TV-Serie "Geht raus! Verprügelt ein paar Nazis!"

Ex-Hippie Greg (Tim Robbins) glaubt nicht mehr an seine eigenen Ratschläge.

(Foto: HBO)

In der neuen Serie "Here and Now" leckt die amerikanische Linke nach Trumps Wahlsieg ihre Wunden - und sucht nach einem Weg raus aus der Sinnkrise.

Von Kathleen Hildebrand

Die Familie Bayer-Boatwright ist der Fiebertraum linksliberaler US-Identitätspolitik: Mutter Audrey (Holly Hunter) und Vater Greg (Tim Robbins) haben sich als Hippies beim Studium in Berkeley kennengelernt, er ist Philosophie-Professor, sie freier Konfliktcoach. Ihre mittlerweile erwachsenen Kinder wirken wie nach einer Diversitäts-Checkliste zusammenadoptiert: Duc aus Vietnam, Ashley aus Liberia und Ramon, der schwul ist, kommt aus Kolumbien. Das jüngste und einzige leibliche Kind ist Tochter Kristen, und die fühlt sich zwischen ihren Geschwistern so langweilig weiß, dass sie heimlich einen DNA-Test machen lässt - vielleicht findet sich ja doch noch irgendetwas Interessantes an ihr. Als wäre das nicht schon karikaturhaft genug, lebt die Familie auch noch in Portland, Oregon, der amerikanischen Sehnsuchtshauptstadt aller Holzfällerhemd tragenden Craftbeer-Freunde.

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Bevor Donald Trump zum US-Präsidenten gewählt wurde, wäre Here and Now wohl eine klassische Familienserie für Demokraten-Wähler geworden. Aber während der Drehbuchautor Alan Ball (American Beauty, Six Feet Under) im Writers' Room saß, geschah das Undenkbare. "Wir haben verloren", sagt der depressive Vater Greg nun in der Serie, als er an seinem 60. Geburtstag eine Rede halten muss. An die optimistischen Mantras aus dem Lebenshilfe-Bestseller, den er vor Jahrzehnten geschrieben hat, glaubt er schon länger nicht mehr. Aber jetzt ist die Nacht in seiner Seele endgültig so schwarz wie sein Rollkragenpulli. Verzweifelt brüllt Greg seine irritierten Studenten aus dem Vorlesungssaal: "Hört auf zu denken! Geht raus! Verprügelt ein paar Nazis!"

Die traumatisierten Liberalen werden hier unters Mikroskop gelegt, so viel ist klar. Here and Now will ihre Enttäuschung, ihre Angst und ihre Desorientierung in der neuen Trump-Realität zeigen. Ihr Hadern mit der Frage, wie es weitergehen soll, wenn man sein Leben dem sozialen Experiment einer immer freieren, offeneren Gesellschaft gewidmet hat - und dann dieser gewaltige konservative Rückschritt kommt. Ob der Serie das gelingt, ist nach den ersten drei Folgen noch nicht klar; dafür gibt es zu viele Handlungsstränge und zu viele Figuren - neben den Bayer-Boatwrights wird auch noch die Geschichte einer muslimischen Familie erzählt, die einen Sohn mit fluider Geschlechtsidentität hat.

Und doch: Was Here and Now so interessant macht, ist, dass die Serie nicht einfach nur nostalgisch einem bröckelnden liberalen Fantasialand hinterhertrauert, sondern auch dessen Unzulänglichkeiten zeigt. "Es muss toll sein, mit Geschwistern aus so exotischen Gegenden aufzuwachsen", sagt eine Nebenfigur mal zu Duc und Ashley. "Wäre es auch", antwortet Duc, "wenn wir nicht als Aushängeschild für die Fortschrittlichkeit unserer Eltern hätten herhalten müssen." Es mag ein bisschen ungerecht sein, Idealismus mit Narzissmus gleichzusetzen. Aber die Herablassung, die oft damit einhergeht, dass man sich ein bisschen zu sicher ist, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen, die zeigt diese Serie - ob absichtlich oder nicht - mit treffender Schmerzhaftigkeit.

Von 12. Februar an in der Originalfassung auf Sky Ticket, Sky Go und Sky On Demand. Ab 28. März wahlweise im Original oder auf Deutsch auf Sky Atlantic HD.

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