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TV-Serie "Borgen":Wettlauf mit der Wirklichkeit

Sidse Babett Knudsen in TV-Serie "Borgen"

Wieder Wahlkampf: Sidse Babett Knudsen als Birgitte Nyborg in der dritten und finalen Staffel von Borgen.

(Foto: Entertainment One)

Die TV-Serie "Borgen" hat den Dänen einen Spiegel vorgehalten und auch im Ausland begeistert. Die dritte Staffel, die nun auf deutsch auf DVD erscheint, packt ein letztes Mal Politik und persönliches Drama in eine fesselnde Geschichte - und gönnt sich eine genüssliche Persiflage auf den Fernsehbetrieb.

Von Irene Helmes

"Ich war mal jemand, weißt du?", sagt Birgitte Nyborg am Anfang zu ihrem neuen Freund, dem britischen Architekten Jeremy. Die ehemalige dänische Premierministerin hat die zweieinhalb Jahre nach ihrer Wahlniederlage (und dem Ende der zweiten Staffel) als hochdotierte Wirtschaftsexpertin mit Vorträgen in aller Welt verbracht. Doch was Birgitte von den Debatten in ihrer Heimat mitbekommt, treibt sie zurück in die Politik, zur Gründung einer eigenen Partei und zu einem neuen, dramatischen Wahlkampf.

Die vom öffentlich-rechtlichen Sender DR produzierte Serie Borgen packt Politik und persönliches Drama in eine so spannende und abwechslungsreiche Geschichte, dass die Serie in Dänemark wie im Ausland zu einem Hit geworden ist, die Serienkönige von HBO und BBC planen eine eigene Adaption. Nun erscheint die dritte und letzte Staffel in Deutschland auf DVD.

Mit der echten Politik im Wettstreit

Wie legal darf Prostitution sein? Wie gelingt eine offene Gesellschaft? Was ist Tierquälerei? Wann ist eine Parteispende inakzeptabel? Kann eine radikale Vergangenheit einen Kandidaten für immer diskreditieren? Und was passiert, wenn Nachrichten nur noch Quote bringen sollen? Borgen spielt solche Fragen konsequenter durch als die meisten Talkshows, eindrücklicher als so manche Doku.

Auf die Frage, wie sehr Parallelen zur Realität bewusst eingebaut wurden, erklärt Produzentin Camilla Hammerich, die Autoren hätten stets eng mit einer Recherche-Kollegin zusammengearbeitet. "Wir haben wirklich mit vielen Politikern, Journalisten, Beamten und Experten gesprochen." Zudem habe ein politischer Redakteur des Senders die Drehbuchentwicklung begleitet, um "zu helfen, im Rahmen von Dänemarks politischer Realität zu bleiben". Hammerich weiter: "Wir haben erlebt, dass wir in gewisser Weise mit dem echten politischen Leben im Wettstreit lagen." Manch eine in Borgen geführte Debatte, etwa um Prostitution oder die Zustände in der Massentierhaltung, sei in der dänischen Politik fortgeführt worden.

Zusätzlichen Schwung bekam die Serie, seit die Handlung während der zweiten Staffel von der Realität eingeholt wurde: Helle Thorning Schmidt wurde als erste Frau dänische Regierungschefin, noch dazu in einer ähnlichen Koalition wie zuvor die fiktive Birgitte Nyborg. Auch von Thorning Schmidt ist bekannt, dass sie zum Borgen-Publikum gehört, wie zeitweise fast die Hälfte aller Däninnen und Dänen. Auch das Zerbrechen ihrer Koalition in dieser Woche wirkt auf Borgen-Fans wie ein Déjà-vu.

Nicht nur fies zubeißen

Kopenhagen bietet eine mal leuchtende, mal eiskalt-neblige Kulisse. In der Hauptstadt des kleinen Landes kennt letztlich jeder jeden, das Jobkarussell dreht sich. Reporterin Katrine etwa wagt in der 3. Staffel mal wieder einen Neustart: als Pressesprecherin von Birgitte. Privates und Berufliches vermischt sich nicht nur bei den beiden Frauen. Die Politiker, Journalisten und PR-Profis von Borgen sind zwiespältige, verletzliche Menschen. Ein Hintergrundgespräch gerät rasch zum Eiertanz zwischen zwei Ex-Partnern, Brigittes neue Beziehung landet schneller in den Klatschblättern, als die Gefühle geklärt sind. Kind und Karriere, enttäuschte Liebe, Krebs - all das bildet die Polit-Serie in ihrer letzten Staffel weitgehend kitschfrei ab. Die Figuren sind angeschlagen, teils richtiggehend kaputt. Erwachsene eben. Aber nicht völlig am Ende.

Anders als etwa in der US-Serie House of Cards geht es selten nur darum, wer im Haifischbecken der Macht am fiesesten zubeißen kann. Die Geschichte liefert keine Bestätigung für Zyniker. Letztlich sind die Hauptfiguren von Borgen Besessene, die bei Debatten aufblühen, die ein schlagendes Argument glücklich macht. So schonungslos Borgen Mauscheleien und Eitelkeiten im Polit-Betrieb aufdeckt, so sehr feiert die Serie zugleich Engagement und Begeisterungsfähigkeit, Freude an guter Arbeit.

Platz für Neues

In der 3. Staffel gönnen sich die Macher von Borgen zu all dem noch eine genüssliche Persiflage auf den TV-Betrieb. "Es war sehr befriedigend, das Porträt eines modernen Senders zu zeichnen", so Produzentin Hammerich. Ein neuer Programmdirektor, der aalglatte Karriere-Hipster Alex, will Quote und treibt das Team von Nachrichtenchef Torben Friis mit gnadenloser Freundlichkeit und immer neuen Ideen "für das junge Publikum" in den Wahnsinn. Die Zukunft sieht er in Spaß-Politik vor quietschbunten Show-Kulissen. Eine Serie wie Borgen, so spürt man bald, wäre bei ihm nicht genehmigt worden, zu komplex, zu schwierig.

Ein Glücksfall, dass beim echten Sender DR ein anderer Geist herrscht. Ursprünglich, so wiederholt das Team seit Jahren, habe allerdings niemand geglaubt, dass Borgen außerhalb von Skandinavien funktionieren könne. Falsch gedacht. Zur Belohnung für den enormen Erfolg in Großbritannien gab es u.a. den BAFTA Award 2012, in Deutschland hat Arte die Serie gezeigt.

Nach drei Staffeln und 30 Episoden ist jedoch Schluss. Schon die letzten zehn Episoden waren eine Zugabe, sagt Hammerich - und dann sei es endgültig Zeit geworden, für neue Produktionen Platz zu machen, bevor man anfange, sich zu wiederholen. Eine Entscheidung, die so konsequent ist wie Borgen selbst. Für eine vierte Staffel würde man so manche Endlosfortsetzung anderer Serien gerne eintauschen.

Borgen - Gefährliche Seilschaften. Die komplette 3. Staffel. Dänemark, ca. 580 Minuten. Mit Sidse Babett Knudsen, Birgitte Hjort Sørenson, Pilou Asbaek, Mikael Birkkjaer. Entertainment One, ab 31. Januar 2014 als DVD.

© SZ.de/mkoh/liv
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