TV-Kritik "We love Lloret" Kinders, bleibt zu Hause

"Spanien? Irgendwo hier, oder?". Privatfernseh-Zuschauer kommen ganz schön herum in diesen Tagen. Am Mittwoch konnten sie mit Hilfe von RTL auf Ibiza "Teenies auf Partyurlaub" beobachten, am Donnerstag hieß es auf Pro Sieben "We love Lloret". Wer das gesehen hat, kann nur sagen: Kinders, bleibt zu Hause. War ohnehin wenig Sonne am ersten Tag.

Von Marko Langer

Schön an dieser Sendung: Sie ist gut verständlich. Zunächst wird im Intro der Schauplatz mit dem Finger auf der Landkarte grob geklärt: "Spanien? Warte mal ... irgendwo hier, oder?" Dann treffen sich die Darsteller in der Finca Fiesta mit Swimmingpool, Luxuszimmer und übergroßen Badewannen. Weitere Zutaten: Immer mehr Alkohol und immer weniger Kleidungsstücke.

Man muss da nicht hin. Auch wenn man in der 250-Quadratmeter-"Finca Fiesta" acht wunderbar anzusehende junge Leute aus dem Ruhrgebiet kennenlernen soll. Die Männer sind: Jerome, 22, Industriemechaniker mit tätowiertem und gestähltem Körper. Matthias, 22, "der Pole", ein Bauarbeiter aus Bochum. "Maikiboy", 22, ein Bodenverleger aus Dortmund, und schließlich Emilio, 19, aus Essen, ein Altenpfleger. Dass Emilio in Wirklichkeit Tim heißt, ist egal. Dass die Jungs alle offenbar einen ordentlichen Beruf gelernt haben, weniger. Denn den werden sie auch nach sechs Folgen "We love Lloret" noch brauchen, das steht fest.

"Manchmal bin ich ein bißchen hohl"

Die Frauen? Als da sind: Lory Glory, 22, Friseurin aus Essen. Leo, 21 - "Ich verschlinge die Männer zum Frühstück" -, blonde Büroangestellte aus Essen. Dann noch Ling Ling, ebenfalls 21 und Mutter einer dreijährigen Tochter. Und schließlich die Hausfrau Vanessa, 21, die in dieser Dokusoap genannten Sendung den Kampfnamen "Bauer" trägt und sehr früh in die Kamera sagt: "Manchmal bin ich ein bißchen hohl, aber meine Freunde lieben mich."

Das also sind die acht Helden dieser Sendung, die ganz bestimmt wirklich so heißen und auch bei "Big Brother" hätten einziehen können. Sie werden - so viel sei ohne intime Kenntnis der Produktionsgeheimnisse an dieser Stelle verraten - in den nächsten Wochen auf Pro Sieben am Pool liegen, saufen, Party machen, sich schminken, herumknutschen, "Titten und Ärsche, Ärsche und Titten" (Zitat) begrabschen und damit das Programm zwischen "Popstars" und der Sendung "Das Model und der Freak" füllen. Also eine "PfM", programmfüllende Maßnahme. Langweilig. Nicht lustig.

Dabei war das ein wichtiger Abend für Pro Sieben: Die neue Popstars-Staffel (inzwischen die zehnte Auflage) sendet gegen den Trend der Casting-Müdigkeit an, und sie tut das unter anderem, indem die Kandidaten sich für einen Workshop in - Überraschung - Ibiza qualifizieren. Die oben erwähnten RTL-Teenager von Mittwochabend dürften dann ja abgereist sein. Wenn man den acht Gestalten aus "We love Lloret" zusieht, sehnt man sich jedenfalls sofort zurück zur jungen, singenden Kimberly mit ihrer Zahnspange, die kurz nach 22 Uhr bei Popstars am strengen Ross Anthony gescheitert war. Ross Anthony? War der nicht auch mal für RTL auf Fernreise? Ach, man kommt ja ganz durcheinander.

Der Gipfel an Dramatik: "Hier wohnt der Babba"

Das findet Maikiboy in Lloret auch. "Wo bin ich hier? Brüste, Arsch, Brüste, Arsch ..." Derweil ruft Leo: "Wo ist mein goldener BH?" Bauer muss sich von den anderen Frauen im Camp (Moment, wieder falsche Sendung) als "Du alte Pottsau" bezeichnen lassen, als sie sich an allen ihrer Ansicht nach notwendigen Körperstellen mit Parfüm besprüht. Oder war es nur ein Deo?

Notwendig wäre Deo bestimmt. Denn nach der Ankunft in der Villa (noch in Jacke bei bewölktem Himmel) sind es plötzlich "30 Grad im Schatten, da sprudeln die Hormone bei der Partytruppe", wie der Sprecher erklärt. Jerome, der mit dem tollen Body, hat inzwischen "getrunken, getrunken, getrunken, trunken, trunken" und sein Luxuszimmer gegen "Bauer" und Ling Ling verteidigt. Denn: "Hier wohnt der Babba." Das ist dann auch schon der Gipfel an Handlungsdramatik in einer Stunde "We love Lloret".

Eben ein wichtiger Abend für Pro Sieben. Und wie das an wichtigen Abenden im Fernsehen so ist, haben sich die Pro-Sieben-Macher auf "Popstars" konzentriert in der Hoffnung, dass das reichen möge. In Lloret dagegen, da haben sie es einfach mal so laufen lassen. Man wünscht sich, es wäre wenigstens ordentlich gescriptet, aber bei den Autoren hat sich die Produktion offenbar zurückgehalten. Die Schnitteffekte mit gestanzten Blue-Box-Statements vor bewegten Bildern hat man seit der Erfindung durch die "Ultimative Chart-Show" und Etablierung in ähnlichen Formaten schon so oft gesehen, und der Musikeinsatz hinkt um Längen anderen Dokusoap-Formaten hinterher. Let's talk about sex, Señorita, Je t'aime, ja, ja. Alles schnell draufgeklebt und, wie alles in der Sendung, gefühllos und ziemlich klebrig.

"We love Summer", behauptet Pro Sieben in der Werbepause. Und kündigt für Samstag Joko und Klaas bei "17 Meter" an. Bis dahin heißt es für die Pro-Sieben-Zuschauer: durchhalten. Lloret ist kein Zufluchtsort. Auch wenn für kommende Woche der - neben Udo Jürgens - berühmteste Bademantel-Träger der Unterhaltungsbranche angekündigt ist: Partymacher Don Francis. Wem schon in der zweiten Folge derart die Story ausgeht, dem kann man nur Glück wünschen mit den "Ruhrpott-Schnecken" und den Jungs, die am Pool "Fiesta Mexicana" anstimmen. "Spanien? Warte mal ... irgendwo hier, oder?"

Marko Langer ist Journalist und Geschäftsführer von LANGER+LEUTE in Köln. Mehr von ihm im Blog www.langerundleute.de.

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