TV-Vorschau: Amigo - Bei Ankunft Tod Deutsche Skizzen

Regisseur Lars Becker lässt Tobias Moretti als Ex-Terroristen auf Verrätersuche gehen - eine Konstellationen, bei der eigentlich ein wunderbares Produkt herauskommen müsste.

Von Hanno Raichle

Es gibt Konstellationen, bei denen eigentlich im Voraus sicher ist, dass letztlich ein wunderbares Produkt herauskommen wird. Tom Waits und Robert Wilson etwa. Oder Martin Scorsese und HBO. Dominik Graf und Ralf Basedow. Oder eben: Wenn Lars Becker (Nachtschicht) unter anderen mit Tobias Moretti, Jürgen Prochnow, Uwe Ochsenknecht und Florian David Fitz zusammenarbeitet.

Steiger (Moretti) kehrt nach Hamburg zurück. Lars Becker, der Regiesseur von Nachtschicht, hat seinen Helden angelegt als vage Figur - mit dem schönen Vornamen Amigo.

(Foto: ZDF/Stephan Persch)

Beim Fernsehfilm Amigo - Bei Ankunft Tod (Regie und Buch: Becker, Kamera: Andreas Zickgraf) klingt nicht nur das Ensemble besonders, sondern auch die Geschichte: Das BKA ist nach Jahren auf den linken Ex-Terroristen Amigo Steiger (Moretti) in seinem Versteck in Italien gestoßen, doch der Zugriff geht schief. Ein Polizist wird angeschossen. Steiger entkommt. Und macht sich auf nach Hamburg, um den zu finden, der ihn verraten hat. Dort hat er einst auf verbranntem Boden einen kleinkriminellen Sprayer-Sohn und seine Frau zurückgelassen, die nun mit einem einstigen Kampfgenossen zusammenlebt.

Man mag ja nicht von einem Trend reden, aber eindeutig beschäftigen sich in der letzten Zeit viele Filmemacher mit dem Thema des linken Terrorismus, nun, da das Dritte Reich offenbar einigermaßen abgedeckt wurde. Ob das an der oft herbeizitierten Wiederkehr einer "modernen" radikalen Linken liegen mag, oder doch daran, dass sich eine gewisse Verklärung solcher "rebellischer" Figuren nicht leugnen lässt?

Becker scheint viel daran gelegen zu haben, seinen Film möglichst aktuell und zeitpolitisch zu verorten. Nebenbei geht es auch noch um den Islam und Zwangsehen, Graffiti, Burn-Out-Syndrom. Ein Rundumschlag, vielleicht auch deswegen, weil Amigo Steiger ein fiktiver Charakter ist, dem dadurch eine gewisse realistische Biographie gegeben werden soll. Die Maßstäbe sind von Anfang an hoch gewählt: Zwei illustre Schauplätze, einmal Neapel, einmal Hamburg, die parallel erzählt werden. Dazu ein großes Figurenensemble, untereinander verwoben durch Rache, Verrat, Liebe, die großen Themen.

Amigo kam nur bis Neapel

Doch die gutgemeinte Menge an Strängen und emotionalen Tiefen hätte wohl besser zu einer Miniserie gepasst oder zu einem Großwerk á la Carlos - der Schakal. Wie im Skizzenbuch des sprayenden Amigo-Sprösslings bleibt dadurch vieles nur Umriss, komplett ausgemalt wird keine der Figuren. Vielleicht ist am Ende einfach zu wenig Erzählzeit übriggeblieben.

Der Film schließt so nach 90 Minuten fast gewaltsam, durch Zufälle und nachgereichte Wendungen und Erklärungen. Während der Cast um Moretti ihren Figuren zwar jeweils eine gewisse Identität mitgeben kann, bleibt die Hauptfigur Amigo (schöner Name) insgesamt etwas ratlos zurück. Das ist Moretti auch anzumerken, der keinen klaren Zugang zu seiner Rolle findet, es aber trotzdem versucht. Becker öffnet also erneut das Kapitel der Aufarbeitung des Deutschen Herbstes in Dramaform, aber sein Perfektionsdrang macht den Film nicht besser.

Amigo - Bei Ankunft Tod, Arte, 20.15 Uhr.