Süddeutsche Zeitung

Aufmerksamkeitsökonomie:"Themen und Krisen haben eine Verfallszeit"

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Noch vor einigen Wochen gab es kaum Wichtigeres als Inzidenzen und Intensivbetten. Dann kam der Krieg. Ein Gespräch über Aufmerksamkeit mit dem Medienethiker Christian Schicha.

Interview von Lisa Oppermann

Christian Schicha ist Professor für Medienethik an der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg. Dort forscht er unter anderem zu Medienskandalen, politischer und visueller Kommunikation. Ein Gespräch über Schreckensbilder, vergessene Kriege und die "Tagesschau".

Wo ist eigentlich die Coronakrise abgeblieben? Ein Thema, das seit zwei Jahren die Medien dominiert hat.

Professor Christian Schicha: Berichterstattung läuft immer nach einem bestimmten Muster. Das sieht man vor allem, wenn es um Skandalisierung geht: Es gibt verschiedene Wellen. Wir hatten erst die sogenannte Flüchtlingswelle, dann die Corona-Welle und jetzt kommt die Wucht des Kriegs. Ein Thema dominiert die Berichterstattung oft so sehr, dass letztlich alles andere hinten runterfällt.

Heißt das, wir können uns immer nur auf eine Krise konzentrieren?

Die Aufmerksamkeit ist begrenzt. Wir sind permanent von unzähligen Medieninhalten umzingelt, aus denen wir uns informieren können, Hintergrundberichte, Einordnung, mögliche Konsequenzen. Aber es braucht Zeit, Muße und vielleicht auch die entsprechende Bildung, um all das aufzudröseln und einzuordnen. Einige Menschen schauen nur abends eine Viertelstunde Nachrichten und wollen nur die wichtigsten Fakten wissen. Deswegen wäre es verheerend, ein so wichtiges und dramatisches Ereignis wie den Krieg in der Ukraine in den Massenmedien nicht sehr ausführlich zu dokumentieren.

Und wie verteilt sich die Aufmerksamkeit bei nur 15 Minuten "Tagesschau"?

Journalisten wählen natürlich Themen danach aus, ob sie relevant sind. Und dass ein Angriffskrieg Putins auf die Ukraine relevant ist - darüber müssen wir nicht diskutieren. Das Format der Tagesschau ist dabei aber umstritten. Es bietet oft nur Häppchen, keine richtigen Informationen, die hängen bleiben. Der immer gleiche Ablauf, die Rituale und die Sprache führen dazu, dass Menschen sich vordergründig gut informiert fühlen, am Ende wissen sie aber gar nicht so viel.

Welche anderen Krisen gehen denn noch unter?

Ein Klassiker sind vergessene Kriege in Afrika, weil Afrika nicht wirtschaftlich und politisch "relevant" ist. Solche Themen fehlen. Oder zu Komplexes - wie wirtschaftliche Zusammenhänge oder Technik- und zum Teil Medizinthemen, wenn sie nicht gut erklärt werden können.

Vor allem die Berichterstattung über die Klimakrise wird immer wieder kritisiert: zu wenig, zu undifferenziert. Warum ist gerade Klimaberichterstattung so schwierig?

Eine Klimakrise ist erst einmal abstrakt und für viele weit weg: schlecht visualisierbar, schlecht zu prognostizieren. Es ist wahnsinnig schwierig, solche abstrakten, langfristigen Veränderungen angemessen und gleichzeitig verständlich zu thematisieren. Bei einem Krieg - so makaber es klingen mag - ist das etwas anderes: Da hat man die Bilder, die unmittelbare Empathie. Das ist bei dem Klimathema fast unmöglich. Und bei Corona letztlich auch.

Was macht es mit Medienkonsumenten, wenn in der Berichterstattung immer wieder die nächste, "noch schlimmere" Krise auftaucht, ohne dass die vorherige gelöst ist?

Man muss gucken, dass man das ganze Grauen auch ein Stück weit ausblendet, weil man nicht alles erfassen kann. Und natürlich muss Medienberichterstattung höllisch aufpassen, nicht irgendwelche diffusen Ängste zu propagieren.

Haben Sie da ein Beispiel?

Bilder von verletzten, verstümmelten Menschen, auf denen Personen deutlich identifizierbar sind. Selbst wenn man nur am Kiosk vorbeiläuft, sieht man zum Teil diese Angst- und Schreckensbilder. Natürlich sollte man das Grauen des Krieges zeigen, auch mit drastischen Bildern, um die Dramatik zu dokumentieren. Aber das geht auch, wenn Gesichter nicht zu identifizieren sind. Meine Horrorvorstellung ist immer: Menschen, die Bilder von Angehörigen zum ersten Mal über die Medien sehen und vorher gar nicht wissen, was mit ihnen passiert ist.

Wird die Intensität der Berichterstattung zur Ukraine bleiben oder ist das jetzt ein anfängliches Hoch, das in dieser Intensität schnell wieder abebbt?

Wir müssen erst mal abwarten: Bringen Verhandlungen etwas? Wird es sogar noch brutaler? Das ist noch gar nicht einzuschätzen. Aber irgendwann wird es abebben. Sowohl Skandale als auch Themen haben immer eine Verfallszeit. Das kann man beispielsweise sehr schön an den Brennpunkten oder Sondersendungen nach den Nachrichten sehen: Erst ist es eine halbe Stunde, dann eine Viertelstunde, irgendwann fällt das Thema dann ganz hinten runter. Man wird sich auch an diese Krise ein Stück weit gewöhnen.

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