ermordet. Auch ihre Protagonisten erinnerten sich im Laufe der Dreharbeiten an Familiengeschichten und Kindheitserlebnisse. Die beiden Großeltern Jarmila und Jiří sind Jahrgang 1933 und 1936, auch Jiří hat Angehörige im Konzentrationslager verloren. Die Kamera beobachtet ihre Reaktionen auf täglich neue Vorschriften, auf Flüchtlinge, die sie aufnehmen müssen, auf die neugierige Nachbarin und den opportunistischen Bürgermeister - diese Rollen werden von Schauspielern übernommen.

Die junge Generation soll nacherleben können, was ihre Vorfahren durchgemacht haben

An ein "Amateurtheater" erinnere ihn das Ganze, schreibt ein Kritiker der Tageszeitung Lidové Noviny. Das Leid ließe sich nun einmal nicht auf solche Weise nachbilden. Die Tageszeitung Mladá Fronta Dnes fragte sich vor dem Start, ob sie die Serie für "Provokation, Geschmacklosigkeit oder Verhöhnung der Opfer" halten soll, kommt aber zu dem Schluss, dass es eher eine Reklame für den Urlaub auf dem Lande ist. Bei der Boulevardzeitung Blesk freut man sich über den Rummel, den die Serie im Ausland auslöst. Dabei geht es aber im Wesentlichen um einen Artikel in der Times of Israel, deren Autorin schreibt: "Glücklicherweise wird es der Familie nicht so ergehen wie 82 309 Juden, die im Protektorat lebten."

Zora Cejnková hat natürlich auf eine öffentliche Diskussion gesetzt, wenn auch nicht gerade auf die um historische Genauigkeit oder Opferverhöhnung. Sie wolle vor allem die Jugend erreichen, sagt sie, und alle, die sich sonst nicht mit Geschichte befassen würden. "Es geht darum, sich zu überlegen, wie man sich selbst verhalten hätte, wem man geholfen hätte, wie tapfer man gewesen wäre." Die junge Generation soll nacherleben können, was ihre Vorfahren erlitten und geleistet haben.

Das "Protektorat Böhmen und Mähren" wurde im März 1939 nach der Besetzung durch die Deutschen proklamiert und bestand bis zur Befreiung 1945. Die erste tschechoslowakische Republik hatte sich als moderner, demokratischer Staat aus dem Vielvölkerreich Österreich-Ungarn emanzipiert. Die Bevölkerung litt nun schwer unter der Besatzung. Widerstandsaktionen wurden grausam vergolten, die Dörfer Lidice und Ležáky etwa wurden von der SS 1942 völlig zerstört, fast alle Einwohner ermordet.

Für das tschechische Fernsehen ist die Serie einer von mehreren Beiträgen zum Gedenken an das Kriegsende vor 70 Jahren. Cejnková nennt als Vorbilder auch die erste deutsche historische Doku-Soap Schwarzwaldhaus 1902 von 2002. Im deutschen Fernsehen folgte später noch Leben im Gutshaus 1900, in dem Köchin Sarah Wiener an präelektrischen Lagerungsbedingungen scheiterte, und eine Zeitreise in eine Hauswirtschaftsschule der Fünfzigerjahre. Die Kriegszeiten wurden hierzulande bisher ausgespart, dafür gibt es aber natürlich britische Vorbilder: Für The 1940s House stellte Channel 4 die Lebensbedingungen während des Krieges in London nach, die BBC-Serie Coal House versetzt ihr Protagonisten in das Jahr 1944.

Historiker und Architekten wurden angeheuert: Alles musste möglichst originalgetreu aussehen

Die Big-Brother-Bedingungen sind bei solchen Formaten kaum noch umstritten - obwohl die Familie das Mikrofon nur zum Schlafen ablegen durfte. Historiker und Architekten wurden angeheuert, um alles so originalgetreu wie möglich aufzubauen, auf jedes Detail wurde geachtet, vom Nachthemd mit Häkelspitze bis zum Butterfass.

Und wie ist es mit der Provokation? Deutschland und Tschechien befinden sich in einem Aussöhnungsprozess, beide Seiten gingen in den vergangenen Jahren vor allem bezüglich der Vertreibung der Sudetendeutschen in immer größeren Schritten aufeinander zu. "Meine Serie ist strikt Anti-Nazi, aber keinesfalls anti-deutsch", sagt Zora Cejnková. Am Ende der Okkupation stand die Befreiung durch die Rote Armee. Die kommt im Film aber nicht vor. Das Thema ist vermutlich noch emotionaler besetzt als die Nazi-Zeit. Die zweimonatige Kriegszeit im idyllischen Bergdorf endet für die Familie stattdessen mit einer Belohnung in Höhe von etwa 37 000 Euro.

© SZ vom 02.06.2015