Öffentlich-rechtlicher Rundfunk Nicht in diesem Ton

Fernsehen Öffentlich-rechtlicher Rundfunk

Die gesellschaftliche Ausgrenzung verfolgt Rentner meist bis ins Wohnzimmer. Mit dem Alter fällt das Verfolgen von Bild und Ton schwerer.

(Foto: Christian Langballe/Unsplash)
  • Welche Pläne haben Fernsehsender für ihre Zuschauer, die immer älter werden?
  • Sie tun zwar viel für Barrierefreiheit oder Hörgeschädigte. Aber für ältere Menschen, die oft hör- und sehbeeinträchtigt sind, gibt es keine speziellen Maßnahmen.
  • Auf die Frage der SZ, was sie konkret tun, um diese Gruppe zu erreichen, können die Sender nichts Konkretes nennen.
Von Kathrin Hollmer

Nach einer halben Stunde schaltet Günther Zerbe, 83, den Fernseher aus. Zu unverständlich sind die Dialoge, zu wenig nachvollziehbar die Handlung. Dabei hätten er und seine Frau gern den Dreiteiler Ku'damm 59 im ZDF gesehen. Am 19. März, einen Tag nach Ausstrahlung der ersten Folge, schreibt er einen Brief an den Sender. "Der Hintergrundton überdeckt die Gespräche. Die Lautstärkewechsel (...) sind teilweise unerträglich." An seinem Gehör allein liege es nicht, "da andere Sendungen wie Nachrichten, Talkshows, Kommentare und Dokumentationen keine Probleme bereiten."

Die öffentlich-rechtlichen Sender, zu deren Aufgaben es gehört, mit ihrem Programm alle in Deutschland zu erreichen, tun viel für Barrierefreiheit. Schließlich muss seit 2013 jeder Haushalt Rundfunkgebühren bezahlen - die sich für Blinde und Gehörlose auf ein Drittel reduzieren, lediglich Taubblinde und Empfänger von Blindenhilfe sind befreit. Für hörgeschädigte Menschen gibt es Untertitel und Gebärdenspracheinblendungen, für sehbehinderte Hörfilme. Doch für Ältere, die häufig hör- und sehbeeinträchtigt sind, gibt es keine speziellen Maßnahmen. Dabei liegt das Durchschnittsalter der Zuschauer von ARD und ZDF bei über 60 Jahren.

Ein Leser klagt über Musik und Geräusche im Hintergrund, wodurch er Dialoge kaum versteht

Bei der SZ sind Leserbriefe älterer Fernsehzuschauer eingegangen. Günther Zerbe, dessen Brief ans ZDF der SZ vorliegt, hat vom Sender keine zufriedenstellende Antwort bekommen. Man bedankt sich für den Hinweis und versichert, in Zukunft "noch mehr" auf das Sprachverständnis zu achten. Die SZ-Medienredaktion ist den Vorwürfen nachgegangen - und der Frage: Welche Pläne haben die Sender für ihre Zuschauer, die immer älter werden?

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Für die Sender ist das Problem zunächst ein technisches. "Wir erheben keine Daten und wissen nicht, wie alt die Zuschauer sind, die sich an uns wenden", sagt die Geschäftsführerin des ZDF-Zuschauerservices, Angela Schöneberg. Ein "schwieriges Unterfangen", sei es, bei Problemen mit Bild oder Ton die Ursache herauszufinden. Deshalb erfrage man Informationen zur Empfangsart und dem Endgerät. Zuschauer sehen heute auf so vielen unterschiedlichen Wegen fern wie noch nie. Wird störungsfrei gesendet, versuchen die Mitarbeiter herauszufinden, ob es etwa an den Einstellungen am Gerät liegen kann.

Beim BR verweist ein Sprecher auf moderne Flachbildgeräte, die "aus Designgründen den Ton zum Beispiel nach hinten abstrahlen". Doch Günther Zerbe verfügt über beste Voraussetzungen, verwendet in Gesellschaft und zum Fernsehen eine Hörhilfe, zudem Zusatzlautsprecher, die den Ton nach vorne abgeben. Die Sender empfehlen, für eine bessere Sprachverständlichkeit die Höhen zu betonen. Zerbe hat die Toneinstellungen an seinen Geräten bereits optimiert. Er klagt über Hintergrundmusik und -geräusche, durch die er oft Probleme hat, den Dialogen zu folgen. Beim BR beispielsweise helfen Musikberater bei der Auswahl angemessener Filmmusik. Die schlechte Sprachverständlichkeit in Filmen könne "auch mit der individuellen Aussprache bestimmter Darsteller zusammenhängen", heißt es bei dem Sender. Wolfgang Leiderer, 85, der sich wie Zerbe an die SZ wandte, beklagt sich über Schauspieler, die schnell reden, "nuscheln, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist". Im kürzlich wiederholten Krimi Charlotte Link - Die Betrogene (NDR) seien die Dialoge kaum verständlich gewesen, sagt Günther Zerbe. "Nur mit Hilfe der Untertitel konnte ich der Handlung folgen." Zerbe hat zum ersten Mal Untertitel ausprobiert. Ein Tipp, den man auch beim BR gibt.

Doch auch damit haben ältere Menschen oft Schwierigkeiten. Er glaube nicht, dass Untertitel "nennenswerte Vorteile bringen, denn sie erhöhen ja nur den Zeitdruck beim Schauen", sagt Wolfgang Leiderer. Ähnlich ergeht es vielen Älteren bei Informationssendungen mit den Inserts, die Name und Funktion von Interviewpartnern anzeigen und oft nur kurz oder mit hell-rosa Schrift auf weißem Grund eingeblendet würden, schrieb Leiderer. "Meine kaputten Augen schaffen das nicht." Als Beispiel nennt er das Heute-Journal (ZDF). Nicht nur das Angebot, mit Projekten wie Funk und ZDF Neo, sondern auch die Gestaltung von Sendungen orientiert sich an den Sehgewohnheiten der Jüngeren.

Das Erzähltempo hat jüngeren Zuschauern zuliebe zugenommen. Die älteren haben das Nachsehen

Vernachlässigen die Sender ihre älteren Zuschauer? Auf die Frage, was sie konkret tun, um diese Gruppe zu erreichen, können die Sender keine konkreten Maßnahmen nennen. Man sende ein "Programm für alle", so eine ZDF-Sprecherin, auch der BR verweist lediglich auf "generationsübergreifende Familienfilme oder Serien wie Dahoam is Dahoam" Ausweichende Antworten, zumindest von den Öffentlich-Rechtlichen. Ist das Problem dort schlicht noch nicht angekommen? Die Sender betonen, dass Anfragen und Beschwerden zur Bild- und Tonqualität nicht zugenommen hätten, bei Pro Sieben Sat 1 hätten diese zuletzt sogar "eher abgenommen", sagt Sprecherin Susanne Lang, auch wegen der besseren Ausstattung und des besseren Technikverständnisses der Zuschauer.

Wolfgang Leiderer klagt in seinem Brief zudem über "dynamische, kurz geschnittene Szenenfolgen" in Krimis. Das entspreche der Seherwartung der Kernzielgruppe der 14- bis 49-Jährigen, sagt Susanne Lang, die Erzählgeschwindigkeit bei fiktionalen Inhalten habe insgesamt zugenommen. "Wenn Sie heute im Vergleich Serien oder Filme aus den achtziger Jahren anschauen, wird das deutlich." Die langen Einstellungen sind es, die gerade die Augen der Jüngeren bei Wiederholungen von Filmen aus der Zeit schnell ermüden. Spezielle Schnittfassungen für Ältere sind jedoch nicht nur aufwendig, sondern vielleicht auch gar nicht zielführend. Der BR-Sprecher verweist auf eine Studie, die der Schnittmeister Marcel Buckan für seine Diplomarbeit an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf durchgeführt hat. Demnach ist die Blickfrequenz unabhängig von Alter oder Geschlecht.

Inhaltlich orientieren sich die Sender eher an den Jüngeren, obwohl die immer weniger werden. Bei den Privatsendern hat man die Älteren schon als Zielgruppe erkannt. Susanne Lang von Pro Sieben Sat 1 verweist auf ihren Spartensender Sat 1 Gold, der sich vor allem an weibliche Zuschauerinnen zwischen 40 und 64 Jahren wende. Dort laufen, bis auf Scripted-Reality-Sendungen und wenige aktuelle Produktionen wie Doc Martin, überwiegend Wiederholungen von Serien wie Bonanza und Kommissar Rex.

Bleiben für die Älteren am Ende nur Slow-TV im Vorabendprogramm und Wiederholungen und ein bequemer Zugang zu täglicher Information und die Teilhabe an der aktuellen Kultur bleibt ihnen verwehrt? Während Leiderer Filme, die fünf, zehn Jahre oder noch älter sind, gerne sieht, wegen der "altengerechteren Dramaturgie", sagt Zerbe, er habe "keine Zeit und Lust, sich nochmals die gleiche Sendung anzuschauen".

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