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Autorenfilm:"Hey, it's Voodoo!"

Totenfieber - Nachricht aus Antwerpen

Auch die Liebe ist eine Art schwarze Magie: Ellen Bouché (Nina Kunzendorf) und Kommissar Wouters (Steve Driesen) kommen sich nahe.

(Foto: ARD Degeto/Sofie Silbermann)
  • Regisseur Titus Selge fährt in "Totenfieber - Nachricht aus Antwerpen" alles auf: Tieropfer, Menschenopfer, Fetische, Zombies - und schafft damit etwas anderes als den Krimieinheitsbrei.
  • Den Neffen des Schauspielers Edgar Selge ärgern zwar die Regularien des Fernsehens. Den Anspruch eines Autorenfilmers hat Selge in all den Jahren, in denen er als Regisseur arbeitet, jedoch nie verloren.

In der wohl schrecklichschönsten Gruselszene des Films verblutet eine Frau qualvoll in ihrem Bett, das Schlafzimmer von brennenden Kerzen erleuchtet, unter der Bettdecke: ein Schlangennest. Vor dem Haus lässt ein ominöser Schwarzer im Ledermantel eine Feder in den Nachthimmel steigen, und siehe: Sogleich schneit es Federn auch im Haus. Fauler Zauber? Aber ja!

Später, es ist spektakeltechnisch der Höhepunkt des Films, vollzieht sich im Innenhof eines Forts ein nächtliches VoodooRitual. Feuerzauber, Getrommel, weißgeschminkte Menschen beim ekstatischen Tanz. Die Leiche einer jungen Frau wird aufgebahrt, ein weißer Hahn geköpft. Ein Voodoo-Priester - es ist der ominöse Schwarze, den man schon kennt - rammt der jungen Frau einen Dolch in den Leib. Sie scheint wirklich tot zu sein, denn sie zeigt keinerlei Reaktion. Allerdings fließt auch kein Blut. Dann wird ihr ein Wundermittel verabreicht, das sogenannte Mojo, um das sich hier letztlich alles dreht, und hui: Die Tote, sie heißt Sarah, erwacht zum Leben. Zuvor war sie aus dem Kühlfach in der Pathologie verschwunden, wo ihre Mutter Ellen (Nina Kunzendorf) die Leiche identifiziert hatte. Sarah, sagte man ihr, sei durch einen Drogencocktail ums Leben gekommen. Wenig später kam eine SMS: ein Hilferuf von Sarah.

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Starker Tobak, was der Film Totenfieber - Nachricht aus Antwerpen, ein in Belgien gedrehter Voodoo-Thriller aus deutscher Hand, da alles auffährt (Produktion: Clemens Schaeffer, Gabriele Jung). Kann doch gar nicht wahr sein, oder? Der Regisseur Titus Selge lacht bei dieser Frage herzhaft auf. Es ist ein kehliges, kräftiges Kurzlachen. Der 53-Jährige mit dem Hang zum Redefluss trägt einen gepflegten Bart und bei unserem Gespräch in einem Berliner Café das Herz auf der Zunge. Mit der Glaubwürdigkeitsfrage sieht er sich bei seinem Mystery-Film, der an diesem Sonntag, 21.45 Uhr, im Ersten läuft, öfters konfrontiert. Und er dachte beim Lesen ja auch: "Was für ein crazy Drehbuch, total abgefahren."

Tieropfer, Menschenopfer, Fetische, Zombies - alles drin

Die Urfassung, die sehr viel länger, bunter und verrückter sei ("den Rahmen eines Fernsehformats sprengend"), stammt von Volker Führer. Selges Aufgabe war es, den Stoff im Auftrag der ARD Degeto für das Erste zu adaptieren und in die "Dramaturgie eines Neunzigminüters einzupassen". Mit allen "Zwängen", die das im deutschen Fernsehen so mit sich bringt. Und auch mit den "handwerklichen Vorgaben" des Genres: "Das ist ein Voodoo-Thriller, kein Psychodrama. Da geht es gar nicht so sehr darum, ob die Geschichte wasserdicht und glaubwürdig ist. Es ist ein Spiel mit den Versatzstücken des Genres." Heißt: Tieropfer, Menschenopfer, Fetische, Zombies - alles drin. Spezialeffekte, Zitate, Verweise auf einschlägige Voodoo-, Mystery- und Horrorfilme. Angel Heart, Es, The Believers, Stranger Things, Dark - das ist die Referenzebene. Alles gefilmt in eleganten, cineastisch üppigen Bildern, in kühler, nachtblau-erdbrauner Ästhetik, die heraussticht aus dem deutschen Krimi-Allerlei (Kamera: Stephan Wagner). Selbst der Bademantel des Oberbösewichts Jay Jay (Kristof Koenen) passt sich farbtonmäßig an.

Gute Unterhaltung und ein bisschen gruselig soll es sein, mal etwas anderes im Fernsehkrimieinheitsbrei. Hokuspokus? Und wenn schon. Im Voodoo-Genre spiele grundsätzlich auch die Freude mit, "sich einen Bären aufbinden zu lassen", sagt Selge, dem der Dreh ganz offensichtlich einen Heidenspaß gemacht hat. "Das Einzige, was wir nicht durften: Schlangen aus dem Gesicht rauskommen lassen." Folgt sein kehliger Kurzlacher. Wenn man ihm vorhält, der Film bediene doch auch viele Klischees und laufe Gefahr, die schwarzmagischen Afrikaner zu dämonisieren, kontert er selbstbewusst mit den Erfordernissen des Genres. "Hey, it's Voodoo! Wenn man zum Italiener geht, sagt man auch nicht, die Spaghetti sind ein Klischee. Sondern die sind fester Bestandteil der italienischen Küche."

Ungewöhnlich ist der Film auch insofern, als er in der belgischen Hafenstadt Antwerpen spielt, die mit ihrem morbiden Charme in nachtdunklen Bildern bestens zur Geltung kommt. Außer der großartigen Nina Kunzendorf (einst Conny Mey im Frankfurt-Tatort) als auswärtige Protagonistin, die nach ihrer vermeintlich toten Tochter forscht, gibt es einen fast ausnahmslos belgischen Cast. Das ist die Bedingung, wenn man eine sogenannte Tax-Shelter-Co-Finanzierung in Anspruch nimmt, eine steuerliche Förderung. Da gibt es Geld aus Belgien, wenn man in Belgien mit Belgiern dreht. Eine Win-win-Situation, auch für die deutschen Zuschauer, die mal andere Gesichter sehen als die ewig gleichen Kriminasen. Etwa Steve Driesen in der Rolle des befremdlichen Kommissars Wouters. Der ist nicht nur äußerlich verlottert und seelisch ein Wrack, sondern überdies ein fiebriger Junkie, der sich Spritzen setzt. Schaut aus wie Heroin, Selge sagt, es könne auch Morphium sein.

Drehende - Totenfieber (AT)

Keine Angst vor Experimenten: Regisseur Titus Selge.

(Foto: ARD Degeto/NFP/Sofie Silbermann)

Wenn es um die Zwänge beim Fernsehen geht, kann der freundliche Titus Selge sich in Rage reden. Er kennt sie, die Regularien des "kontrollierten Systems", leidet darunter und ist ihnen auch immer wieder zum Opfer gefallen - nämlich indem er, der "einen künstlerischen Anspruch" an die Fernseharbeit hat, zwischendurch schlicht keine Angebote bekam. Sein Lebenslauf weist Pausen auf. Auch weil er ein Familienmensch ist und mit seiner Frau, der österreichischen Regisseurin, Drehbuchautorin und Produzentin Barbara Albert, strikt "fifty-fifty" macht, was Arbeitszeit, Geld und Erziehungsarbeit anbelangt. Die beiden haben einen zwölfjährigen Sohn. Selbst nach seiner intellektuell-experimentellen Verfilmung von Michel Houellebecqs dystopischem Bestseller Unterwerfung, die letztes Jahr, eingepackt in einen ARD-Themenabend, zur besten Sendezeit ausgestrahlt wurde, kam nichts. Null. Kein einziger Auftrag. "Weil Fernsehen so nicht sein darf." Das Verdikt lautete: "zu anspruchsvoll". Das vertreibe die Zuschauer.

Anspruchsvoll war Unterwerfung allemal, auch gesellschaftspolitisch brisant, geht es darin doch um die mögliche Islamisierung Frankreichs, ja, ganz Europas. Bei einem Kinofilm wären die zwei Millionen Zuschauer, die das Experiment hatte, ein satter Erfolg gewesen. Die Quotenrechner beim Fernsehen geben sich nicht unter fünf zufrieden. Zwei Jahre Arbeit hat Selge in das Projekt investiert, "on spec", wie er sagt, "on speculation", also ohne festen Auftrag. Schauen, was geht. Allein die Rechte an dem Roman für fünf Jahre Fernsehausstrahlung zu bekommen, war ein "irrsinniger Verhandlungsmarathon".

Er grinst schelmisch, wenn er von den irren "Polizeiruf 110"-Plots erzählt

Titus Selge ist der Neffe des (auch im Fernsehen wohl bekannten) Edgar Selge, der am Deutschen Schauspielhaus Hamburg in einer gefeierten Inszenierung Houellebecqs Unterwerfung als Solo spielt. Dieses furiose Bühnen-Solo bildet die Basis der Verfilmung. Titus Selge zieht geschickt weitere Ebenen ein, zeigt mit seinem Onkel in der Hauptrolle zentrale Szenen des Romans am Originalschauplatz Paris. Ein spannendes, metafiktionales Unterfangen, kinoreif gefilmt. Man hätte gedacht, dass danach die Angebote nur so prasseln. Immerhin hat Netflix den Film gekauft.

Trotz aller Zwänge, Zwangspausen und, ja, "Verletzungen" hat Titus Selge seine Leidenschaft für den Beruf nicht verloren, das merkt man ihm an. Es sprudelt nur so aus ihm heraus. "Ich erzähle einfach gern", sagt er. "Ich hab als kleines Kind schon die Leute unterhalten. Und ich bringe sie gerne zum Lachen." Geboren 1966 in Münster, wuchs Titus Selge in der Nähe von Stuttgart auf. Bildungsbürgerliche, frankophile Familie. Der Vater, ein Literaturwissenschaftler, ist der zehn Jahre ältere Bruder von Edgar Selge. Ein Büchner-Spezialist, sehr theateraffin. Schon als Kind wurde Sohn Titus ins Stuttgarter Schauspiel mitgenommen. Dort fing er dann nach dem Abitur auch als Assistent an, später ging er ans Theater Basel, wo Frank Baumbauer Intendant war. Sieben eigene Theaterinszenierung hat Titus Selge gemacht, um mit 28 zu erkennen, dass das nicht sein Weg ist.

Er schlug einen neuen ein, studierte Film in Ludwigsburg, von Anfang an mit dem Wunsch, seine eigenen Drehbücher zu schreiben. Das ging nicht immer, er musste Geld verdienen. Selge drehte Einspieler für Harald Schmidt, mehrere Folgen für die Serien Das Amt und Berlin Berlin, Tatorte, auch Komödien (Ein Reihenhaus steht selten allein). Immerhin: Für die vier Folgen Polizeiruf 110 mit Jan-Gregor Kremp als Ermittler hat Titus Selge die Bücher selbst geschrieben, skurrile Geschichten, "wo wir uns viel Quatsch erlaubten". Selge grinst schelmisch, wenn er von den irren Plots erzählt. Bei der Folge Die Lettin und ihr Lover sei die Quote unterirdisch gewesen, woraufhin er den nächsten und letzten Fall "unter Aufsicht" schreiben musste. Bis heute hat Selge den Anspruch eines Autorenfilmers. Den versucht er als Nächstes in seinem ersten Kinofilm auszuleben, gemeinsam mit seiner Frau. So hat der offene, neugierige, qualitätsbewusste Titus Selge mit 53 ein neues Thema: "Schaffe ich es, mir die Freiheit zu erarbeiten, wirklich zu erzählen, was ich möchte?" Dass er das Handwerkszeug dazu hat, steht außer Frage. Und dass er sich selbst oft kritisch hinterfragt - auch seinen Totenfieber-Film -, spricht für ihn. Auch hierin ist er eine Ausnahmeerscheinung.

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