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TV-Persönlichkeit:Detlef Steves: Das Maul des Volkes

Tanzshow 'Let's Dance'

Detlef Steves bringt deutschen Alltag ins Privatfernsehen. Hier im letzten Jahr bei der Tanzshow 'Let's Dance' mit der schwedischen Profitänzerin Isabel Edvardsson.

(Foto: picture alliance / dpa)

Er kann nicht tanzen, verreist nicht gern und liebt seine Frau: Detlef Steves ist überdurchschnittlich durchschnittlich. Genau deshalb macht er austauschbare Dokusoaps wiedererkennbar.

Wir sind hier gerade so ein Ding am testen", sagt Detlef Steves zur Begrüßung. Mit nacktem Oberkörper - der Herbsttag ist mild - steht er in seinem Garten vor der Kamera, während Ehefrau Nicole mit dem Ding kämpft. Das Ding ist "The Beerbelly", ein mit Getränken befüllbarer Bierbauch zum Umschnallen, im Internet bestellbar für 29,99 US-Dollar. "Ich bin 'ne geile Sau, da ist doch klar, dass ich mich ausziehe", sagt er. Die Hose aber bleibt vorerst an: "Für untenrum muss ich erst mal zum Essen eingeladen werden."

Nicole zuppelt immer noch an dem Ding rum - und gibt Steves damit Gelegenheit, sich schon mal ein bisschen warmzupoltern: "Boah, das Produkt geht mir schon wieder so auf die Eier." Das ist nicht mehr als ein Vorgeschmack, der Wortschatz des 47-Jährigen hält noch wesentlich Derberes bereit. Dafür lieben ihn seine Fans - und dafür hat Vox ihn engagiert. Ein Team der Produktionsfirma Endemol Shine dreht in Steves' Garten neue Folgen der Dokusoap Hot oder Schrott - Die Allestester, in der zumeist Überflüssiges auf seine Nützlichkeit abgeklopft wird - kein böses Fernsehen, aber ziemlich belangloses.

Steves muss dem Volk nicht aufs Maul schauen - er ist das Maul des Volkes

Detlef Steves wird gebucht, wenn das Privatfernsehen den deutschen Alltag abbilden will - und das will es ja ständig: Ab ins Beet, Ab in die Ruine, Claus und Detlef - Die Superchefs und Detlef muss reisen hießen weitere Formate, die Steves zu einer der wertvollsten Marken im Billigsegment Dokusoap gemacht haben. Er gehört zu den wenigen, die den in diesem Genre entwerteten Begriff "Protagonist" mit Leben füllen: Seine Präsenz macht eigentlich austauschbare Formate wiedererkennbar. "Ich bin Voxianer", sagt Steves, "mache aber mittlerweile auch viel mit RTL." Soll heißen: Läuft! Im vergangenen Jahr durfte Steves beim Quotenhit Let's Dance mittanzen - und wurde damit in den erweiterten Kreis der RTL-Sendergesichter aufgenommen. Hinzu kommen die üblichen Einladungen zum Perfekten Promi-Dinner, zu Grill den Henssler und zur Pro Sieben Völkerball Meisterschaft.

Nicht nur der Hausherr, auch sein Garten ist im niederrheinischen Moers weltberühmt. Auf diesen 650 Quadratmetern begann die Fernsehkarriere des gelernten Betriebsschlossers, Spitzname "Deffi", mit der Vox-Dokusoap Ab ins Beet. Darin hat Steves unter anderem den Swimmingpool und die angeschlossene Bar gebaut und dabei nicht mit Flüchen und Wutausbrüchen gegeizt. "Ich durchlebe in fünf Minuten emotional, was andere in drei Monaten durchleben", sagt er. Den "wohl sympathischsten Teilzeit-Choleriker Deutschlands" nannte ihn die Lokalpresse. Offenbar erkannten sich viele in den wortreichen Verwünschungen wieder, die nur oberflächlich störrischen Steinen und anderen Hindernissen galten, eigentlich aber den Widrigkeiten des Lebens.

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Fragt er sich manchmal, woher seine Popularität rührt? "Jeden Tag", antwortet Steves, der im Gespräch unerwartet ernsthaft und sanftmütig wirkt. "Ich glaube, dass es daran liegt, dass ich die Leute widerspiegele." Er sei "der Metzger, der Schreiner, der Autowäscher von nebenan". Nur ein Jedermann zu sein, würde aber wohl nicht ausreichen. Steves ist überdurchschnittlich durchschnittlich. Er kann nicht tanzen, kocht nur in Ausnahmefällen, verreist nicht gern, liebt seine Frau, ringt mit seinem Gewicht, ist ein eher widerwilliger Heimwerker - und vereint damit zahlreiche Eigenschaften auf sich, die Millionen deutsche Männer mit ihm teilen - ob sie wollen oder nicht.

Was ihn von vielen anderen abhebt: Er umarmt diese Eigenschaften und wird durch die Paarung mit Bauernschläue und "Schulhofhumor" (Steves über Steves) zu einer Identifikationsfigur, ja fast schon zu einem Vorbild für sein angeblich ja so verunsichertes Geschlecht. Steves muss dem Volk nicht aufs Maul schauen - er ist das Maul des Volkes. "Man kann auch arbeiten, ohne sich zu bewegen" - der Untertitel seines Buchs Ich scheiß auf Winkel! bringt diese schlawinerhafte Geisteshaltung auf den Punkt.