Serie "Twin" im ErstenVertrauen wäre gut

Lesezeit: 2 Min.

Weder Ingrid (Rebekka Nystabakk) noch ihr Schwager Erik (Kristofer Hivju) klären darüber auf, wer der Tote wirklich ist.
Weder Ingrid (Rebekka Nystabakk) noch ihr Schwager Erik (Kristofer Hivju) klären darüber auf, wer der Tote wirklich ist. ARD Degeto/Nordisk Film Production AS

Ein Zwilling stirbt, die Polizei hält den falschen für den Überlebenden: die Serie "Twin" ist ein spannendes psychologisches Drama vor der schroff-schönen Küste Norwegens.

Von Stefan Fischer

SZ bei Google bevorzugen

Äußerlich sind Erik und Adam nicht voneinander zu unterscheiden. Innerlich jedoch sind die Zwillinge grundverschieden. Aber wer kann schon einen Menschen durchschauen, bis weit in seine tiefsten Überzeugungen, seine Urängste, seine innigsten Sehnsüchte hinein? Die Partnerin vielleicht, die eigenen Kinder, der beste Freund?

Sie alle sehen eine Menge Wahrhaftiges, auch gründlich Verborgenes in Erik und Adam. Manchmal trauen sie sich sogar weiter vor in die Psyche ihres Partners, Vaters, Freundes als dieser selbst. Manchmal sehen sie aber auch nur das, was sie sehen wollen.

Die norwegische Serie Twin, geschrieben von Anne Elvedal und Kristoffer Metcalfe, ist ein verschachteltes Spiel mit menschlichen Fassaden und dem, was sich hinter ihnen verbirgt. Die Zuschauer werden darin bewusst einbezogen: Vielfach blicken sie in stumme Gesichter, in flackernde Augenpaare und damit meistens in ein Rätsel. Denn was sich in den Gehirnen dahinter abspielt, ist nicht leicht zu entschlüsseln. Man sieht Trauer, Wut, Enttäuschung und Angst - aber wovor und worüber, ist schwer auszumachen. Keineswegs ist der naheliegende auch immer der tatsächliche Grund. Oft spiegeln sich in den Blicken der Figuren auch nur Ratlosigkeit, Leere, Verzweiflung.

Das Reizvolle ist: Die Charaktere bleiben bis zum Schluss überwiegend irrational in ihrem Denken

In der ersten der acht 45-minütigen Folgen stirbt Adam. Er und sein Bruder Erik, die miteinander gebrochen haben und einander jahrelang aus dem Weg gegangen waren, geraten bei einem Aufeinandertreffen in einen handfesten Streit. Adams Frau Ingrid versucht die Männer zu trennen, trifft Adam dabei hart mit einem Holz, verletzt ihn schwer. Erik rast mit dem Boot, auf dem sie sich befinden, besinnungslos hinaus auf die stürmische See, will ihn ins Krankenhaus bringen, obwohl er Adam tot glaubt. Der bewusstlose Bruder geht jedoch über Bord. Stunden zuvor hatte Erik selbst einen Unfall, sein Wohnmobil ist eine Böschung hinab ins Meer gerutscht. Er konnte sich aus dem Wrack befreien, doch als man am nächsten Tag eine Leiche aus dem Wasser fischt, hält die Polizei den Toten für Erik.

Adams Tod ist ein Unfall. Aber da es keine Zeugen gibt, gehen Ingrid und Erik davon aus, dass man ihnen nicht glauben wird. Also unternehmen sie nichts, um die Verwechslung aufzuklären. Und sie legen es nicht bewusst darauf an, doch bald lässt sich nicht mehr vermeiden, dass Erik sich als Adam ausgeben muss für die überschaubare Gesellschaft einer Gemeinde auf der Inselgruppe der Lofoten. Kristofer Hivju, der international bekannt geworden ist durch seine Auftritte als Tormund Riesentod in Game of Thrones, schlüpft in diese Doppelrolle, Rebekka Nystabakk spielt Ingrid. Der Norden Norwegens gibt die schroff-schöne Kulisse für dieses Drama ab.

Kristofer Hivju ist international bekannt geworden durch seine Auftritte in "Game of Thrones".
Kristofer Hivju ist international bekannt geworden durch seine Auftritte in "Game of Thrones". ARD Degeto/Nordisk Film Production AS

Vor allen Ingrid versucht, die anderen Personen zu steuern: ihren Schwager, ihren Vater, ihre beiden Kinder, die Polizeibeamten, dazu Bekannte sowie die Angestellten ihres touristischen Familienunternehmens. Wobei sie getrieben ist, nicht gefühlskalt oder zynisch: Überfordert, wie sie ist, reagiert sie stets bloß auf immer neue Bedrohungen. So verfährt auch die Serie selbst: Sie türmt eine Menge Halbglaubwürdiges aufeinander, um ihre Maschinerie in Gang zu halten.

Akzeptiert man diese Häufung von Unwahrscheinlichem jedoch, beginnt das Spannungsfeld von Twin zu knistern. In dessen Zentrum steht nicht so sehr die kriminologische Untersuchung. Sondern das wankende Vertrauen aller Figuren in ihre Mitmenschen - sowie ins eigene Urteilsvermögen. Das Reizvolle ist: Die Charaktere werden nicht banal psychologisiert, sondern bleiben bis zum Schluss überwiegend irrational in ihrem Denken, Handeln und Urteilen.

Twin, Das Erste, Dienstag, 22.50 Uhr, und in der ARD-Mediathek.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Fernsehen und Streaming
:Das sind die Serien des Monats

"Bridgerton" ist bonbonfarbene Gesellschaftskritik, "The Undoing" ist ein fantastisches Krimi-Thriller-Drama und "Bir Başkadır" sorgt in der Türkei für Debatten. Die Empfehlungen im Dezember.

Von SZ-Autoren

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: