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Zeitungs-Übernahme:Wie Springer den Kampf um die "Financial Times" verloren hat

"Wir haben immer Geld für unsere Inhalte genommen": Nun geht die Financial Times nach Japan.

(Foto: AFP)
  • Die Financial Times wird an den japanischen Medienkonzern Nikkei verkauft, das größte unabhängige Wirtschaftsmedienunternehmen in Asien.
  • Kurze Zeit sah es so aus, als würde der Axel Springer Verlag das Wirtschaftsblatt übernehmen.
  • Wie es mit der FT unter Nikkei weitergeht, ist noch offen.

Als vor zwei Jahren die Washington Post an den Amazon-Grüner Jeff Bezos verkauft wurde, beschlich Mathias Döpfner offenbar das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Für den Preis, sagte der Springer-Chef damals mit Blick auf die 188 Millionen Euro, "hätte ich sie auch genommen". Kurz sah es am Donnerstag so aus, als würde Döpfner eine neue Chance nutzen, im angelsächsischen Zeitungsjournalismus ganz oben einzusteigen.

Die lachsfarbene Financial Times selbst berichtete am Donnerstag, die Deutschen befänden sich in Übernahmegesprächen mit dem Mutterkonzern Pearson. Nur wenige Stunden später gab dieser jedoch bekannt, dass ein ganz anderer Käufer gefunden wurde: Für 844 Millionen Pfund in bar (1,2 Milliarden Euro) geht die FT an den japanischen Medienkonzern Nikkei, sofern die Kartellbehörden keine Einwände haben.

Man teile dieselben journalistischen Werte

Nikkei Inc. ist das größte unabhängige Wirtschaftsmedienunternehmen in Asien. Der Konzern veröffentlicht Bücher, Magazine, Datenbanken und stellt den Börsenindex Nikkei zusammen. Das Flagschiff des in Tokio ansässigen Infokonzerns mit 3000 Mitarbeitern ist freilich die Tageszeitung mit den Firmennamen im Titel: Nikkei, oder in der Langfassung: Nihon Keizai Shimbun. Sie ist noch acht Jahre älter als die ebenfalls traditionsreiche Financial Times, 1876 wurde das japanische Blatt gegründet. Seit einigen Jahren setzt die Zeitung auf eine internationale Expansion und hat mittlerweile drei Dutzend Korrespondentenbüros in aller Welt.

Eine Ergänzung mit der FT passt da auch strategisch. "Ich bin extrem stolz, dass wir künftig mit der Financial Times zusammengehen", sagte Tsuneo Kita, Vorstandschef von Nikkei. "Unser Motto, qualitativ hochwertige, faire und unabhängige Nachrichten über Wirtschaft und andere Themen zu liefern, ist sehr nah am Selbstverständnis der FT." Man teile dieselben journalistischen Werte.

Das FT-Management kommentierte den Deal mit ähnlichen Worten.

Es muss für die FT-Leute in London ein reichlich verrückter Tag gewesen sein. Nachdem Verkaufsgerüchte um die FT schon länger kursierten, war es ein Tweet des Financial Times-Redakteurs Neil Hume, der am Donnerstag dazu führte, dass sich die Sache irgendwie verselbstständigte. Hume twitterte in Großbuchstaben "Exklusives", nämlich "Pearson kündigt in Kürze an, dass man sich entschieden hat die Financial Times an einen globalen, digitalen Verlag zu verkaufen."

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Pearson ist eigentlich ein Verlag für Bildungsmedien und will sich nach einem Auftragseinbruch wieder ganz auf diesen Bereich konzentrieren; es sei schwierig "zwei Pferde" zu reiten, so sagen sie selbst. Hume löschte seinen Tweet zwar bald wieder, aber die Nachricht war in der Welt. Ein Rätselraten über die Finanzkraft amerikanischer Digital-Startups begann auf Twitter. Vor allem genannt wurde die Newsseite Buzzfeed. Konnte das sein - ein Online-Portal, das auf Boulevard setzt und eine jugendliche Zielgruppe hat, kauft die ehrwürdige FT? Pearson sah sich gegen Mittag zu einem dürren Statement gezwungen, verkündet auf der Konzern-Webseite. Es stand allerdings auch da nicht mehr drin, als ohnehin schon alle zu wissen glaubten: Bald werde es Neuigkeiten geben. Döpfner wird es jedenfalls gefallen haben, dass sein Haus als "globaler, digitaler Verlag" gelabelt wurde, zumal die FT mittags Verhandlungen mit ihm bestätigte. Doch Springer dementierte Kaufabsichten sogleich. Und dann schrieb die FT selbst auf ihrer Website, das Angebot der Japaner habe jenes der Deutschen übertroffen. Offenbar wurde hart gefeilscht in den Stunden; wobei der zur FT Group gehörende 50-prozentige Anteil am Wirtschaftsmagazin Economist nicht Bestandteil des Deals ist. Die 1888 gegründete FT ist eine rare Spezies unter den Tageszeitungen: Sie hat auf die Herausforderungen des Internets früh reagiert - und mit Erfolg. Anders als zum Beispiel der Guardian, der seine sämtlichen Inhalte kostenlos ins Netz stellt, nimmt die FT für ihren Online-Auftritt Geld.

Das Blatt hat eine feste Paywall eingerichtet und die Leser zahlen: Von den aktuell 737 000 Abonnenten entfallen mehr als 500 000 auf die digitalen Ausgaben, das einfachste Digital-Abo kostet knapp 43 Euro. Aber es wird dennoch nachgefragt: Die Gesamtauflage der FT stieg in den vergangenen fünf Jahren um ein Drittel. "Wir haben immer Geld für unsere Inhalte genommen", erläuterte der Kaufmännische Leiter der FT, Ben Hughes, in einem SZ-Gespräch, "und wir haben immer einen angemessenen Betrag angesetzt, weil wir der Ansicht sind, dass wir höchste Qualität liefern. Die kostet eben Geld." Ein Geschäftsmodell, in dem teurer, guter Journalismus kostenlos ins Internet gestellt werde, erschließe sich ihm nicht.

Noch 2002 hat das Blatt 85 Prozent seiner Erlöse mit Anzeigen in der Printausgabe erzielt. Damals kostete eine Ausgabe 85 Pence, ein Drittel des heutigen Preises. Mittlerweile machen Print-Anzeigen nur noch rund ein Drittel der Erlöse aus. Dass der FT die Leser trotz der hohen Preise treu bleiben, liegt zum einen an ihrem exzellenten Ruf; in Brüssel etwa ist es das Medium, das so ziemlich alle Abgeordneten lesen. Zum anderen liegt es daran, dass sie als Finanzblatt einen großen und starken Nischenmarkt bedient. Von Montag bis Freitag wird sie überwiegend von Menschen gelesen, die in der Finanzbranche arbeiten.

Die Leserschaft der Wochenend-Ausgabe ist dagegen zu 75 Prozent eine andere. Am Samstag verwandelt sich die Financial Times in ein anderes Blatt, neben politischer Analyse und Finanznachrichten bietet sie eine Kultur- und eine Gartenbeilage sowie ein eher buntes Magazin. Dazu kommen allerlei Beilagen, darunter das legendär hedonistische Heft How to spend it (Wie man's ausgibt), das voll ist mit Anzeigen von Luxusartikelherstellern. Und was schließlich kann man sich als Zeitungsbesitzer mehr wünschen?