Süddeutsche Zeitung

Übertragungsrechte der Champions League:Wieder im Spiel

Überraschendes Ergebnis: Das ZDF hängt den Konkurrenten Sat 1 beim Rennen um die Rechte für die Champions League ab. Die Entscheidung der Uefa trifft den Privatsender an einer empfindlichen Stelle.

C. Keil

Es war schon immer die Lieblingsdisziplin des ZDF-Chefs Markus Schächter, 61, im Rücken der Scheinwerfer und Mikrofone, geschützt durch die Kulisse, Strippen zu ziehen und, wenn es sich anbietet, zu verknüpfen. Ungefähr so hat er das ZDF nun beharrlich an die Champions League herangeführt.

An diesem Dienstag gab die Uefa bekannt, dass das Zweite von der Saison 2012 bis 2015 den wichtigsten Klubwettbewerb Europas live übertragen kann. Geschätzte 48 Millionen Euro muss das ZDF jährlich dafür bezahlen, die Produktionskosten kommen noch dazu. Die Entscheidung ist keine Sensation, denn der öffentlich-rechtliche Sender hat ja die Finanzmittel, um sich aussichtsreich bei Sportrechteverhandlungen einzubringen. Trotzdem ist das Ergebnis eine Überraschung: Wollte die Uefa ihren wichtigsten Vereinswettbewerb nicht mehr bei Sat 1 unterbringen? Am Erlös kann es nicht gelegen haben, das Kaufpreisniveau liegt kaum über dem bisherigen.

Tatsächlich sollen die Fußball-Funktionäre aus Nyon in der Schweiz mit der Präsentation der Champions League bei Sat 1 nicht mehr zufrieden gewesen sein. Jedenfalls waren sie bereit, für den neuen Partner eine als hoch eingestufte Hürde beiseite zu räumen. Das ZDF muss wie die ARD von 2013 an grundsätzlich auf Sponsoring nach 20 Uhr verzichten. Werbung ist ohnehin nur bis 20 Uhr erlaubt.

Weil das Zweite also die Sponsoren der Champions League vor und nach jedem Spiel, vor und nach jeder Halbzeit nach 2012 nicht mehr auftreten lassen kann, musste eine Ausweichlösung her. Die besteht nun darin, dass das ZDF an den Übertragungstagen im Werberahmenprogramm zwischen 18 und 20 Uhr ein Champions-League-Magazin einbaut, in dem die Sponsoren gezeigt werden. Vermutlich beginnt die Vorberichterstattung nach der heute-Sendung gegen 19.20 Uhr. Denkbar ist auch ein zehn- bis fünfzehnminütiges Champions-League-Fenster vor 20 Uhr. Sky überträgt im Pay-TV.

Die Entscheidung der Uefa trifft Sat1 an einer empfindlichen Stelle. Mit den Spielen der Champions League erzielte der Kommerzkanal 2010 oft Marktanteile von mehr als 20 Prozent, das ist beinahe das Doppelte des Jahresmarktanteils 2010. Andreas Bartl, TV-Vorstand von Pro Sieben Sat1 und derzeit auch Sat-1-Geschäftsführer, baut das Programm des früher erfolgreichen Familiensenders gerade nach dem Neunziger-Jahre-Konzept des damaligen Geschäftsführers Fred Kogel um: Marken wie Kerner und demnächst Harald Schmidt, deutsche Movies und vor allem Sport sollen Sat 1 wieder besser platzieren.

Wahl mit Kalkül

Der Fußball spielt dabei eine bedeutende Rolle. Kogel ist inzwischen übrigens Aufsichtsratsvorsitzender von Constantin Medien. Zu dem Unternehmen zählt nicht nur die Constantin Film, sondern auch Team, die Agentur, die für die Uefa die Fernseh- und Marketingrechte der Champions League veräußert.

Ob sich Sat 1 für die Rechte an der Euro League (früher Uefa Cup) interessiert, die erst einmal nicht vergeben wurden und neu ausgeschrieben werden, ist offen. Bartl sagte an diesem Dienstag: "Wir bedauern sehr, dass sich die Uefa nicht für Sat1 entschieden hat. Wir hatten ein wirtschaftlich sehr gutes Angebot verbunden mit einem inhaltlich attraktiven und innovativen Konzept abgegeben. Wir sind nach wie vor überzeugt, dass die Ausstrahlung der Champions League im ZDF problematisch ist, und werden alle rechtlichen Möglichkeiten prüfen. Für Sat1 werden wir uns jetzt um andere Spitzenfußballrechte bemühen."

Die Uefa, beziehungsweise ihre Marketingagentur Team, hat mit der Wahl für das ZDF geschickt taktiert. Sie hat das deutsche öffentlich-rechtliche Fernsehen wieder in den Kreis derer zurückgeführt, die mit Chancen um die Champions-League-Ausstrahlung bieten können. Lange schien nur privates Fernsehen mit seiner unbegrenzten Möglichkeit, die hohen Lizenzkosten durch Werbung zu refinanzieren und damit auch den Interessen der Sponsoren entgegenzukommen, für die Uefa als Partner in Frage zu kommen.

Im Zweiten will man den Zuschlag als eine Art Mandat für eine journalistische Präsentation der Champions League werten. Senderintern heißt es, die Uefa habe sich inhaltlich überzeugen lassen. Dass Sat 1 den Vor- und Nachlauf der Spiele sehr intensiv mit Werbung bestritt, sei unangenehm aufgefallen - was man sich gar nicht vorstellen kann.

So weltfremd kann auch ein Fußball-Verband nicht sein, zu glauben, ein kommerzieller Sender würde sich die Investition ins Übertragungsrecht nicht mit seinen Mitteln zurückholen wollen. Eher passt die Wahl ins Kalkül, den Kreis möglicher Rechtekäufer wieder zu vergrößern. Das belebt die Konkurrenz. Außerdem ist das Geschick des ZDF-Intendanten, in so einem Verfahren die Stärken des öffentlich-rechtlichen Systems auszuspielen, groß.

Schon 2008 griff Markus Schächter zur Champions League, sie wurde ihm damals noch von Sat 1 entrissen. In der Zwischenzeit hat er Argumente gesammelt, glaubt er, um den Vorwurf der Gebührenverschwendung zu entkräften: Das ZDF trennte sich vom Boxen, die Euro League ist lange nicht mehr im Programm, die Tour de France wurde nicht verlängert.

Übertragung ohne Sponsorenhinweise

Auch deshalb sei die Champions League ein wichtiger Schwerpunkt in der künftigen Ausrichtung der Sportberichterstattung des ZDF, informierte eine Erklärung des Senders. Einsparungen wird es auch geben, weil an den Übertragungstagen - in der Gruppenphase immer mittwochs, in der K.-o.-Runde wahlweise dienstags und mittwochs - Shows und Fiktion wegfallen, was als zusätzliches Sparpotential eingebracht wird.

Demnächst werden noch die Rechte der Fußball-Bundesliga und des DFB-Pokals neu verhandelt. Zumindest bei der Bundesliga, so ein ZDF-Manager, werde sich das Zweite nicht zurückhalten. Zuletzt zahlte es circa 25 Millionen Euro für die exklusive Free-TV-Highlight-Berichterstattung vom Spiel der Woche am Samstagabend und für die Zusammenfassungen des restlichen Spieltages. Beides ist samstags im Sportstudio nach 23 Uhr zu sehen.

Eine juristische Auseinandersetzung wegen des Kaufs der Champions League, wie sie Sat-1-Geschäftsführer Andreas Bartl andeutet, fürchtet ZDF-Boss Schächter offensichtlich nicht. "Das ZDF hat sich mit dem Rechteinhaber darüber verständigt, ab 2013 keine Sponsorenhinweise nach 20 Uhr auszustrahlen", lässt er Dienstag mitteilen und weist zugleich auf die Ausnahmen der staatsvertraglichen Definition des Sponsoring-Verbotes hin.

Olympische Spiele, Spiele der Fußballnationalmannschaft oder auch die Endspiele der europäischen Vereinsmeisterschaften mit Beteiligung deutscher Klubs werden als gesellschaftlich relevante Ereignisse behandelt, die mit Sponsoring ummantelt werden können. Dass es ein deutscher Verein bis ins Champions-League-Finale schafft, kommt so alle neun, zehn Jahre vor, 2010 wieder der FC Bayern München. Insofern sollte die Rechteperiode des ZDF Sponsoring - frei bleiben.

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Quelle:
SZ vom 06.04.2011/fort
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