Süddeutsche Zeitung

TV-Kritik zu "The Voice of Germany":Kuschel-Casting mit Merkwürdigkeiten

Lesezeit: 3 min

Die Privatsender Pro Sieben und Sat 1 versuchen eine Alternative zu Dieter Bohlens Schmäh-TV zu präsentieren. Bei der Auftaktshow gelingt das anfangs auch - doch die Konkurrenz vom "Supertalent" hält zeitgleich auf RTL dagegen.

Carsten Janke

Um das mal gleich vorwegzunehmen: Es ist ein ehrenwerter Versuch, heutzutage eine "ehrliche" Casting-Show im deutschen Privatfernsehen präsentieren zu wollen. Aber, um es auch gleich zu sagen, die Konkurrenz um Dieter Bohlen war am Donnerstagabend einfach besser.

Im Vorfeld waren der neuen Pro-Sieben-Sendung The Voice of Germany schon viele Vorschusslorbeeren spendiert worden: "Casting nach dem Anti-Bohlen-Prinzip", "ohne Sprüche und Krawall", eine "ehrliche Casting-Show", die sogar Dieter Bohlen und das Supertalent "nervös" machen würde. Die Jury versprach: "Keine Freaks, niemand wird vorgeführt, um Quote zu machen. Respekt unter den Coaches und vor jedem Künstler, der auftritt."

"Coaches"? "Respekt"? Ja, es sollte einiges anders werden bei dieser Casting-Show. Die Juroren, die nun als "Vocal Coaches" Verantwortung für ihre Schützlinge übernehmen, sitzen mit dem Rücken zur Bühne und konzentrieren sich erst mal ganz auf die Stimmen der Kandidaten - ohne gleich auf deren Äußeres zu achten. "Ehrlichkeit" als das zentrale Verkaufsargument des neuen Pro-Sieben-Formats, das international schon in mehr als zwanzig Ländern mit großem Erfolg angelaufen ist - nun also The Voice of Germany.

Für jeden etwas dabei

Und die Verantwortlichen der RTL-Sendung Das Supertalent nehmen die neue Konkurrenz ernst. Kurzfristig wurde eine "Extra-Folge" am Donnerstagabend ins Programm genommen. So kommt es, dass man diese Woche gleich an zwei Tagen das zweifelhafte Vergnügen hat, ein Dutzend - zum Teil äußerst skurrile - Kandidaten beim "Dieter" bestaunen zu können. Die schieren Zahlen sagen es schon: Während gestern beim RTL- Supertalent von zwölf Bewerbern zehn scheiterten, wurden bei der Voice auf Pro Sieben nur drei von dreizehn aussortiert. Also, alles bereit für das "Kuschel-Casting".

In der prominent besetzten Jury saßen als "Coaches": Nena, Xavier Naidoo, Reamonn-Sänger Rea Garvey und zwei Bandmitglieder von The BossHoss, Alec Völkel und Sascha Vollmer.

Das zuständige Casting-Büro hatte bei der Bewerberauswahl ganze Arbeit geleistet. Für jeden war etwas dabei: unter anderem zweimal der Typ hübscher Nachbarsjunge (einer Amateurfußballer, der andere "Langschläfer mit toller Stimme"), zwei Model-Mädchen (eine schwarzhaarig, die andere blond), zwei Schwarze (einer etwas "freakig", der andere Vollprofi), ein Schwuler, von einem Zwillingspaar der Schüchternere, eine selbstbewusste dicke und eine etwas ältere Dame, Typ "natural woman". Singen konnten sie alle.

Aber bereits an dieser Zusammenstellung merkte man, woran es bei der Sendung hakt. Der Eindruck von Ehrlichkeit sollte mit viel Aufwand herbeiinszeniert werden. Alle, die nicht auch problemlos bei Deutschland sucht den Superstar hätten auftreten können, mussten sich in ihren Einspielfilmchen erst mal erklären. Den Mut, eine Übergewichtige nicht zu ihrem Körper zu befragen oder eine über 50-Jährige unkommentiert neben einer 16-Jährigen auftreten zu lassen, hatte The Voice of Germany nicht.

Vielleicht gab es bei manchen aber dennoch das eine oder andere Aha-Erlebnis. Schließlich waren die besten Bewerber des Abends mal nicht die mit den hübschesten Gesichtern. Die 30-jährige Sharron Levy beeindruckte mit ihrer rotzigen Version von Alicia Keys' Fallin', die 53-jährige Pamela Falcon überzeugte alle "Coaches" mit einer waghalsigen Aretha-Franklin-Nummer und die Stimme des hageren Rino Galiano machte sogar Xavier Naidoo neidisch.

Wer in der ersten Werbepause mal kurz zu RTL rübergezappt hatte, den überkam im weiteren Verlauf der mehr als zweistündigen Sendung allerdings immer öfter das Bedürfnis nach einer kurzen Prise Supertalent. Nicht wegen des billigen Zynismus von Dieter Bohlen, sondern wegen der flotteren Dialoge und der größeren Attraktionen. Können die besten Gesangstalente auf Dauer mit Nasen-Klavierspielern und strippenden Feuerschluckerinnen mithalten? Nun, gestern Abend war es phasenweise schwierig.

Merkwürdige Zwischenfälle

Zumal es auch mit der Ehrlichkeit bei The Voice manchmal haperte. Mindestens einmal verplapperte sich Coach Nena und nannte die Bewerberin Pamela Falcon beim Vornamen, bevor diese sich vorgestellt hatte. Merkwürdig auch, dass Coach Xavier Naidoo den Bewerber Charles Simmons nicht erkannte, obwohl dieser doch als Dozent an der Popakademie Mannheim unterrichtet, die von Naidoo immerhin mit ins Leben gerufen und mit Konzerten unterstützt wurde.

Ungeachtet dieser kleineren Unstimmigkeiten bot sich den Zuschauern tatsächlich das Bild einer harmonischen Casting-Show - ein Unterfangen, das bei der harten Konkurrenz von Talentshows, wie gesagt, aller Ehren wert ist. In den nächsten Runden von The Voice of Germany werden die Talente, die in der Vorrunde noch "blind" ausgewählt wurden, in Livesendungen am Donnerstag auf Pro7 und freitags bei Sat1 gegeneinander antreten. Dann wird auch der Ton unter den Coaches hoffentlich noch etwas rauer werden.

Die Fernsehzuschauer können erst im Finale mitbestimmen, wer "Deutschlands beste Stimme" wird. Vielleicht schaffen es auch noch ein paar unerwartete Kandidaten bis dahin. Und Dieter Bohlen bleibt in Zukunft hoffentlich bei Samstag.

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