TV und Religion Gottes bunter Vogel

Abschied von Horizonte: HR-Mann Meinhardt Schmidt-Degenhard.

(Foto: HR)

Kaum jemand konnte Fragen der Religion im Fernsehen besser vermitteln als Meinhard Schmidt-Degenhard. Die Kirche hielt er sich 30 Jahre lang vom Leib. Zum Abschied findet er versöhnliche Töne.

Von Matthias Drobinski

Er hat den Text wieder hervorgekramt, der damals so viel Ärger machte. Hat ihn eingescannt und gemailt. Betreff: Gutenachtlektüre. 1987 hat er ihn geschrieben, Meinhard Schmidt-Degenhard war 31 und seit einem Jahr Redakteur bei der Religionssendung Horizonte des Hessischen Rundfunks, Abteilung Fernsehen. Der Beitrag, erschienen im "Informationsdienst Hörfunk und Fernsehen" des Evangelischen Pressedienstes, berichtet vom Besuch zweier sehr spezieller Rundfunkräte. "Zwei Herren in Grau, deren Amtstracht normalerweise schwarz ist und die allzu gern einmal rot sehen. Bissig, ein wenig verkrampft lächelnd bei Kaffee und Kuchen tun sie, was ihre Pflicht ist. Ich schaue ihnen bei ihrer Arbeit zu, den Lobbyisten beim Lobbyieren."

Krawumm, das saß. Kirchenvertreter als Lobbyisten! Wo sie doch für sich in Anspruch nehmen, fürs große Ganze, die Menschenwürde, das Gute schlechthin zu sprechen. Vor dreißig Jahren grenzte es an Blasphemie, das Lobbyismus zu nennen. Der damalige Fuldaer Erzbischof Johannes Dyba nannte daraufhin Schmidt-Degenhards Magazin eine "unsägliche Show", in der "ein aus Bremen importierter Moderator vornehmlich Hexen, Huren und Schwule als Horizonte der Kirche" präsentiere.

Das schreckliche Kind von damals hört jetzt auf. Meinhard Schmidt-Degenhard, den in den Augen konservativer Christen der Leibhaftige in den Rotfunk zu Frankfurt gesetzt zu haben schien, nimmt eines dieser schönen Angebote des öffentlich-rechtlichen Rundfunks an und geht mit 60 in die Altersteilzeit; er moderiert und berät weiterhin, doch das Tagesgeschäft im Sender ist vorbei. 30 Jahre sind genug, findet er. Über den frechen Text von damals freut er sich noch heute. Schmidt-Degenhard hat sich das Jungenhafte, manchmal auch Pubertäre bewahrt. Unter den Kirchenjournalisten gilt er als bunter Vogel, den Kollegen wie Zuschauer mal für genial und mal für genial daneben halten. 1988 ist er aus der Kirche ausgetreten, wie um den Lobbyisten zu zeigen: Ihr kriegt mich nicht. Aber hat sich seither wirklich etwas geändert im Verhältnis zwischen Kirche und öffentlich-rechtlichem Fernsehen?

"Im Grunde ist es immer noch so", sagt Schmidt-Degenhard. Tatsächlich? Er macht eine Pause und antwortet: "Nein." Ja und nein, es stimmt wohl beides. Weil sich die religiöse Landschaft geändert hat und damit alles, was im deutschen Fernsehen über Gott, den Glauben und die Gläubigen gesendet wird.

Vor 30 Jahren standen die Institutionen stark und fest. Fast alle Westdeutschen gehörten der evangelischen oder katholischen Kirche an, fast alle schauten ARD oder ZDF. Das Privatfernsehen steckte in den Kinderschuhen, die Fernsehgemeinde versammelte sich am Samstag, die Christengemeinde am Sonntag. Ja, die Kirchen sind wichtig geblieben, der öffentlich-rechtliche Rundfunk auch. Noch nie waren so viele Kirchenvertreter Vorsitzende in Rundfunkräten. Und trotzdem sei nichts mehr wie damals, als ein höchst streitbarer Fuldaer Erzbischof Johannes Dyba auf einen ebenso selbstbewussten Hessischen Rundfunk traf, sagt Schmidt-Degenhard: "Die medienpolitische Koalition zwischen den öffentlich-rechtlichen Sendern und den Kirchen ist auch eine Koalition der Verunsicherten." Beide Institutionen hätten in der Gesellschaft dramatisch an Vertrauen verloren und müssten darum kämpfen, nicht noch mehr Vertrauen zu verlieren.

Das schweißt zusammen: der Eindruck, eigentlich ein gutes Angebot für die Menschen zu haben und doch zu zweifeln, ob das Angebot auch ankommt.

Die Sendung Horizonte wird am frühen Samstagabend ausgestrahlt, es gibt sie seit 1975, damit ist sie das älteste heute noch existierende Religionsformat im deutschen Fernsehen. Ein Religionsmagazin, das hieß damals vor allem: über die Institutionen zu berichten und sich auch mal an ihnen abzuarbeiten. Vielleicht noch ein bisschen Sekten, Esoterik, New Age, das war's. "Spiritualität" musste man nicht groß erklären, heute gibt es bei dem Wort fragende Gesichter auf der anderen Seite des Bildschirms. Aber die Sinnfragen seien geblieben, sagt Schmidt-Degenhard, die Fragen, was dieses Leben soll und wo es vielleicht hinführt. Die zweitletzte Sendung etwa, die er verantwortet hat, handelte von zwei Bankräubern, denen das Leben entglitten war, die ein kleines Stück vom Glück wollten und kläglich scheiterten, die nach Verantwortung und Schuld fragten, ohne dass die Sendung moralisiert hätte. Die Männer erzählten einfach ihr Leben.

"Über diese Bemerkung", sagt er zum Abschied, "können Sie jetzt lange nachdenken."

Wichtiger geworden sind Fragen der Religionspolitik: Wie soll das Verhältnis von Religionen, Staat und Gesellschaft aussehen? "Da war der 11. September 2001 ein Wendepunkt", sagt Schmidt-Degenhard. Ilias Mec, ein Journalist mit muslimischem Hintergrund, ist mittlerweile sein Stellvertreter. Schmidt-Degenhard hat viele Sendungen über den Islam angestoßen. Gerade erst zum Ramadan eine ganze Reihe, am Ende mit einer Diskussion zwischen der islamischen Theologin Lamya Kaddor, dem evangelischen Kirchenpräsidenten Volker Jung und dem AfD-Politiker Albrecht Glaser.

Am Samstag dann seine letzte Sendung, zu einem Thema, das ihn mehr und mehr beschäftigt: "Der optimierte Mensch". Muss der Mensch alles tun, was die Wissenschaft ihm ermöglicht? Temperamentvoll führt Schmidt-Degenhard durch die Sendung. Moosgrünes Sakko, rotes Einstecktuch, blau-weiß kariertes Hemd. Am Ende wendet er sich zum Abschied persönlich an die Zuschauer, mit einer Bemerkung, die ihm gerade "in diesen bewegten Zeiten" wichtig ist: "Man kann die Welt nicht verstehen ohne die Religionen. Über diese Bemerkung können Sie jetzt ganz, ganz lange nachdenken."

Es sei in erster Linie "Aufklärungsarbeit", wenn Medien über Religion berichten, sagt Schmidt-Degenhard, "eines der wichtigsten journalistischen Themen, mit steigender Relevanz". Das schreckliche Kind von einst tritt mittlerweile für das Verhältnis von Staat und Religion ein, wie es in Deutschland geregelt ist. "Vor ein paar Jahren hatte ich gewisse Sympathien für den französischen Laizismus", sagt er, doch das deutsche System biete "die Chance, dass Staat und Gesellschaft die Religionen zähmen - und auch die Möglichkeit der Selbstzähmung der Religionen". Der Laizismus sei dagegen oft hilf- und sprachlos.

Vielleicht wäre es ja doch schön, weiterzumachen, sagt er irgendwann im Gespräch. So viele Themen, gerade jetzt, wo es um Terror geht, um Angst und Tod, um Menschlichkeit und eine Gesellschaft, die um ihre Werte ringt. Aber sein Nachfolger Philipp Engel steht bereit. Und nach 30 Jahren müsse man auch mal loslassen können.