bedeckt München

TV-Moderationen zu Olympia:"Voll dabei, gute Körpersprache"

Doppelmoderationen sind ein gefährliches Unterfangen. Denn sie befördern: Versprecher, Fettnäpfchen, Ungereimtheiten und Sackgassenreflexionen, also Überlegungen, die bei null anfangen, um im Nichts zu enden. Auch während Olympia aus Sotschi.

Von Bernd Graff

Was ist das Alleinstellungsmerkmal von Olympia? Genauer gemeint: Was ist das Alleinstellungsmerkmal von Olympia im Fernsehen? Also was machen die Sender dann und dort, was sie sonst nicht machen? Und? Gefunden?

Moderatoren in Zeiten von Olympia

Moderatoren in Zeiten von Olympia: Was man so sendet von Sotschi.

(Foto: Screenshot SZ.de)

Richtig: Sie machen eigentlich nichts anderes, nichts, was man nicht auch von handelsüblicher Fußballberichterstattung kennt - oder aber vom Ball der Dresdner Semperoper. Live aus Dresden übertrug der MDR am 07. Februar 2014 "Die große Ballnacht" ab 20:15 Uhr. Und erstmals moderierte die Fernsehmoderatorin und Schauspielerin Collien Ulmen-Fernandes an der Seite von Opernsänger und Entertainer Gunther Emmerlich. Bevor es aber losging, sah man: Anja Koebel und René Kindermann VOR der Dresdner Semperoper. Und die beiden waren wirklich nicht zu beneiden.

Denn sie mussten eben ab 20:15 Uhr moderieren, eine Dreiviertelstunde bevor die Veranstaltung losging. Und, ehrlich, nicht böse sein in Dresden, aber es war wenig los außer walzernden Menschen im fortgeschrittenen Alter. Denn auch dieser Ball ist nicht die Inauguration eines US-Präsidenten. Aber so ist das ja inzwischen beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen - man berichtet eben mal los, auch wenn noch gar nichts los ist.

Das ist dennoch immer ein gefährliches Unterfangen, denn unausweichlich warten: Versprecher, Fettnäpfchen, Ungereimtheiten und Sackgassenreflexionen, also Überlegungen, die bei Null anfangen, um im Nichts zu enden.

Witwenschütteln der Live-Berichterstattung

Bitte! Bitte! Das machen wir jetzt nicht an Sendern oder an den bedauernswerten Kollegen fest, die für diese Sender losmoderieren müssen, wenn nichts zu sagen ist. Dass Anja Koebel etwa eine Dreiviertelstunde "vor Anpfiff" "ganz viel Glamour" verspricht, weil sie immerhin vor der Semperoper steht und das Motto dieses Ereignisses: "Dresden glitzert" lautet - mein Gott, dafür kann sie nichts. Das ist in solchen Situationen einfach naturgegeben so, das muss sie dann so oder ähnlich sagen, "ohne dass man natürlich den Abend vor dem Tag lobt ... oder so"... Sonst wäre es ja auch nicht Fernsehen, sondern Schulfunk.

Und natürlich kennt man die Doppelmoderation, das Witwenschütteln der Live-Berichterstattung, auch vor DFB-Pokalspielen, gerne, wenn die unschlagbaren Bayern und der gerade arg schlingernde HSV aufeinandertreffen.

Mehmet Scholl spricht dann mit Reinhold Beckmann oder umgekehrt. Doch was sollen sie sagen? Der HSV schlingert, die Bayern sind ziemlich unschlagbar - der Abend ging 0:5 für Bayern aus. Die beiden haben es dann also den Umständen entsprechend hervorragend gemacht.

Und so ist Olympia aus Sotschi. Kein Ort nirgends, an dem es nicht deutlich kälter wäre und viel mehr Schnee läge als in Sotschi, weswegen der arme, schwitzende Peter Großmann im ARD-Morgenmagazin die "Sommerspiele von Sotschi" ausrufen muss und berichtet, dass er warme und leichte Kleidung dabei habe. Gut, das zu wissen.

Niemandem muss das Wurstbrot im Halse stecken bleiben

Doch es sind nunmal unerbittlich Winter-Spiele, man hat senderseits die viele Sendezeit eingekauft und all die Reporter und Sidekicks dahinbeordert, also wird jetzt auch bitte olympisch gefachsimpelt. Sogar irgendwie themennah von Ina Ruck, der ARD-Korrespondentin, die sonst für politische Nachrichten zuständig ist. Sie spricht mit einem Mann von "werner-bau DOT com", der im Trabbi aus den Neuen Ländern nach Sotschi gefahren ist - über 3000 Kilometer, das muss man sich mal vorstellen.

Die Kollegen, ihr Armen!, machen das alles aber ganz großartig und sehr routiniert, sie jubeln und wehklagen in den richtigen Dosierungen und an den richtigen Stellen. Da muss niemandem "daheim vor den Schirmen" das Wurstbrot im Halse stecken bleiben. Es muss aber bitte auch niemand fragen, was diese sogenannten Experten und Ex-Sportler eigentlich substantiell zur Berichterstattung beitragen. Der Beitrag der Rodel-Legende Georg Hackl, der das "Touch-Pad für die Rodelstaffel" erklärt, beinhaltet nichts Nahrhaftes, nichts, das man unbedingt seinen Enkeln hinterlassen möchte. Aber man könnte. Und auch sein Ratschlag fürs Touch-Pad: "In der Mitte voll treffen, damit der Kontakt dann auch ausgelöst ist, denn sonst ist der Zielanschlag ungültig.", erschließt sich jedem, der das Ding auch nur Sekundenbruchteile zu Gesicht bekommen hat, aber gut, dass es mal einer gesagt hat.

Im ZDF, das ist der Sender, dem die Welt das Stofftier Wotschi verdankt, moderiert man ähnlich unaufgeregt das weg, was weg muss. Ein Biathlet hat hier "schon die Kilometer in den Beinen, da darf man sich nicht täuschen lassen." Ein anderer "lässt hier nichts anbrennen, obwohl er auch die Kilometer in den Beinen hat." Mit anderen Worten: Diese Doppelmoderationen mit Experten - wie es einer über die Fehlschüsse bei den Biathleten so schön gesagt hat - "sind nicht Fisch, nicht Fleisch".

Fehlschüsse sind gar nicht gut

Man sagt etwas, ohne etwas zu sagen, man bringt eben die meiste Sendezeit über die Sendezeit einfach nur verbal so rum. Wer Olympia 2014 noch nicht mitbekommen hat, kann sich die frühere Tour-de-France-Berichterstattung der Öffentlich-Rechtlichen in Erinnerung rufen: Da wurde auch über zwei Wochen hinweg über Gott, die Welt und Fahrräder räsoniert, dass es eine Art hatte. Ach ja, falls das beim Biathlon nicht klar war: Fehlschüsse sind gar nicht gut, "heute brauchst du die Null oder die Eins." Das könnte man so etwa auch beim DFB-Pokal gesagt haben oder vor der Semperoper. Wie auch das: "Es ist zum Mäusemelken, hier spielen sich unzählige Dramen heute ab."

Das stimmt ja immer, aber so schlimm ist es "unterm Strich" dann auch wieder nicht, auch "wenn jeder einzelne Fehler hier entscheidend sein kann." Aber auch das gilt für Fußball wie Semperoper wie für Olympia (Sommer und Winter). Wie für sowieso das ganze Leben.

Und so ist es ja dann auch: Man ist mit Doppelmoderatoren zugleich informiert wie unterhalten, selten, dass man etwas wirklich Neues erführe (oder etwas Verstörendes), aber - Hand aufs Herz - so genau will man es ja auch gar nicht wissen, weder beim Walzer noch beim Skispringen, sollen die sich drehen und abheben, "auch wenn der Wind heute gar nicht mitspielt." Oder macht es wirklich einen Unterschied zu wissen, dass die Scheibe der Biathleten "4,5 cm im Durchmesser" hat? Doch schon ist man wieder weiter, zwar nicht mit den Bildern, aber immer mit der Moderation: "Fünf Schuss, fünf Treffer. Das ist gut. Lauf Junge! Im letzten langen Hammer zählt es, da kann man die Zeit gewinnen. Aber er ist dazu in der Lage."

Sagen wir es mit den Berichterstattern mal so: "Wir wollen nicht zu gierig sein." Ja, es gibt Schlimmeres als die Live-Doppel-TV-Berichterstattung zu Olympia. Ansonsten: "Voll dabei, gute Körpersprache."

© SZ.de/ihe

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite