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"Hart aber fair" zum Burka-Verbot:"Deutschland 2016: Das ist ja Apartheid"

âÄžhart aber fair' Sendung am 12.09.2016

Monika B. im Einzelgespräch mit Frank Plasberg: Sie konvertierte als gebürtige Österreicherin vor sieben Jahren zum Islam und trägt seither den Niqab freiwillig.

(Foto: WDR/Dirk Borm)

Ein Burka-Verbot hätte auf Deutschland insgesamt zwar wohl keine praktischen Auswirkungen, doch möglicherweise auf einen Optiker in Garmisch. Und das reicht für schrille Töne bei "Hart aber fair" aus.

Deutschland geht es gut! Oder doch nicht? Erst am Montag legte die Bertelsmann-Stiftung eine Studie vor, wonach die Kinderarmut in Deutschland wächst: Zwei Millionen Jungen und Mädchen werden in Familien groß, die von staatlicher Grundsicherung abhängig sind, heißt es in der Untersuchung. Das steht für einen Trend, den ähnlich lautende Meldungen untermauern: Die Mittelschicht wird aus den Innenstädten der Metropolen verdrängt, es gibt inzwischen eine wachsende Zahl von Mittelständlern, die sich nicht mal mehr die Krankenversicherung leisten können, und jedem zweiten Bundesbürger droht wegen des sinkenden Rentenniveaus im Alter eine gesetzliche Rente unterhalb der Armutsgrenze, recherchierte im Frühjahr der WDR.

Doch irgendwie muss es Deutschland doch gut gehen! Denn das Land kümmert sich im Augenblick nicht so sehr um seine echten Probleme, sondern lieber um burka-verbot-in-bestimmten-bereichen-1.3127876" data-pagetype="EXTERNAL" data-id="">eine Pseudo-Fragestellung, die die Unions-Länderinnenminister aus Angst vor der AfD bei den Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und in Berlin angestoßen haben. Es geht um das Joch, dem Frauen in Deutschland durch das Tragen einer Burka mutmaßlich unterworfen werden.

So vorrangig scheint das Problem zu sein, dass nun sogar der WDR sein Augenmerk von der millionenfach drohenden Altersarmut weg- und zum diskutierten Burka-Verbot hinlenkte: "Offene Gesellschaft, offenes Gesicht - Kulturkampf um die Burka?", fragte am Montagabend Frank Plasberg in der WDR-Talkshow "Hart aber fair". Zu Gast: Julia Klöckner von der CDU, Claudia Roth von den Grünen, der Publizist Michel Friedman, Welt-Korrespondent Dirk Schümer und die muslimische Journalistin Khola Maryam Hübsch.

Wie viele Burka-Trägerinnen gibt es in Deutschland überhaupt?

Gleich an dieser Stelle sei der wichtigste Faktencheck dieser "Hart aber fair"-Sendung vorgezogen, denn er ist für deren Deutung von entscheidendem Belang: Wie viele Burka-Trägerinnen gibt es in Deutschland überhaupt?

Plasberg wies verdienstvollerweise sofort darauf hin, dass es entgegen dem Titel der eigenen Sendung bei dieser Debatte nicht um Burka-Trägerinnen geht (also um jene unheimlichen Vollverschleierten, die nur noch ein Gitter-Sichtfenster zum Gucken haben, die in Deutschland aber so gut wie nie anzutreffen sind), sondern wenn überhaupt um die Niqab-Trägerinnen, die immerhin noch einen Sehschlitz haben. Daher noch einmal präziser gefragt: Wie viele Niqab-Trägerinnen gibt es in Deutschland eigentlich?

Ergebnis: Es gibt dazu keine belastbaren Zahlen. Weder das Innenministerium noch die Migrationsbeauftragte Aydan Özoğuz (SPD), noch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, noch die sechzehn zuständigen Landesministerien, noch der Zentralrat der Muslime konnte die entsprechende Anfrage der "Hart aber fair"-Redaktion beantworten: Die Antwort war immer gleich: "Wir wissen es nicht."

Doch die Sendungsmacher wussten sich zu behelfen. Sie hielten sich an mehreren Orten in Deutschland an neuralgischen Punkten auf und siehe da - nach einiger Zeit ward der Niqab gesehen. Etwa in Berlin-Neukölln nach vier Stunden: zwei Niqab-Trägerinnen. München: Hier waren es nach vier Stunden schon 20 Niqab-Trägerinnen, genauso wie in Bonn-Bad Godesberg, wo nach vier Stunden ebenfalls 20 Vollverschleierte gezählt wurden.