Der Weltmeister, Manager, Wurschtfabrikant und FC-Bayern- Ehrenpräsident Ulrich Hoeneß hat in seinem dicken Lebensbuch also nun tatsächlich noch ein Kapitel aufgeschlagen. Er ist jetzt TV-Experte, Premiere war das WM-Qualifikationsspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Island. Ausgerechnet er, der dem Expertentum immer skeptisch gegenüberstand.
Wenn ihm früher TV-Experten einreden wollten, dass der Weihnachtsmeister auch bei Saisonschluss der Beste sein werde, und der Weihnachtsmeister war gerade mal zufällig nicht der FC Bayern, verfügte Hoeneß: "Der Nikolaus war noch nie der Osterhase" - ein Lehrsatz von zeitloser Gültigkeit und Schönheit. Denn Hoeneß, 69, war ein Mann des nicht immer versöhnlichen, aber oft doch originellen Wortes. Somit ein Upgrade zum Fußballpersonal des Senders RTL, der sich bisher schmückte mit den Einlassungen des ehemaligen Spielers Steffen Freund, ein Mann des niemals originellen Wortes. Vorsichtig gesagt.
Kreide gefressen, Vulkan erloschen? Er doch nicht
Apropos "vorsichtig gesagt". Das hatte sich offenbar auch der gelegentliche Brachialrhetoriker Hoeneß als Maßgabe für seine Experten-Premiere an der Seite des geschmeidigen Florian König vorgenommen. Er schien die Kreide nicht nur vertilgt zu haben, er wirkte auch wie mit Kreide überschminkt, und zwar so gründlich, dass das signalrot gefärbte Warngesicht keine Chance hatte, durchzuschimmern und Ausbrüche anzukündigen, die womöglich kommen würden. Sogar mit der Aufstellung des früher kritisch betrachteten Trainers Löw war Hoeneß hochzufrieden: "Ich denke, lieber Jogi: Solange man den Timo Werner auf die Bank setzen kann, kann es um den Bestand der tollen Mannschaft nicht so schlecht stehen, oder siehst du das anders?" Sah der Jogi genauso, sah auch die tolle Mannschaft genauso, deren Bayern-Spieler dem Experten sogleich das 1:0 widmeten. Gegen Island, wo gerade der Vulkan Fagradalsfjall ausgebrochen ist. Der Vulkan Hoeneß dagegen dampfte nicht mal vor sich hin. Pries ein wenig zu entschieden den abwesenden Bayern Thomas Müller und alles Bayerische an sich, schnurrte aber besänftigend: "Heut habe ich ein deutsches Herz."
Und brach dann doch noch aus, feuerte gegen die Machtspiele und Postenschachereien beim DFB. Dafür brauchen sie ja ihren Hoeneß bei RTL: damit Publikum und Twitteria dranbleiben, bis kurz vor Mitternacht. Und sie brauchen ihn auch noch für etwas anderes. Die WM wird in Katar stattfinden, wo - Amnesty International hat es gerade noch mal betont - Arbeitsmigranten nach wie vor ausgebeutet und missbraucht werden. Hier und da ist von Boykott schon die Rede, jetzt benötigt der Fußball Übersetzer, die den Leuten erklären, wie das zusammengehen kann im Winter 2022. Das Fußballfest in diesem Staat. Vielleicht kann der rhetorisch geschickte Hoeneß da hilfreich sein, dessen FC Bayern für viele der Herzensverein ist, obwohl er den Schriftzug Qatar Airways auf dem Heldentrikot spazieren trägt.
Und wie ist das mit dem Nikolaus und dem Osterhasen - in Katar?
Die deutsche Nationalmannschaft hatte sich vorm Spiel die Worte HUMAN RIGHTS auf Aufwärm-Shirts gemalt. Passte ja sehr gut, elf Buchstaben für elf Männer. Und Hoeneß sagte: "Eine WM in Katar und ein Engagement des FC Bayern dort kann auch dazu führen, dass die Arbeitsbedingungen besser werden." Mit dieser Aussage allerdings war nicht nur die Twitteria kaum zufriedenzustellen. Die WM in Katar ist längst einer philosophischen Frage unterworfen: ob es das Richtige im Falschen geben kann. Uli Hoeneß, wenn man ihn richtig versteht, sagt Ja. Dabei wusste er doch mal, dass manches im Leben nicht zusammengeht: Der Nikolaus war noch nie der Osterhase.
