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TV-Talk bei Anne Will:"Wollen wir im Kampf gegen den Drachen selbst zum Drachen werden?"

Anne Will

Anne Will mit ihren Gästen: Abdul Abbasi, Georg Mascolo, Sebastian Gemkow, Katja Kipping und Joachim Herrmann

(Foto: NDR/Wolfgang Borrs)

Bei Anne Will diskutieren vier Männer und eine Frau, wer im Fall al-Bakr versagt hat. Und merken dabei nicht, dass sie genau denselben Fehler machen wie die Behörden.

TV-Kritik von Julia Ley

Sebastian Gemkow musste sich in den vergangenen Tagen viel anhören. Wer könne schon ahnen, dass ein Selbstmordattentäter selbstmordgefährdet sein könnte, frotzelten seine Kritiker. Und luden auf dem sächsischen Justizminister die Verantwortung für so ziemlich alles ab: das dilettantische Vorgehen der sächsischen Polizei genauso wie die Fehleinschätzung einer Psychologin, die den Terrorverdächtigen Dschaber al-Bakr für nicht suizidgefährdet erklärte. Gemkow, der mit seinen 38 Jahren ziemlich jung im Amt ist, schien das wenig auszumachen. Er wies die Anschuldigungen ebenso konsequent von sich wie die immer lauter werdenden Rücktrittsforderungen.

Angesichts der Pannen in diesem Verfahren ist das Bedürfnis wohl groß, einen Schuldigen zu finden. Wie ist es möglich, dass ein Terrorverdächtiger erst der Polizei entwischt, dann von drei Zivilisten übertölpelt wird und sich am Ende in Haft das Leben nimmt? In der Talkrunde Show "Anne Will" werden diese Fragen gleich zu Anfang in aller Schärfe nur an Gemkow gestellt. Fast zehn Minuten lang kann er sich rechtfertigen.

Die Strategie, die Gemkow dabei fährt, ist riskant - und geht in etwa so: Der Suizid war das tragische Resultat einer Reihe von Entscheidungen, die zwar zu diesem Ergebnis geführt haben - für sich genommen aber doch richtig waren. Sie wurden von erfahrenen Experten nach bestem Wissen und Gewissen getroffen. Allerdings, das gesteht er ein, mangele es den sächsischen Behörden im Umgang mit Islamisten an Erfahrung.

Dass Gemkow als Justizminister eine politische Verantwortung trägt, steht außer Frage. Doch auch der hartnäckigen Anne Will gelingt es nicht, ihm einen konkreten Fehler nachzuweisen. Und eben darin liegt die Stärke dieser Sendung: Dass sie sich nicht mit dem Bedürfnis begnügt, einen Schuldigen zu identifizieren. Stattdessen bekommt man einen Eindruck davon, wie schwierig die Entscheidungen sind, die Verfassungsschützer, Ermittler, Wärter, Politiker unter hohem Druck treffen müssen.

Schon bald gelangt die Runde so zum Grundsätzlichen: der Abwägung zwischen Rechtsstaatlichkeit und Sicherheit. Natürlich hätte man al-Bakr rund um die Uhr bewachen lassen können, sagt Gemkow. Nur wüssten die wenigsten, was das bedeute: Ein Wärter sitze in voller Montur in der Zelle eines Häftlings, der nur noch "Schamkleidung" tragen dürfe - also quasi nackt ist. Keine Privatsphäre mehr, rund um die Uhr, und das womöglich über Wochen.

Man macht sich keine Freunde damit, die Rechte eines mutmaßlichen Terroristen zu verteidigen. Gemkow sagt, er habe solche Bilder gefürchtet - zumal, wenn eine Expertin keine Suizidgefahr sieht. Hätte al-Bakr sich nicht das Leben genommen, wäre diese Behandlung womöglich bald als unverhältnismäßig kritisiert worden. "Wollen wir im Kampf gegen den Drachen tatsächlich selber zum Drachen werden?", fragt der Justizminister. Er könnte auch fragen: Entscheidet sich die Stärke eines Rechtsstaats nicht gerade daran, wie er mit seinen Feinden umgeht?

Dass ein so heikles Thema über weite Strecken sachlich und nuanciert diskutiert wird, ist, mit einer Ausnahme, auch den Gästen zu verdanken. Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann und der Journalist Georg Mascolo, der auch für die Süddeutsche Zeitung arbeitet, sortieren immer wieder die durchaus komplexen Zuständigkeiten in Terrorverfahren - von BKA bis Generalbundesanwalt. Linken-Chefin Katja Kipping scheint so viel Nuanciertheit nur schwer auszuhalten und schießt in alle Richtungen: Bei CDU, Verfassungsschutz, Polizei, überall sieht sie ausnahmslos Versagen. Da hilft auch der Hinweis nichts, dass ein vereitelter Anschlag - bei allen Fehlern - immer auch ein Erfolg ist.

Kann ein Flüchtling etwas zu deutschem Behördenversagen sagen?

Noch eine zweite Erkenntnis drängt sich an diesem Abend auf: Wie einfach es ist, das Offensichtliche zu übersehen. Der Elefant im Raum ist in diesem Fall ein Syrer. Es dauert mehr als zwanzig Minuten, bis Abdul Abbasi auch nur angesprochen wird. Kann denn ein Flüchtling etwas zu deutschem Behördenversagen sagen?

Durchaus. Abbasi war der Erste, der den Fahndungsaufruf der Polizei ins Arabische übersetzte und über soziale Netzwerke verbreitete. Die sächsische Polizei kam erst viel zu spät auf diese Idee. Ein großer Fehler. Denn erst über syrische Netzwerke erfuhren die Flüchtlinge, bei denen al-Bakr unterkam, wer da in ihrem Wohnzimmer saß.

So bestätigt sich schnell, was Gemkow zuvor angedeutet hatte: Die deutschen Behörden, zumal die sächsischen, haben zu wenig Erfahrung im Umgang mit islamistischen Terroristen. Und sie sprechen zu wenig mit jenen, die sich damit auskennen: Mit jenen, die die Kultur kennen, in der dieses Gedankengut wächst; die dieselbe Sprache sprechen; die über Informationen und Netzwerke verfügen, um Gefährder zu identifizieren; die selbst vor diesem Terrorismus geflüchtet sind.

Natürlich birgt so eine Zusammenarbeit auch Gefahren. Vor allem die Gefahr, mit den Falschen zu arbeiten. Doch wenn man etwas aus dem Fall al-Bakr lernen kann, dann wohl das: Die Realität ist meist komplexer, nicht einfach nur schwarz-weiß. In der Flüchtlingsdebatte liegen beide Extreme falsch: "Die Flüchtlinge" sind weder gut noch schlecht. Der mutmaßliche Terrorist al-Bakr war ein syrischer Flüchtling. Die Männer, die ihn überführt haben, auch. Es lohnt sich also, genauer hinzugucken.

© SZ.de/lalse/pamu

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