Süddeutsche Zeitung

Twitter:Empörung an. Empörung aus

Eine Analyse der typischen Aufregungs-Muster bei rasch und vehement hochschießenden öffentlichen Diskussionen - am Beispiel der #Linnemann-Debatte.

Eine unwillkürliche, gleichartige Reaktion auf einen bestimmten Reiz bezeichnet man als Reflex. Zu den bekannteren Reflexen zählt derjenige an der Patellasehne unterhalb des Kniegelenks. Ein Schlag auf diese Stelle führt zur unwillkürlichen Streckung des Beins. Zu den weniger bekannten Reiz-Reaktions-Mustern zählen jene, die man im Fokus der medialen Aufmerksamkeit beobachten kann. Zum Beispiel wenn ein mittelbekannter Politiker in der Sommerpause mit einer kontroversen Aussage an die Öffentlichkeit geht. Ergebnis dieser reflexhaften Reaktionen ist ein kurzes, aber hitziges Aufflackern der Aufregung, das manche "Shitstorm" nennen. Dieser Ablauf funktioniert deshalb immer wieder, weil die Algorithmen der sozialen Netzwerke genau dafür programmiert wurden, die menschlichen Aufregungs-Reflexe zu bedienen.

Aber anders als die Algorithmen sollten Menschen in der Lage sein, ihre Reaktionsmuster zu reflektieren. Sie können einordnen und abwägen: eine mediale Untersuchung in vier Reflexen.

Der Vorab-Reflex

Zwei Minuten Lesedauer gibt die Rheinische Post für den Text an, den sie am Dienstag um 6.57 Uhr auf ihrer Website veröffentlicht. Neben dem Chefredakteur Michael Bröker hat auch die Hauptstadtkorrespondentin Kristina Dunz an diesem 120-Sekunden-Riemen gearbeitet, in dem sich zu Beginn das zentrale Zitat findet: ",Um es auf den Punkt zu bringen: Ein Kind, das kaum Deutsch spricht und versteht, hat auf einer Grundschule noch nichts zu suchen', sagte der CDU-Politiker unserer Redaktion."

Dass Carsten Linnemann dies in einem längeren Interview getan hat, erfährt man am Ende der zwei Minuten, es folgt die Aufforderung, sich zu registrieren, um das ganze Gespräch zu lesen. Das ist aber natürlich viel komplizierter als das bloße Weiterschicken des Zitats. Das hat die Rheinische Post schon am Abend vorher gemacht. Die Deutsche-Presseagentur hat die so genannte Vorab-Meldung aufgenommen und mit einem Begriff überschrieben, der im Interview selber gar nicht fällt: "Grundschulverbot".

Der Trending-Reflex

Für den Begriff und die Zuspitzung entschuldigt sich die dpa später. Sie hat aber aus der Meldung eine so genannte Textkarte gebaut, auf der man den Unionspolitiker und das obige Zitat sehen kann. Solche Bilder sollen die memetische Verbreitung von Informationen in sozialen Netzwerken nutzen. Das Bild löst das Zitat aus seinem Kontext und ist leicht teilbar und kommentierbar. Und weil Twitter - wie alle sozialen Netzwerke - davon lebt, dass Nutzerinnen möglichst viel Zeit auf der Plattform verbringen, wird das Schlagwort #Linnemann wenig später zu einem so genannten "Trending Topic". Anders formuliert: Viele Menschen diskutieren gerade jetzt genau über dieses Thema. So wird ein Reflex stimuliert, den der Kommunikationswissenschaftler Bernhard Poerksen mal "kommentierender Sofortismus" genannt hat. Man weiß zwar noch nicht genau worum es geht, hat aber schon eine Meinung.

Der "sie so - er so"-Reflex

Es kommentieren aber nicht nur Twitter-Nutzer ungefragt. Es werden auch Politikerinnen und Verbandsvertreter für weitere Kommentare angefragt. Schließlich suchen alle Medien, die ab Dienstag Morgen die Agenturmeldung und den Hashtag #Linnemann als eilige Aufgabe erhalten, einen so genannten Weiterdreh. Den liefern der Lehrerverbandspräsident ("Linnemann hat Recht") und eine CDU-Bildungspolitikerin ("Unfug") - und erfüllen dabei für die Debatte reflexhaft eine Funktion, die ein Blasebalg für sanft glühende Grillkohle erfüllt: sie pumpen Sauerstoff rein und sorgen so für weiteres Aufflammen.

Der Meta-Reflex

Wenn das Feuer richtig angeheizt ist, und alle Argumente für und wider in den Raum gebrüllt wurden, beginnt der Meta-Reflex zu greifen, der sich vom Inhalt der Debatte löst und pseudo-distanziert auf einer abstrakten Ebene den Zustand der Demokratie in den Blick nimmt. Fortan geht es nicht mehr um das Interview oder um das zugespitzte Zitat, fortan geht es um Zensur, um Meinungsfreiheit und das große Ganze. Spätestens jetzt wird nicht mehr zwischen Menschen und Meinungen getrennt und in der Sache gesprochen. Jetzt wird pauschaliert, beleidigt und gekämpft. Einig ist man sich einzig in der Erkenntnis, dass eine sinnvolle Debatte nicht mehr möglich ist. Alles ganz schlimm.

Aber woran liegt das nur? Vielleicht würde es nicht schaden, die eigenen Reaktionsmuster einmal zu reflektieren - und beim nächsten Mal dann weniger reflexhaft zu reagieren.

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Quelle:
SZ vom 10.08.2019
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