Süddeutsche Zeitung

TV-Talk bei Maischberger:Beatrix von Storch, Meisterin der Schlangenlinie

Lesezeit: 3 min

Zum Jubiläum der 500. Folge streiten Sandra Maischberger und die stellvertretende AfD-Vorsitzende über Populismus. Eine wirre Sendung, die symptomatisch für den Zeitgeist steht.

TV-Kritik von Julian Dörr

In Mecklenburg-Vorpommern kämpfen sie für den Erhalt des Regenwaldes. Deshalb dürfen die Menschen dort auch keine Flüchtlinge wollen. Bitte was? Die Jubiläumsausgabe von Sandra Maischbergers Talkrunde ist keine fünf Minuten alt, da dreht die Logik zum ersten Mal frei.

Beatrix von Storch ist zu Gast, es geht wie so oft dieser Tage um die Flüchtlingsfrage und den Populismus in Europa. Die stellvertretende AfD-Vorsitzende erklärt, man könne auch für oder gegen etwas sein, das man nicht unmittelbar erlebt. Mecklenburg-Vorpommern hat keinen Regenwald. Schützen wollen darf man ihn trotzdem. Mecklenburg-Vorpommern hat auch fast keine Flüchtlinge. Loswerden wollen darf man sie trotzdem. Ein realitätsfremdes Beispiel, mit dem Storch versucht, die Realitätsfremde der Bundesregierung zu belegen.

70 Minuten Populismus

Man hat sich an diesem Abend auf Sandra Maischbergers Couch getroffen, um über den Populismus in Europa zu diskutieren. Aber eigentlich ist man zusammengekommen, um 70 Minuten lang zu zeigen, wie Populismus in Europa funktioniert. Schon in den ersten Sendeminuten wird die Fallhöhe nach oben geschraubt.

Es geht um die pöbelnden Demonstranten bei den Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit in Dresden. "Volksverräter" und "Stinktier" zählen noch zu den harmloseren Beleidigungen, die eine wütende Menge den anwesenden Politikern an diesem Tag entgegengeschleudert hat.

Auch bei Maischberger fliegen gleich zu Beginn die Begriffe nur so durch den Raum: Volksverhetzung, Demokratiefeindlichkeit und eben Realitätsfremde. Storch mahnt an: "Das ist des Volkes Stimme." Dagegenhalten die Journalistin Lea Rosh und Grünen-Politiker Anton Hofreiter: Die AfD habe dieses vergiftete Klima doch mitzuverantworten. Und überhaupt stehe der Mob von Dresden doch nicht stellvertretend für die deutsche Gesellschaft.

Die 500. Ausgabe von Maischberger ist eine wirre Runde

Die Ereignisse vom 3. Oktober sind bei Maischberger der Ausgangspunkt für eine Reise durch den europäischen Populismus. Nach dem Scheitern von Viktor Orbáns Referendum zur Flüchtlingsfrage in Ungarn stellt sich die Redaktion des ARD-Polit-Talks die Frage: "Pleite für die Populisten - Sieg für Merkels Europa?" Was folgt ist ein Zickzackkurs durch beinahe alle Themen von tagespolitischer Relevanz.

Es geht um Flüchtlinge, enthemmte Rhetorik, Nazi-Deutschland, ungarische Zäune, Syrien, die Türkei und Erdoğan. Es geht um innenpolitische Streitfragen und das drohende Ende der europäischen Solidarität. Die 500. Ausgabe von Sandra Maischbergers Talk ist eine wirre Runde. Doch sie steht symptomatisch für den Zeitgeist.

Die Welt und ihre Probleme sind komplex. Zu komplex, um sie in einer einzigen Wahlkampfrede zu erfassen. Und zu komplex, um sie in einer einzigen Sendung verständlich zu bearbeiten. Maischbergers Talkrunde spiegelt im Kleinen den Zustand und die Probleme der gesellschaftlichen Debatte wider. Hier gibt es keine Lösungen - aber eine wunderbare Feldstudie zur wichtigsten populistischen Argumentationstaktik: die Schlangenlinie.

Auf die direkte Kritik an der Polemik von Viktor Orbáns Plakatkampagne im Vorfeld der Volksabstimmung kontert der ehemalige ungarische Botschafter Gergely Pröhle mit der klassischen Populistenbewegung: Er weicht aus.

Auch wenn ihn zeitweise sowohl die Moderatorin als auch Hofreiter und der luxemburgische Außenminister Jean Asselborn zu einer Antwort zwingen wollen - Pröhle schlingert davon: "Dass sich Herr Asselborn und Herr Hofreiter so gut in der ungarischen Innenpolitik auskennen, das ehrt uns natürlich." Überhaupt gibt sich Orbán-Verteidiger Pröhle bei Maischberger ganz postfaktisch: Wenn die Leute glaubten, mehr Flüchtlinge bedeuteten eine größere Terrorgefahr, dann sei das so - egal wie die Realität aussähe.

Ein Tonfall, der ins Pseudoreligiöse kippt

Die Meisterin der Schlangenlinie an diesem Abend ist jedoch Beatrix von Storch. Die AfD-Politikerin windet sich noch aus jeder Frage - auch wenn die Journalistin Lea Rosh durch hartnäckiges Nachhaken wirklich alles versucht und bisweilen wirkt, als hätte sie Sandra Maischberger die Moderation aus der Hand genommen. Man könnte diese Jubiläumssendung also als Lehrbeispiel für kritischen Journalismus verbuchen, wäre da nicht dieses letzte Drittel, in dem es um Angela Merkel geht.

Weil die Welt und ihre Talkrunden so furchtbar komplex geworden sind, tappt auch die Maischberger-Runde in die alte Populistenfalle von der einfachen Lösung. In einem Einspieler wird Joschka Fischers De-Facto-Wahlempfehlung für Merkel präsentiert. Danach kippt der Tonfall ins Pseudoreligiöse. "Nur Merkel kann Europa zusammenhalten", sagt Rosh, "wir brauchen sie." Und als Maischberger dann von der "starken Führungsperson" spricht und Storch das freudig wiederholt, muss die Kamera ihr Gesicht gar nicht erst zeigen - die Zuschauer können es sich vorstellen.

Ein Satz hallt an diesem Abend nach, es ist ein Brecht-Zitat, das Jean Asselborn zwischen zwei seiner langen und leidenschaftlichen Europareden in die Diskussion gestreut hat: "Glücklich das Land, das keinen Helden braucht." Dort hätten Populisten keine Chance.

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