Zeitschrift "Twen":Je ärger, desto besser

Zeitschrift "Twen": Ja, die Zeitschrift konnte auch politisch sein, etwa wenn es um das Sexualstrafrecht und um das Thema Abtreibung ging.

Ja, die Zeitschrift konnte auch politisch sein, etwa wenn es um das Sexualstrafrecht und um das Thema Abtreibung ging.

(Foto: Friedrich/INTERFOTO)
  • Vor 60 Jahren wurde die Zeitschrift Twen gegründet.
  • Ihre Grafiker, Redakteure und Autoren folgten entschlossen dem Evangelium des Konsums: Sie feierten den Hedonismus und wollten hemmungslos modern sein.

Von Willi Winkler

Man kann der CDU ja viel vorwerfen - Helmut Kohl, den Kölner Klüngel, die ganze Flick-Affäre. Aber ihr ist auch die revolutionärste Zeitschrift der Nachkriegszeit zu verdanken, die am Ende sogar mithalf, 1969 die Herrschaft genau dieser Partei zu beenden. Es waren zwei CDU-Mitglieder, der Grafiker Willy Fleckhaus und der Journalist Adolf Theobald, die vor 60 Jahren Twen entwarfen und damit einläuteten, was heute von Prof. Dr. Joseph Ratzinger als Werk der "Revolution von 1968" verteufelt wird.

Der Rheinländer Fleckhaus war gläubiger Katholik, aber er war es auch, der bei dem aus den USA stammenden Will McBride eine Fotostrecke mit dessen schwangerer Frau Barbara in Auftrag gab und damit beide weltberühmt machte. Das Foto, später von Demi Moore und Claudia Schiffer kopiert, erregte 1960 den für die Adenauer-Republik erwartbaren Anstoß. Ein Babybauch mit geöffneter Jeans, alles von der Liebesheirat über Schwangerschaft bis zur Geburt, das war zu viel Wirklichkeit. Die Empörung war allgemein, die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften wurde eingeschaltet, der Aufruhr sorgte für Leserbriefe, die Teil des redaktionellen Konzepts wurden. Je ärger, desto besser.

Twen, das klang so amerikanisch wie viel später das Handy, dabei handelte es sich auch hier um ein echt deutsches Kunstwort. Es stammte aus Köln und aus der Textilbranche: Damit wollte das Modehaus Wormland seine Hosen an die noch jungen Männer bringen. Auch mit Twen sollten die Zwanzigjährigen erreicht werden, all jene, denen die Bravo zu läppisch und der Spiegel zu erwachsen war. Das Fachorgan Werben & Verkaufen wusste natürlich, dass auch die Bistumszeitungen von "konsumwilligen Familien-Vätern, konsumseligen Teens und Twens" gelesen wurden, doch nur Twen verzichtete auf jedes überirdische Glücksversprechen, war vielmehr im Gegenteil so irdisch wie möglich.

Grafiker, Redakteure und Autoren folgten entschlossen dem Evangelium des Konsums, feierten den Hedonismus und wollten hemmungslos modern sein. Das war zunächst vor allem grafisch gemeint: weißer Schriftzug auf schwarzem Fond und im Heftinneren alles groß: große Überschriften, große Fotos, viel Weißraum und in der Aufmachung wenig Unterschied zu den Anzeigen.

Es wurde die Zeitschrift von Kriegsheimkehrern für die wenig wehrwillige Nachkriegsgeneration. "Wir haben kein pädagogisches Programm, weil die Welt sich andauernd ändert", erklärte Fleckhaus den fehlenden Standpunkt seiner Zeitschrift, versprach aber, dass man "Tabus zerstören und Idole zurechtrücken" wolle.

Es gab auch neue Idole. Vladimir Nabokov und Norman Mailer kamen ins Heft, der junge Dichter Enzensberger belehrte die Konsumreligiösen auf einer Twen-Schallplatte über die Kunstqualitäten seines noch recht umstrittenen Vorbilds Bert Brecht, und Günter Grass gardinenpredigte schon mal gegen die "Radikalen". Die Berechtigung der Paragrafen 175 und 218 StGB wurde bezweifelt, dafür Jazz und vorehelicher Sex gefeiert, die Pille diskutiert, die Wehrpflicht verweigert. Und dann ein Sakrileg, bei dem den Oberen im Rheinland der Atem stockte, der kategorische Befund: "Der Kölner Karneval ist doof." Twen war von Anfang an, und nicht nur wenn Belmondo porträtiert wurde, die deutsche Nouvelle Vague, dabei war Dutschke noch im Osten und Ulrike Meinhof eine aufstiegsorientierte Hausfrau.

Barbara McBride, die später den Kritiker und Twen-Autor Wolfram Siebeck heiratete, war eine dieser Zwanzigjährigen, die in die Freiheit einer eigenen Welt strebten. Natürlich war es für einige unverantwortlich leichtsinnig, in Twen öffentlich zu erklären, dass man auch ohne viel Geld ein Kind zur Welt bringen wolle. "Eine schreckliche Zeit war das, alles so verspießert und verkrampft", sagt sie heute. "Ich bin da nicht dabei gewesen."

"Der Kölner Karneval ist doof", schrieb "Twen". Was für eine Zeile!

Twen war nämlich exterritorial, nicht die graue, noch ganz nazihafte Bundesrepublik, sondern die neue Welt und für das Fotomodell Barbara McBride eine Fortsetzung der Künstlerkolonie Worpswede, in der sie aufgewachsen war. Dennoch operierte das Magazin keineswegs im Untergrund, die Auflage erreichte bis zu 250 000 Exemplare monatlich. (Die National-Zeitung und Soldaten-Zeitung verkaufte in den Sechzigern immerhin noch 110 000 Stück pro Woche.) Die Alten ließen sich von Freddy Quinns Schlager gegen die "Gammler" bestätigen, die Jungen freuten sich, dass ihnen mit der unvermeidlichen Uschi Obermaier ("Miss Kommune und ihr Leben zu acht") eine eigene Lebensmöglichkeit eröffnet wurde. Eine Titelzeile wie "Ich sehe nette Mädchen gern" würde heute als sexistisch gelten und dem Gomringer-Verdikt verfallen. 1959, als die Leinwand sauber sein und der Ehemann das letzte Wort in der Familie haben sollte, kündigte sich damit ein Frühlingserwachen an. Die neue Zeit hatte begonnen, als der Präsident des Bayerischen Jugendrings dem Magazin völlig zu Recht "Superindividualismus ohne Bindung an Gesellschaft und Moral" vorwarf.

In der Spätphase hat auch der "Jungfilmer" Wim Wenders für die Zeitschrift der Superindividuellen geschrieben (seine damalige Frau Edda Köchl arbeitete als Grafikerin bei Twen). Seine Begegnung mit dem Schauspieler Eddie Constantine scheiterte als Interview. Wenders hatte das Tonband vergessen, er hatte kein einziges Foto gemacht, aber Wenders erzählte vom ersten Wort an von sich, und so entstand doch noch ein brillantes Porträt. Nebenbei, und das ist filmhistorisch längst nicht aufgearbeitet, sah er in Paris auf Kosten von Twen zwei Filme von John Ford, die für sein eigenes Werk so wichtig wurden.

Twen ist Geschichte, das schwarze Jahrzehnt ging irgendwann doch noch vorbei. Zuletzt brachte das Magazin Fritz Teufels "Briefe aus dem Gefängnis". In der Haft in Stadelheim machte der sich lustig über all die Gerüchte, die über ihn im Umlauf waren. So werfe er "Molotows in Justizgebäude oder Rauchbomben ins Londoner Parlament, entführe Flugzeuge aus Athen oder deutsche Techniker in Bolivien, trage alles mit der nun schon notorischen Ordnungsliebe eines deutschen Anarchisten in meinen Knastkalender ein, archiviere fleißig, onaniere regelmäßig wie ein Lutheraner, sende Rauchringe und Briefe nach draußen ...".

Der Beitrag erschien im Aprilheft 1971 und konkurrierte mit dem Titelseitenversprechen "Jetzt noch mehr Orgasmen". Die Barriere zwischen Werbung und redaktionellem Teil war endgültig gefallen, als die unbemannte weibliche Leserin zu marktgerechtem Verhalten aufgefordert wurde: "Wenn Sie den Markt erforschen wollen, müssen Sie sich in der begehrenswertesten Verpackung anbieten." Wolfgang Fritz Haugs marxistische "Kritik der Warenästhetik" (1971), in der diese üble Anmache vorwurfsvoll zitiert wird, ist in einem Band der Edition Suhrkamp erschienen. Und wer hat die Verpackung dieser Reihe entworfen? Der Art Director von Twen, Willy Fleckhaus. Zumindest die Kulturrevolution war nicht mehr aufzuhalten.

Es half aber nichts, nach gut zehn Jahren Aufklärung, Lebensfreude und gestalterischer Innovation war es vorbei. Es waren genug Tabus zerstört und ausreichend Idole zurechtgerückt. Im revolutionären Übereifer und in der Konkurrenz zum hemmungslos mit Sex lockenden Konkret war Twen zu seiner eigenen Parodie verkommen und gab vernünftiger Weise 1971 den wilden Geist auf. "Nur nicht alt sterben", hatte der ewig jugendbewegte Fleckhaus sich im Notizbuch ermahnt. Er starb 1983, erst 57 Jahre alt. Barbara Siebeck aber, die Frau, die mit ihrem Babybauch Adenauer-Deutschland erschütterte, ist quicklebendig. Sie wird ewig weiterleben als Mona Lisa der Nachkriegsjugend.

© SZ vom 27.04.2019/luch
Zur SZ-Startseite
Medien Illustration Brutale Serien im Streaming

Gewalt in Serien
:Blood-Stream

Durchtrennte Kehlen, gefolterte Körper: Zwischen "Game of Thrones" und "Killing Eve" stellt sich empfindsamen Zuschauern durchaus die Frage: Warum tut man sich so eine Serie nur an?

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB